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Interview

Die Handelsstreitigkeiten schlagen hohe Wellen – Ökonomin im Interview: «Der Welthandel reagiert sehr empfindlich»

Die Konjunktur wird schwächer, die Handelsstreitigkeiten sind ungelöst. Dennoch brummen die Börsen. Das liege in erster Linie an der Aussicht auf eine Zinssenkung durch die US-Notenbank, sagt Ökonomin Caroline Hilb Paraskevopoulos.
Thomas Griesser Kym
Die Handelsstreitigkeiten schlagen hohe Wellen und drosseln die Entwicklung des Welthandels. (Bild: Maersk/PD)

Die Handelsstreitigkeiten schlagen hohe Wellen und drosseln die Entwicklung des Welthandels. (Bild: Maersk/PD)

Aktien, Obligationen, Gold und andere Rohwaren, Immobilien – alle florieren. Anleger konnten sich in der ersten Hälfte des laufenden Jahres fast nicht die Finger verbrennen. Wie das kommt, obwohl die Konjunktur abkühlt und die Handelsstreitigkeiten andauern, weiss Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leitern Anlagestrategie und Analyse bei der St. Galler Kantonalbank.

Im ersten Halbjahr haben ausser den Fremdwährungen alle Anlageklassen zugelegt. Woran liegt’s?

Caroline Hilb Paraskevopoulos: Es gibt drei Triebkräfte: erstens die Aussicht, dass die US-Notenbank Fed ihren Leitzins senken wird. Zweitens bleibt die Europäische Zentralbank, die EZB, auf ihrem expansiven geldpolitischen Kurs. Und drittens haben sich die Rezessionssorgen von Ende 2018 nicht bestätigt.

Dennoch hat sich die Weltkonjunktur eingetrübt. China leidet zunehmend unter den US-Strafzöllen, die US-Wirtschaft hat an Schwung verloren.

Die Industrieproduktion rund um den Globus wird schwächer. Das ist einerseits eine Folge der Handelskonflikte, andererseits befindet sich der Konjunkturzyklus in einer späten Phase. Beides führt dazu, dass Unternehmen vorsichtiger werden und weniger investieren.

Also steht die Weltkonjunktur doppelt unter Druck.

Die beiden Einflussfaktoren verstärken sich gegenseitig. Der Welthandel re­agiert sehr empfindlich. Exporteure sind in ihrem Geschäft naturgemäss vielen Risiken ausgesetzt, nun kommt noch die Ungewissheit mit dem Handelsstreit hinzu. Das ist kritisch, und darum ist es angemessen, dass die Fed mit einer Zinssenkung reagieren wird.

Kritisch für die Weltkonjunktur, aber trotzdem keine Sorgen um sie?

Nein. Ich mache mir keine Sorgen. Denn in vielen Ländern, von den USA über China bis in die Schweiz, funktioniert der Dienstleistungssektor und damit die Binnenkonjunktur gut. Das kompensiert Abschwächungen im Export. Der Dienstleistungssektor ist ein stabiler Pfeiler, das zeigt sich auch daran, dass sich der Privatkonsum sehr gut hält.

In der Schweiz ist der Einkaufsmanagerindex auf den tiefsten Stand seit Oktober 2012 gefallen. Kein Grund zur Besorgnis?

Die Schweizer Industrie spürt, dass es der deutschen Autoindustrie und der europäischen Wirtschaft nicht mehr so gut geht. Aber das bewegt sich auch im Rahmen des normalen Konjunkturgangs. Wir sehen eine Abschwächung, aber keine Rezession.

Im Handelsstreit der USA mit China gab es jüngst Zeichen einer Entspannung. Grund zur Zuversicht?

Nach dem G-20-Gipfel reden Amerika und China wieder miteinander. Die USA haben die Blockade gegen Huawei aufgehoben, China kauft im Gegenzug grosse Mengen an US-Soja. Das sind Gesten eines wechselseitigen Entgegenkommens. Es kommt vorläufig nicht zu einer Eskalation.

