Welthandel am Scheideweg

Ende Monat bekommt die Welthandelsorganisation (ETO) einen neuen Chef. Doch das Zeitalter grosser, multilateraler Verträge zur weiteren Liberalisierung des Handels ist vorläufig vorbei.

Christian Mihatsch
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Das weltgrösste Containerschiff Maersk McKinney Møller. (Bild: epa/Adam Warzawa)

Das weltgrösste Containerschiff Maersk McKinney Møller. (Bild: epa/Adam Warzawa)

BANGKOK. Früher waren globale Handelsabkommen noch relativ einfach zu verhandeln: Sie waren «im Grunde ein Übereinkommen zwischen der EU und den USA, dem sich der Rest der Welt dann anschliessen konnte», sagt Edward Alden von der US-Denkfabrik Council on Foreign Relations. Doch diese Methode funktioniert nicht mehr, wie die mittlerweile zwölfjährige Doha-Runde der WTO zeigt. Eigentlich hätte die Doha-Runde besonders die Beteiligung von Entwicklungsländern am Welthandel erleichtern sollen. Doch mit Beginn der Runde im Jahr 2001 wurde auch das Schwergewicht China in die WTO aufgenommen. Seither integrieren sich die Entwicklungs- und Schwellenländer auch ohne Doha-Runde erfolgreich in die Weltwirtschaft: So ist China in den letzten Jahren zum Exportweltmeister aufgestiegen (siehe Grafik). Insgesamt bestreiten die Schwellen- und Entwicklungsländer mittlerweile über die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung und des Welthandels.

«Der letzte Nagel im Sarg»

Damit ist die Zeit vorbei, in der sich der EU-US-Handel im Rahmen der WTO koordinieren liess. Bester Beweis ist der Beginn der Verhandlungen über die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), ein bilaterales Abkommen zwischen der EU und den USA. Diese Verhandlungen seien «der letzte Nagel im Sarg des alten, multilateralen Handelssystems», sagt Alden. Und die TTIP ist nicht das einzige regionale Abkommen, das derzeit ausserhalb der WTO verhandelt wird. Die USA hoffen, noch dieses Jahr die Verhandlungen über die Transpazifische Partnerschaft (TPP) abschliessen zu können. An dieser wollen sich derzeit ein Dutzend Länder beteiligen: die USA, Kanada, Mexiko, Australien, einige südostasiatische Staaten und, seit vergangenem März, Japan.

Die WTO versucht derweil, zumindest einige Teile der Doha- Runde zu retten: Im Dezember soll in Bali ein Miniabkommen über technische Handelserleichterungen wie Zollformalitäten abgeschlossen werden. Wie es dann weitergehen soll, ist noch weitgehend unklar. Dies liegt nicht zuletzt am Führungswechsel in der WTO: Ende Monat tritt der Franzose Pascal Lamy als WTO-Chef zurück und wird durch den brasilianischen Diplomaten Roberto Carvalho de Azevêdo ersetzt. Dieser sagt: «Wir müssen mit dem, was wir vorher gemacht haben, brechen, aber in einer Art und Weise, die für das WTO-System sinnvoll ist.»

«Die grosse Entschleunigung»

Wie er sich diesen Bruch vorstellt, sagt de Azevêdo noch nicht. Der Brasilianer, seit über 15 Jahren bei den WTO-Verhandlungen seines Landes dabei, galt als Kandidat der Entwicklungsländer. Deren bessere Integration in den Welthandel dürfte auch ein besonderes Anliegen Azevêdos sein: «Das Problem ist, dass es eine grosse Zahl Entwicklungsländer gibt, vor allem kleine und mittelgrosse, die noch keinen Weg gefunden haben, sich in die Dynamik der globalen Produktion zu integrieren.»

Erschwerend dürfte hier hinzukommen, dass die Weltwirtschaft in Zukunft tendenziell langsamer wächst als im letzten Jahrzehnt, wie die britische Zeitschrift «The Economist» vermutet: «Die Weltwirtschaft wird wahrscheinlich nicht schneller wachsen als mit den langweiligen 3 Prozent wie im Moment.» Umgekehrt könnte «die grosse Entschleunigung» («The Economist») den Ländern aber auch Anreiz sein, es doch nochmals mit einer grossen, multilateralen Welthandelsrunde zu versuchen. Schliesslich gilt eine Liberalisierung des Handels als eine der billigsten und sichersten Methoden, um das Wachstum anzukurbeln.

Roberto Carvalho de Azevêdo, bald Chef der WTO. (Bild: ky/Martial Trezzini)

Roberto Carvalho de Azevêdo, bald Chef der WTO. (Bild: ky/Martial Trezzini)