Weshalb Saint-Gobain um Sika wirbt

«Eine Affäre zwischen dem Verwaltungsrat von Sika und den Aktionären.» So distanziert kommentierte eine Sprecherin von Saint-Gobain die Generalversammlung von Sika. Der französische Baustoffkonzern hält sich so weit wie möglich aus dem internen Streit des Baarer Unternehmens heraus.

Stefan Brändle/Paris
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«Eine Affäre zwischen dem Verwaltungsrat von Sika und den Aktionären.» So distanziert kommentierte eine Sprecherin von Saint-Gobain die Generalversammlung von Sika. Der französische Baustoffkonzern hält sich so weit wie möglich aus dem internen Streit des Baarer Unternehmens heraus. Aus der Ferne verfolgt er die Ausmarchung jedoch mit grösstem Interesse. Sika hat für Saint-Gobain strategische Bedeutung: Gelingt die Übernahme, kommt der Weltkonzern seinem Ziel einer Neuausrichtung einen grossen Schritt näher. Denn der traditionsreiche Glashersteller will diversifizieren.

Heute stellt er unter anderem Champagnerflaschen für bekannte Marken und Nutella-Gläser her. Diese Tätigkeit geht bis auf seine Gründung unter König Ludwig XIV. vor 350 Jahren zurück. Die «königliche Spiegelmanufaktur» sollte damals italienischen Konkurrenten Paroli bieten.

Global, aber sehr französisch

Mittlerweile ist Saint-Gobain ein profitorientierter, stark globalisierter Grosskonzern. 2014 erzielte er einen Umsatz von 41,1 Milliarden Euro und einen Reingewinn von 1,1 Milliarden Euro. Die Finanzlage ist solid. Drei Viertel der 182 000 Angestellten arbeiten ausserhalb Frankreichs – vor allem in Europa, Amerika und Asien, etwas weniger in Afrika und im Mittleren Osten.

Die Gene von Saint-Gobain sind allerdings französisch geblieben. Der Konzern fühlt sich immer noch als Teil der französischen Industriepolitik. So vor allem unter Jean-Louis Beffa, der «Président-Directeur-Général» (PDG) von 1987 bis 2007 war. Noch heute ist er einer der einflussreichsten Wirtschaftskapitäne Frankreichs mit direktem Draht bis in den Elyséepalast. Beffas Nachfolger Pierre-André de Chalendar ist der gleichen Philosophie verpflichtet: zuerst französisch, dann global. Oder genauer: Nur dann global, wenn keine französischen Interessen entgegenstehen. Das würde auch für Sika gelten.

Inhaltlich wie geographisch eher komplementär, wäre das Schweizer Unternehmen bei Saint-Gobain an und für sich gut aufgehoben. Die Franzosen bieten zudem ein weltumspannendes Vertriebs- und Kontaktnetz. Sie sind für einen französischen Konzern von dieser Grösse durchaus innovativ: Wie de Chalendar betont, ist ein Viertel aller Produkte– alle Arten von Baumaterialien von Scheiben über Gips bis zu Isolationsstoffen – weniger als fünf Jahre alt. Ausserdem lässt die Konzernzentrale in Paris ihre Tochterunternehmen an der langen Leine. Als Beispiel nennt Pierre-André de Chalendar ein weiteres Schweizer Unternehmen, die 2005 gekaufte Sanitas-Troesch. Kaum jemand wisse, dass der Küchen- und Bad-Anbieter heute französisch sei. Ähnlich wird es bei dem brasilianischen Schleifmittel-Hersteller BIC sein, den Saint-Gobain am Montag zu 70 Prozent übernommen hat.

Weg vom Kerngeschäft Glas

Mit solchen Aufkäufen versucht sich Saint-Gobain von seinem Kerngeschäft zu lösen. Auch das Kaufgebot für Sika gehorcht dieser Logik. Fast gleichzeitig mit den Übernahmeplänen gab Saint-Gobain im Dezember 2014 bekannt, sich von seiner Glas-Tochter Verallia trennen zu wollen. Deren Verkauf würde den grossen Brocken Sika finanzieren.

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