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Wie die Schweizer Cola-Alternative Vivi Kola verschwand und jetzt die Welt erobert

Vivi Kola feierte einst Erfolge als Schweizer Coca-Cola-Alternative – bis es 1986 plötzlich verschwand. Seit 2010 ist das Getränk wieder auf dem Markt. Das Geschäft brummt.
Benjamin Weinmann
Links das ursprüngliche Etikett von Vivi Kola aus den 30er-Jahren, rechts die neue 33-Zentiliter-PET-Flasche im moderneren Design. (Bild: Keystone / Montage)

Links das ursprüngliche Etikett von Vivi Kola aus den 30er-Jahren, rechts die neue 33-Zentiliter-PET-Flasche im moderneren Design. (Bild: Keystone / Montage)

«Ich war damals erst 13 Jahre alt», sagt der heutige Inhaber über das Aus von Vivi Kola in den 80er-Jahren. Doch Christian Forrer erinnert sich an die Umstände, die das vorläufige Ende der Firma besiegelten. «Es tobte die grosse Schlacht zwischen Coca-Cola und Pepsi, die ganze Aufmerksamkeit galt ihnen.» Die Schweizer Antwort auf das Original-Cola aus Atlanta hatte einen schweren Stand. Vivi Kola, 1938 gegründet, gehörte nach mehreren Besitzerwechseln zum Schluss Feldschlösschen, abgefüllt wurde es in der Mineralquelle Eglisau im Zürcher Unterland.

Als Feldschlösschen die Schweizer Abfüllrechte für Pepsi erhielt, entschloss sich der Bierkonzern, die Produktion von Vivi Kola 1986 einzustellen. Die Flaschen mit der farbigen Weltkarten-Etikette, die Kamerun als Herkunft der verwendeten Kola-Nüsse zeigte, waren Vergangenheit. Die Marke war tot. Doch heute, 33 Jahre später, ist Vivi Kola wieder quicklebendig und auf Erfolgskurs.

Der Streit um «Rivi-Cola»

Wie war dieses Comeback möglich? Nach dem stillen Aus der Marke, die einst für ihren Slogan «chlöpft uf» und ihr Tour-de-Suisse-Sponsoring bekannt war, vergehen einige Jahre. Christian Forrer ist mittlerweile als Grafiker tätig und betreibt mit seinem Lebenspartner eine Firma für Start-ups. «2005 kam ein Kollege aus Eglisau mit der Idee auf mich zu, Vivi Kola wiederauferstehen zu lassen. Ich war vom Vorschlag begeistert.» Forrer hat als gebürtiger Eglisauer eine spezielle Bindung zur verschwundenen Marke. «Ich hatte als Bub Plakate, alte Fläschchen und Werbematerial von Vivi Kola gesammelt.» Nur: Die Marke gehört inzwischen einem Anwalt, der eigene Pläne damit hat. Nach mehreren Gesprächen gibt Forrer seine Pläne wieder auf – bis er drei Jahre später erfährt, dass das Recht an einer Marke erlöschen kann, wenn sie längere Zeit ungenutzt bleibt. Forrer wagt einen neuen Anlauf und erhält die Rechte an Vivi Kola. Doch es gibt noch eine weitere Hürde. Quasi zur selben Zeit, zum Ende der 2000er-Jahre, lässt Rivella die Marke «Rivi-Cola» registrieren.

