«Weltoffen und den Wurzeln treu»

Rivella hat sich – auch unter Mithilfe des Westschweizer Designers Yves Béhar – erneuert. Ein Gespräch mit Christoph Schindler, Leiter Objektdesign an der Hochschule Luzern und selber Produktgestalter, über den Wandel bei Rivella.

Hans Bärtsch
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Jünger und dynamischer werden, aber gleichzeitig der über 60jährigen Geschichte treu bleiben – so lauteten die Vorgaben für die neuste Rivella-Flasche. (Bild: pd)

Jünger und dynamischer werden, aber gleichzeitig der über 60jährigen Geschichte treu bleiben – so lauteten die Vorgaben für die neuste Rivella-Flasche. (Bild: pd)

Herr Schindler, das Schweizer Traditionsgetränk Rivella hat sich ein neues Kleid gegeben. Finden Sie das Design gelungen?

Christoph Schindler: Ich habe die neue Flasche in einer Situation gesehen, die für mich eng mit Rivella in Verbindung steht, nämlich in den Skiferien in Bergün. Sie hat mich unter den anderen Erfrischungsgetränken im Regal sofort angesprochen. Ich war überrascht, wie altbacken mir die bisherige Flasche plötzlich vorkam.

Was gefällt Ihnen an der neuen Rivella-Flasche besonders?

Schindler: Der Bezug zwischen der Flaschenform und dem Etikett ist mit der Konturstanzung klug und einzigartig gelöst, das neue Logo tritt viel deutlicher hervor als bisher.

Bei einer Neupositionierung der Marke geht es ja immer auch darum, die Balance zwischen der Tradition und der Moderne zu finden. Ist Rivella das in diesem Fall gelungen?

Schindler: Das Farbkonzept der Etiketten, das an Bierflaschen erinnernde Braun des Kunststoffs und die Kleinbuchstaben des Schriftzugs wurden fortgeführt. In der Art, wie nun das Schweizerkreuz und das Bergpanorama unterschwellig in die Grafik integriert sind, sehe ich eine optimistische und weltoffene Schweiz, die gleichzeitig ihren Wurzeln treu bleibt.

Rivella hat zweierlei erneuert – die Form der Flasche inklusive Riffelung wie auch den Schriftzug. Überzeugt Sie beides?

Schindler: Die Form der Flasche und der Schriftzug sind aus einem Guss. Stellen Sie sich einmal die neue Flasche mit dem alten Schriftzug vor, das sähe unmöglich aus.

Rivella hatte mit dem Westschweizer Yves Béhar einen international bekannten Designer beauftragt. Auch andere Schweizer Getränkehersteller setzten schon auf Berühmtheiten – Valser auf Luigi Colani (1990) und Mario Botta (2001). Sind bekannte Namen automatisch Erfolgsgaranten?

Schindler: Natürlich nicht. Wie die beiden anderen genannten Gestalter hat auch Yves Béhar eine ganz persönliche Produktsprache gefunden, die er bereits auf andere Gegenstände angewandt hat. Er scheint mir eine gute Wahl zu sein: Als Auslandschweizer mit Büro in San Francisco kann Béhar die Marke Rivella in einen grösseren Kontext stellen und so Rivella bei dem lang gehegten Wunsch unterstützen, ihre Produkte auch ausserhalb der Schweiz zu positionieren.

Ihnen sind vielleicht auch Beispiele bekannt, wo ein neues Design nicht zu mehr, sondern zu weniger Erfolg für das Unternehmen oder das Produkt geführt hat. Können Sie solche nennen?

Schindler: Ehrlich gesagt fällt mir da kein Beispiel ein.

Die am besten designten Lebensmittelprodukte lassen sich nicht gut verkaufen, wenn der Konsument nicht darauf anspricht. Um bei Getränken und Getränkeverpackungen zu bleiben – was sind die Todsünden, mit denen Käufer vergrault werden?

Schindler: Das Produkt muss die Aussagen einlösen, welche die Verpackung etwa über Authentizität, Wertigkeit, enthaltene Menge, Gesundheit und Preisniveau macht.

Umgekehrt gefragt: Wie wird ein Getränk zu einem Kultgetränk? Welcher Anteil am Erfolg kommt dabei dem Design zu?

Schindler: Bei einem generischen Erfrischungsgetränk wie etwa Zitronenlimonade ist die Verpackung alles. Rivella ist auf diesem Markt die grosse Ausnahme, da es sich mit seinem hohen Molkeanteil stark über Inhalt und Geschmack definiert. Eine Milchlimonade passt ausgezeichnet zu einer Nation, in der Kühe so sehr zum Selbstverständnis gehören, dass man auf dem Zürcher Flughafen mit einem Muhen begrüsst wird.

Coca-Cola ist wohl das bekannteste Getränk der Welt. Sowohl die Flasche als auch der Schriftzug wurden im Verlauf der Jahre immer wieder erneuert. Offensichtlich hatte das Unternehmen damit ein goldenes Händchen. Wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg von Coca-Cola, obwohl das Süssgetränk seit 100 Jahren exakt gleich schmeckt?

Schindler: Bei Coca-Cola sehe ich zwei Erfolgsfaktoren. Da ist zum einen – trotz aller Anpassungen – diese ungeheure Konstanz. Das Design der Coca-Cola-Flasche überstand in seinen Grundzügen das gesamte 20. Jahrhundert, in dem in vielen Teilen der Welt kein Stein auf dem andern blieb. Zum andern gelang es Coca-Cola auf einzigartige Art und Weise, seine Marke mit der Popkultur zu verschmelzen, ich denke da etwa an Andy Warhol und den Weihnachtsmann. Stellen wir uns vor, dass Rivella dem Entwurf von Yves Béhar bis 2116 treu bleiben müsste, um wie die Coca-Cola-Flasche einen 100. Geburtstag feiern zu dürfen. Das Zeug dazu hätte er allerdings.

Christoph Schindler, Designer. (Bild: pd)

Christoph Schindler, Designer. (Bild: pd)