Wenn viel Geld beruhigt

Seit Mitte März kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen direkt am Markt auf. So pumpt sie 60 Mrd. € jeden Monat zusätzlich in die Wirtschaft der Eurozone. Wie stark und ob überhaupt dieses zusätzliche Geld das Wachstum fördert, werden wir nie genau wissen und wird immer umstritten bleiben.

Thomas Stucki, Anlagechef St. Galler Kantonalbank
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Seit Mitte März kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen direkt am Markt auf. So pumpt sie 60 Mrd. € jeden Monat zusätzlich in die Wirtschaft der Eurozone. Wie stark und ob überhaupt dieses zusätzliche Geld das Wachstum fördert, werden wir nie genau wissen und wird immer umstritten bleiben.

Wachsende Dynamik

Mittlerweile wächst die Wirtschaft der Eurozone wieder. Verschiedene zukunftsgerichtete Indikatoren wie die Einkaufsmanager-Indizes oder Umfragen bei Unternehmen deuten darauf hin, dass die konjunkturelle Dynamik weiter zunehmen wird. Selbst Italien und Frankreich haben im ersten Quartal zu einem Wachstum zurückgefunden, obwohl das Kaufprogramm der EZB noch gar nicht aktiv war. Bereits im Vorfeld hat die Vorfreude auf viel EZB-Geld und einen potenten Käufer viele Investoren in die europäischen Staatsanleihen getrieben. Als Folge davon sind die Zinsen in der Eurozone auf neue Tiefststände gefallen. Dies hat zwar die Refinanzierungskosten der Staaten und Unternehmen gesenkt. Zu einer Ausdehnung der Kreditvergabe der Banken oder einer Ausdehnung der Kapitalaufnahme der Unternehmen hat dies jedoch nicht geführt.

Euro unattraktiv gemacht

Ausgenommen sind die boomenden Hypotheken, welche die Nachfrage nach Immobilien und die bereits stark gestiegenen Immobilienpreise weiter angeheizt haben. Mit ihren immer neuen Ideen für eine noch expansivere Geldpolitik hat die EZB den Euro unattraktiv gemacht. Gegenüber dem Dollar verlor er seit Mitte 2014 über 20% an Wert. Für die europäische Exportindustrie war dies ein Geschenk der üppigen Art. Der monatliche Handelsbilanzüberschuss der Eurozone ist seit dem letzten Sommer von 15 Mrd. € Euro auf über 20 Mrd. € gestiegen. Damit wurde aber nur ein Trend fortgesetzt, der seit 2011 anhält und der viel mit der wirtschaftlichen Erholung in den USA und in Asien zu tun hat.

Mehr Ruhe in der Eurozone

Über den direkten Einfluss des EZB-Programms kann man geteilter Meinung sein. Eines lässt sich aber ohne Wenn und Aber feststellen. Das Programm hat mit seiner Grösse und Ausgestaltung die Finanzmärkte beeindruckt. Der Ruf nach immer neuen Massnahmen, welche die EZB-Politik bisher prägten, sind verstummt. Jene Pessimisten, die die Eurozone als ewigen Sanierungsfall bezeichnen, haben die Aufmerksamkeit ihres Publikums verloren. Es ist ruhig geworden in der Eurozone. Diese Ruhe ist eine gute Grundlage, um das Vertrauen der Unternehmer und Konsumenten wieder zu gewinnen. Damit ist eine wichtige Voraussetzung erfüllt, damit auch in der Eurozone wieder mehr investiert wird. Die EZB muss dieses Programm jetzt laufen lassen. EZB-Präsident Mario Draghi weist zu Recht alle Aussagen zurück, die angesichts höherer Erdölpreise und besserer Wirtschaftsdaten bereits über eine Kürzung oder vorzeitige Beendigung der EZB-Käufe spekulieren. Was die Eurozone jetzt braucht, ist eine ruhige und verlässliche Geldpolitik. Der Anfang ist nach Anlaufproblemen nun endlich gelungen.