WELTHANDEL: «China sucht die Vorherrschaft»

Zum «Gipfel der neuen Seidenstrasse» empfängt die chinesische Führung an diesem Wochenende die mächtigsten Männer und Frauen der Welt: Es geht um Globalisierung, Chinas wachsenden Einfluss und sehr viel Geld.

Felix Lee, Peking
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In Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, hat China 1,1 Milliarden Euro für den Ausbau des Hafens investiert. (Bild: Taylor Weidman/Getty (21. April 2017))

In Colombo, der Hauptstadt Sri Lankas, hat China 1,1 Milliarden Euro für den Ausbau des Hafens investiert. (Bild: Taylor Weidman/Getty (21. April 2017))

Felix Lee, Peking

Es wird ein illustres Treffen, der grosse Seidenstrassen-Gipfel in Peking am kommenden Wochenende. Weissrusslands Diktator Alexander Lukaschenko reist ebenso an wie Russlands Präsident Wladimir Putin und der für seine brutale Drogenpolitik höchst umstrittene philippinische Regierungschef Roberto Duterte. Ihr türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan ist mit von der Partie – und eine Reihe autokratischer Präsidenten Zentralasiens wie etwa Nursultan Nasarbajew aus Kasachstan wird auch erwartet.

In der Runde der 29 Staats- und ­Regierungschefs und Vertreter aus insgesamt 110 Ländern wird auch Bundespräsidentin Doris Leuthard dabei sein (siehe Kasten). Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen wird fehlen – im Wahlkampfjahr möchte sie sich auf diesem Gruppenfoto nicht unbedingt ablichten lassen. Sie wird von der deutschen Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries vertreten.

Angekündigt ist die Veranstaltung als «Gipfel zur neuen Seidenstrasse» – dem chinesischen Grossprojekt von Handelsrouten bis nach Westeuropa, das in China auch als «One Belt, One Road» (ein Gürtel, eine Strasse) bezeichnet wird. Dahinter verbirgt sich ein gigantisches Investitionsprogramm in neue Strassen, Tiefseehäfen, Containerterminals, Pipelines, Stromnetze, Flughäfen sowie Schienen- und Wasserwege. In Anlehnung an die antike Seidenstrasse, die einst das Reich der Mitte mit dem Orient verband und chinesische Güter bis ins Römische Reich brachte, will Staatschef Xi Jinping diese historische Handelsroute zwischen Ostasien und Europa wiederbeleben.

Investitionsvolumen von 26 Billionen Dollar

Pekings moderne Vision geht von zwei Routen aus: Die eine (der «Gürtel») erstreckt sich von China über die zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgistan, den Iran und die Türkei bis nach Europa. Sie ist damit ziemlich deckungsgleich mit der historischen Seidenstrasse. Die zweite, «maritime Seidenstrasse» führt über das Südchinesische Meer, den Indischen Ozean nach Afrika und in den Nahen Osten, übers Rote Meer und den Suezkanal bis ins Mittelmeer. Es handelt sich um Xi Jinpings ehrgeizigstes Vorhaben. Mehr als 40 Milliarden US-Dollar hat seine Regierung bereits dafür bereitgestellt. Einige hundert Milliarden Dollar sollen folgen. Will die chinesische Regierung wirklich alles verwirklichen, was ihr vorschwebt, wird nach Ansicht der Asian Development Bank (ADB) bis 2030 ein Investitionsvolumen von über 26 Billionen Dollar nötig sein.

Eine gigantische Summe – von der ein Grossteil tatsächlich die Chinesen übernehmen wollen. Die Regierung in Peking hat bereits einen staatseigenen Seidenstrassen-Fonds aufgelegt, der in den zentralasiatischen Ländern den Strassen- und Schienenbau möglich macht. Dieser Fonds soll unter anderem die Gründung von Unternehmen vereinfachen, sofern sie Joint-Ventures mit chinesischen Firmen eingehen. Ausser der Asian Development Bank treten auch die von China initiierte Asiatische Infrastrukturinvestment-Bank sowie die New Development Bank der Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) als Financiers auf, ebenso die staatseigenen chinesischen Banken.

Der Zug ist 30 Tage schneller als das Schiff

Einiges ist auch schon umgesetzt: Beim Ausbau des transkontinentalen Güterzugverkehrs etwa sind mehrere chinesische Metropolen bereits mit Istanbul, Duisburg, Hamburg, Madrid und Rotterdam verbunden. Im April kam eine neue, 12000 Kilometer lange Verbindung zwischen London und der Industriestadt Yiwu hinzu. Beladen war der Güterzug aus England mit Whisky, Babymilch, Medikamenten und Maschinenteilen. Die Zugfahrt soll bis zu 30 Tage schneller sein als der Seeweg. Allerdings können Frachtschiffe viel mehr laden.

Entlang der maritimen Seidenstrasse bauen und sponsern die Chinesen daher gigantische Hafenanlagen. In Colombo zum Beispiel, der Hauptstadt Sri Lankas, hat Peking rund 1,1 Milliarden Euro dafür zur Verfügung gestellt, die grösste bisher in dem Inselstaat getätigte ausländische Direktinvestition. China fördert zudem den Ausbau der Häfen in Kalkutta, Rangun und Nairobi. Auch der Kauf des griechischen Hafens Piräus gehört zu dem ehrgeizigen Plan. Dieser Seeweg zählt zwar schon jetzt zu den am häufigsten genutzten Handelsrouten der Welt, aber die meisten Umschlagplätze auf dieser Strecke gehören anderen Ländern. China will sich seine eigenen Standorte schaffen.

Unbeliebte Chinesen

Das Seidenstrassen-Projekt werde «den weltweiten Handel beleben», ist sich die KP-nahe Zeitung «Global Times» sicher. China werde damit eine neue Ära der Globalisierung anstossen. Auch andere Staatszeitungen berichten seit Wochen ausführlich mit langen Artikeln und Landkarten über die Länder und ihre wirtschaftlichen Chancen entlang der geplanten Handelsroute. Tom Miller des in Peking ansässigen Wirtschaftsinstituts Draegonomics, der ein Buch über das Seidenstrassen-Projekt verfasst hat, schreibt: China stelle eindeutig seine Interessen voran. «Das bedeutet aber nicht, dass diese Politik auch nicht anderen Ländern zugutekommt.»

Es gibt jedoch einen Haken für die Chinesen in Zentralasien. Die zumeist ebenfalls autoritären Regime in diesen Ländern begrüssen Chinas Engagement zwar. Unter der Bevölkerung sind die Chinesen jedoch alles andere als beliebt. Zwar hat Peking in den vergangenen Jahren in den zentralasiatischen Staaten zahlreiche Konfuzius-Institute eröffnet, um den Menschen dort die chinesische Kultur und die Sprache nahezubringen. Doch dieses Angebot wird bislang nur wenig angenommen. Stattdessen beklagen die Menschen das oft ruppige Vorgehen der chinesischen Geschäftsleute. Westliche Diplomaten sehen das Vorhaben denn auch kritisch. «Das ist keine Win-win-Situation, wie die Chinesen sagen», sagt ein ranghoher EU-Diplomat. «China sucht die Vorherrschaft.»

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