Echte Zuversicht tönt anders.

Bestehende Zölle bleiben in Kraft, die Verhandlungen beginnen von neuem. Gelöst ist der Konflikt erst, wenn Zölle gesenkt werden und wenn es nachhaltige Einigungen gibt betreffend Marktzugang und Schutz des geistigen Eigentums.

Und das kann noch dauern?

Die Fronten sind nach wie vor verhärtet. Die USA und China verfolgen gegensätzliche wirtschaftliche Interessen. Hinzu kommt die geopolitische Ebene wie beispielsweise das Thema Nordkorea. Das alles macht die weitere Entwicklung einerseits unberechenbar. Auf der anderen Seite stehen sowohl US-Präsident Donald Trump vor den nächstjährigen Präsidentschaftswahlen wie auch der chinesische Staatschef Xi Jinping innenpolitisch unter Erfolgsdruck.

Inwieweit ist es denkbar, dass Trump wieder verstärkt gegen Europa und die deutsche Autoindustrie vorgeht?

In den Handelsgesprächen zwischen der EU und den USA sowie beim Thema drohender US-Sonderzölle auf deutschen Autoexporten ist noch nichts gelöst. Kommt hinzu, dass die Branche schon so grosse Probleme hat. Die deutsche Autoindustrie ist nach dem Dieselskandal das grösste konjunkturelle Risiko.

Ein weiteres Streitfeld ist der Persische Golf mit dem militärischen Konflikt der USA mit dem Iran. Ein Risiko für die Ölmärkte?

Für den Ölpreis ist dieser Konflikt kein nachhaltiger Treiber, denn das Ölangebot auf dem Weltmarkt ist hoch. Längerfristig sind die Risiken grösser, denn die Konflikte im Nahen und im Mittleren Osten zwischen Israel und der arabischen Welt sowie den arabischen Ländern untereinander bergen ein hohen Destabilisierungspotenzial.

Einzelne Analysten mutmassen, Trump könnte die zahlreichen Streitigkeiten am Köcheln halten, um Druck auszuüben auf die Fed für Zinssenkungen.

Von dieser Theorie halte ich nichts. Die Fed ist unabhängig, und Trump kann die Notenbank nicht zu seiner Marionette machen. Die Fed schaut auf die wirtschaftliche Entwicklung, nicht auf Trumps Konflikte.

Würde eine Einigung im Handelsstreit mit China die Investitionsbereitschaft der Unternehmen erhöhen?

Das bräuchte eine fundamentale Einigung. Und auch dann würde es eine gewisse Zeit dauern. Denn wenn sich zum Beispiel die Marktzugangsregeln in China ändern, müssten sich die Unternehmen zuerst organisatorisch darauf einstellen.

Was bedeutet die Aussicht auf tiefere Zinsen für die Schweizerische Nationalbank, die SNB?

Was die Fed macht, ist für die SNB weniger wichtig. Entscheidender sind die EZB und der Wechselkurs des Frankens zum Euro. Falls die EZB ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte senkt und der Franken steigt, muss die SNB nachziehen. Falls die EZB aber wie erwartet im September lediglich ihren Einlagesatz leicht zurücknimmt, kann die SNB stillhalten.

Nach dem fetten ersten Halbjahr für die Anleger: Was bringt Ihnen das laufende zweite Semester?

Die Abschwächung der Konjunktur ist im Gang, hinzu kommt die Aussicht auf Zinssenkungen – an und für sich wäre der Zeitpunkt ideal, um in den Aktienmarkt einzusteigen, wenn dieser nicht so hoch notieren würde. Ich erwarte in den kommenden Wochen eine Korrektur. Anleger können dann einsteigen und von der expansiven Geldpolitik profitieren.

Ein rudimentärer Anlagetipp zum Schluss?

Auf bekannte Namen setzen und defensive Werte bevorzugen.

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