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Wie ein Ofen für Guezliteig – nach Stellenabbau und Verlagerung zeigt sich Sia Abrasives wieder zuversichtlich

Nach der Verlagerung der Konfektionierung und dem Abbau von 200 bis 250 Stellen in Frauenfeld schaut Sia Abrasives nach vorne. Der neue Unternehmenschef Michael Kopka zeigt sich guten Mutes, wachsen und Marktanteile gewinnen zu können.
Thomas Griesser Kym
Michael Kopka, seit gut drei Monaten Chef der Sia Abrasives, demonstriert am Thurgauer Hauptsitz des Unternehmens ein flexibles Schleifmittel. (Bilder: Andrea Stalder (Frauenfeld, 5. Juni 2019))

Michael Kopka, seit gut drei Monaten Chef der Sia Abrasives, demonstriert am Thurgauer Hauptsitz des Unternehmens ein flexibles Schleifmittel. (Bilder: Andrea Stalder (Frauenfeld, 5. Juni 2019))

«Schleifmittel herstellen ist wie einen guten Guezliteig backen.» Das sagt Michael Kopka, der Sia Abrasives leitet. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Frauenfeld gehört seit gut zehn Jahren zum deutschen Bosch-Konzern und zählt sich zu den Top 3 auf dem Weltmarkt für flexible Schleifmittel, neben 3M und Saint Gobain Norton. Kopka hat seine gesamte berufliche Karriere bei Bosch absolviert; begonnen hat er 1992 als Management Trainee, und später hat ihn die Arbeit auch in die USA, nach Australien und China geführt. Zuletzt war Kopka verantwortlich für Verkauf und Marketing der Bosch Thermotechnik und ihrer Grossanlagen.

Seit gut drei Monaten erst ist Kopka, 53-jährig, Chef der Sia Abrasives. Er führt in Frauenfeld durch das moderne Schleifmittelwerk, den «Maker 5». Kopka nennt es «das Herzstück» des Unternehmens. 2012 wurde das Werk in Betrieb genommen. Die Anlage samt des Baus der Halle hat 55 Millionen Franken gekostet. Es ist dies bis dato die grösste Einzelinvestition, die der Geschäftsbereich Bosch Power Tools je getätigt hat, zu dem Sia Abrasives gehört. Auf dem «Maker 5», ein gigantischer Ofen, werden die Schleifmittel hergestellt. Dabei wird eine Unterlage, zum Beispiel aus Papier, Gewebe oder Kunststofffolie, auf der Rückseite bedruckt. Anschliessend wird der Grundbinder aufgetragen, es folgt als Schleifmittel die Kornstreuung und dann der Deckbinder. Danach wird das Material zu Jumborollen aufgerollt.

Die Konfektionierung ist nach Polen verlagert worden

Früher wurden die Schleifmittel in Frauenfeld auch konfektioniert, doch im November 2015 kündigte Sia Abrasives an, die Konfektionierung, also den Zuschnitt der Schleifmittel und die Verpackung, nach Polen zu verlagern. Dies einerseits aus Kostengründen, denn als Folge der Aufwertung des Frankens nach der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Nationalbank erlitt Sia Abrasives, die 90 Prozent ihrer Produkte exportiert, am Schweizer Standort preisliche Wettbewerbsnachteile. Zum anderen liege Polen geografisch günstiger an den Hauptmärkten der Sia Abrasives, man könne also die Kunden schneller und effizienter beliefern.

Bei der Ankündigung der Verlagerung hiess es, der Schritt werde 250 der 720 Arbeitsplätze kosten. Mittlerweile ist der Abbau auf der Zielgeraden, und der Sozialplan steht vor dem Abschluss. Kopka spricht von insgesamt 131 Kündigungen und 45 Frühpensionierungen. Inklusive der natürlichen Fluktuation habe Sia Abrasives 200 bis 250 Stellen abgebaut, man beschäftige nun noch 450 bis 500 Mitarbeitende. Konkreter will Kopka «mit Blick auf die Konkurrenz» nicht werden.

Aus diesem Grund müssen auch die Dimensionen und die Produktionskapazität des «Maker 5» geheim bleiben, und über Umsatz- und Ertragszahlen gibt Sia Abrasives als Teil des Bosch-Konzerns auch keine Auskunft mehr. 2007, dem letzten Jahr, bevor Bosch das Unternehmen kaufte und anschliessend von der Börse nahm, setzte Sia Abrasives 298 Millionen Franken um. Und Kopkas Vorgänger als Firmenchef, Martin Küper, nennt auf seinem Profil auf Linkedin als aktuellste Zahl «300 Millionen Euro». Ob Sia Abrasives ein gesundes Unternehmen mit vernünftigen Cashflows und ordentlichen operativen Margen sei? Auf diese Frage antwortet Kopka, «es geht uns besser als vor ein bis zwei Jahren».