«Das führte zu einem nervenaufreibenden Streit», sagt Forrer, der schliesslich obsiegt. Rivella zieht ihren Eintrag zurück. Und somit ist es so weit: Im Juni 2010 kehrt Vivi Kola zurück, mit einer neuen Etikette, die Forrer selber entworfen hat. Die Finanzierung sei kein allzu grosses Problem und aus eigenen Mitteln möglich gewesen, sagt Forrer. Auch, weil der heute 45-Jährige und sein Partner Kurt Lambert, ein Finanzmanager und ehemaliger Hedgefonds-Unternehmer, die Flaschen nicht selber abfüllen, sondern bei Firmen wie Thurella oder Knutwiler in Auftrag geben. Seit einem halben Jahr werden die Glasflaschen in Personico TI abgefüllt, bei einem Hersteller der Tessiner Gazosa-Sodagetränke, und die PET-Flaschen bei der Fenaco-Tochter Ramseier in Elm. «Es war ein fulminanter Start, aus der ganzen Schweiz kamen Leute in unseren Laden in Eglisau», sagt Forrer. Nach drei Wochen sind die ersten 25000 Flaschen verkauft. Das Medieninteresse hilft. Fernseh- und Radiosender und Zeitungen berichten über den Getränke-Phoenix.

«Viele Händler und Restaurants wurden so auf uns aufmerksam und meldeten sich bei uns, ohne dass wir allzu grosse Anstrengungen unternehmen mussten.» In Eglisau betreibt Forrer auch ein Café mit eigener Rösterei, das später zu einer separaten Erfolgsstory wurde.

Fast zwei Millionen Flaschen

Und heute? «Das Geschäft läuft gut, wir sind profitabel und die Umsätze steigen», sagt Forrer. Zu Beginn seien es vor allem 40- bis 80-Jährige gewesen, die Vivi Kola trinken wollten, da sie es von früher kannten. Schliesslich galt Eglisau einst als beliebter Pilgerort für Schulkinder, die an freien Nachmittagen zur Fabrik pedalten, um sich ein Gratis-Fläschli zu sichern. Doch mittlerweile sei es gelungen, die Marke auch bei der jüngeren Generation bekannt zu machen, sagt Forrer. «Unsere Geschichte kommt gut an. Die Jungen finden es cool, wenn sie sagen können, ihre Grossmutter habe Vivi Kola bereits getrunken.» Es ist ein Spagat zwischen Nostalgie und Hipstertum, zwischen Kegelclub und Szene-Beiz.

Mit den 1,7 Millionen Flaschen, die Vivi Kola im letzten Jahr verkaufte, erzielte die Firma mit ihren acht Mitarbeitenden einen Umsatz im mittleren einstelligen Millionenbereich. Genaue Zahlen nennt Forrer keine. 2019 rechnet er mit weit mehr als 2 Millionen Flaschen. Trotz dem bisherigen Erfolg spricht Forrer von einem brutal umkämpften Getränkemarkt. «Uns wird nichts geschenkt.» Viele Restaurants hätten den Mut nicht, das klassische Coca-Cola durch die lokale Alternative auszuwechseln, aus der Angst, Kunden vor den Kopf zu stossen. Denn in der Gastro-Schublade, wo der Platz für Sodagetränke beschränkt ist, zeigt sich der direkte Konkurrenzkampf ­exemplarisch. «Da braucht es jeweils viel Überzeugungsarbeit.» Die Gastronomie macht zwei Drittel der Vivi-Kola-Umsätze aus.

Im Detailhandel stehen die Eglisauer Getränke in jedem dritten Migros-Supermarkt sowie in manchen Spar- und Volg-Geschäften sowie im neuen Shop-Konzept «Karma» von Coop und der Migros-Take-away-Tochter Hitzberger. In der Schweiz sieht Forrer vor allem in der Westschweiz Wachstumspotenzial. Zudem überlege man sich, ob man eine Limonade lancieren soll.

Und vor kurzem ist der jungen, alten Firma ein Coup gelungen: «Wir waren an einer Branchenmesse in Dubai und konnten Vivi Kola erfolgreich als Premium-Cola mit viel Swissness vermarkten.» Die Folge: In wenigen Tagen dürften die ersten 10 000 Flaschen nach Dubai verschifft und dort in gehobenen Restaurants verkauft werden. Wie gross das Potenzial in der Wüste sei, wisse er nicht, sagt Forrer. Er spricht von einem Abenteuer – ein Wort, das zur bisherigen Firmengeschichte gut passt.

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