Ein Versprechen für den Standort Frauenfeld

Viel lieber spricht er von Innovationen. Zum Beispiel ein Schleifmittel für Autolackierer, das dank eines Prozessschrittes weniger und optimierter Kornqualität die Arbeitszeit um 20 Prozent senke und den Bedarf an anderen Artikeln um 70 Prozent reduziere. Oder eine Schleifscheibe mit netzartiger Struktur, die dank der Löcher eine aggressivere Schleifleistung und eine längere Lebensdauer biete. «Unser Ansatz ist es, den Erfolg der Nutzer zu vergrössern», sagt Kopka. Und dazu müsse Sia Abrasives ihre Kunden und deren Kunden verstehen sowie die Prozesse und Anwendungen. Das bedingt Fitness in der Forschung und Entwicklung. Kopka hat in diesem Zusammenhang einen vor seiner Zeit eingeleiteten Wandel der Firmenkultur forciert. «Wir arbeiten nicht mehr in Silos, sondern bilden jeweils agile Teams, die interagieren und manchmal auch nur für ein Projekt zusammenarbeiten.» Dazu gehöre auch, den Mitarbeitenden zu vertrauen und ihnen gewisse unternehmerische Entscheide zu überlassen. Dieser Ansatz scheint sich auszuzahlen: «Wir haben die Entwicklungszeit für neue Lösungen von 24 bis 36 Monate auf 12 Monate gedrückt», sagt Kopka.

Schleifscheiben der Sia Abrasives.

Schleifscheiben der Sia Abrasives.

Die Investition in den «Maker 5» sieht Kopka auch als Bekenntnis der Sia Abrasives zum hiesigen Werkplatz. «Die Anlage steht nicht zufällig hier. Sie ist Garantie, dass Frauenfeld eine nachhaltige Zukunft hat. Frauenfeld ist unsere Basis. Hier haben wir unser Know-how, die Intelligenz und Erfahrung.» Und von dieser Basis aus will Kopka auch weiter wachsen. So schwebt ihm vor, den Weltmarktanteil der Sia Abrasives von gut 10 Prozent mittelfristig auf 15 Prozent zu steigern. «Wir haben mit unserer starken Marke Potenzial.» Entwickelt sich Sia Abrasives so, wie sich Kopka das vorstellt, dürften in Zukunft weitere Investitionen zum Thema werden. Und längerfristig auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Nur die Konfektionierung der Schleifmittel, also das Ausstechen der Guezli aus dem Teig, die wird nicht nach Frauenfeld zurückkommen.

Sia Abrasives hat sich Bosch an die Brust geworfen

Die Wurzeln der Frauenfelder Sia Abrasives Industries AG reichen
zurück bis ins Jahr 1867. Damals wurde das Unternehmen als chemische Fabrik gegründet. Im Zuge der erwachenden industriellen Revolution nahmen auch die Ansprüche an die Qualität zu, und das erforderte neue Werkzeuge, zum Beispiel für den Feinschliff von Oberflächen. So begann das Unternehmen am heutigen Standort an der Mühlewiesenstrasse im Jahr 1875 mit der Herstellung von Schmirgelpapier und Schmirgeltuch. Damit besetzte der Betrieb eine Marktlücke. 1914 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, die Schweizer Schmirgel- und Schleifindustrie AG, Frauenfeld.

Der deutsche Konzern als weisser Ritter

Das Unternehmen ist heute einer der weltgrössten Hersteller flexibler Schleifmittel und fokussiert auf Kunden der Branchen Automobil, Luftfahrt, Holz- und Möbelbau, Innenausbau sowie Metallbau. 1999 ging Sia Abrasives an die Schweizer Börse, und in den Jahren 2001 und 2005 expandierte sie durch Übernahmen in Grossbritannien ins Geschäft mit Vliesschleifmitteln und mit Schleifschwämmen. 2008 widersetzte sich Sia Abrasives unter Verwaltungsratspräsident Peter A. Schifferle und Konzernchef Roland Eberle einem als feindlich empfundenen Übernahmeversuch durch den Schaffhauser Industriellen und Investor Giorgio Behr und fand im deutschen Bosch-Konzern einen weissen Ritter, der Behr dessen 40-Prozent-Paket an Sia-Aktien abkaufte und das Unternehmen bis 2009 vollständig übernahm. Im gleichen Jahr wurden die Sia-Aktien an der Börse dekotiert. (T. G.)

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