Weisser Ritter wider Willen: Novartis in heikler Lage – sie will die letzte westliche Antibiotika-Produktion aufgeben, darf aber nicht

Novartis hätte die Antibiotika-Produktion in Österreich gerne aufgegeben. Doch der Ruf nach mehr Versorgungssicherheit bei Schlüsselmedikamenten wird immer lauter und zwingt die Basler in eine Rolle, die sie nie gesucht haben.

Daniel Zulauf
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Der Westen will nicht mehr von China als Weltapotheke abhängig sein.

Der Westen will nicht mehr von China als Weltapotheke abhängig sein.

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Was hat Novartis im Kampf gegen das Coronavirus anzubieten? Nicht allzu viel, musste Konzernchef Vasant Narasimhan im Mai im Gespräch mit unserer Zeitung einräumen. Das Impfstoffgeschäft wurde schon vor Jahren verkauft, weil es im Vergleich zu den von den Baslern priorisierten High-Tech-Medikamenten zu wenig rentabel war.

Die dringend benötigten Antikörper-Tests produziert der Lokalrivale Roche im Weltmassstab. Und Novartis? Schliesslich kommt dem CEO doch noch ein zündendes Argument in den Sinn: «Vergessen Sie nicht, dass wir mit der Generikatochter Sandoz der grösste Hersteller von Antibiotika sind.»

In der Tat: In einem grossen Werk in Kundl im Tirol produziert Sandoz mit einigen Hundert Mitarbeitern unter anderem Penicilline. «Wir sind der letzte in der westlichen Welt verbliebene integrierte Hersteller von Antibiotika», liest man auf der lokalen Webseite. Eine Neuheit ist das nicht.

2016 hatte Novartis ihr zweites europäisches Antibiotika-Werk auf dem vormaligen Hoechst-Areal in Frankfurt an einen Investor veräussert, der es kurz darauf Pleite gehen liess. Seither deckt Europa den Bedarf an Cephalosporinen vollständig in Asien – hier geblieben sind nur noch die Penicilline. In den USA gibt es schon seit 15 Jahren keine Antibiotika-Produktion mehr.

Novartis-Angestellte wollen autarke Versorgung

«80 Prozent aller Antibiotikawirkstoffe kommen aus China und Indien», schreibt der europäische Betriebsrat der Novartis-Angestellten vor kurzem in einem Brief an verschiedene Abgeordnete des EU-Parlamentes in Strassburg.

Das Schreiben enthält eindringliche Warnung vor einer Versorgungskrise in der europäischen Infektionsbekämpfung: «Heute befinden wir uns in der grotesken Situation, dass ein Kaugummi in Europa mehr kostet als eine Antibiotikabehandlung. Einige Antibiotika sind so billig, dass sie kaum noch hergestellt werden.»

Der Brief stipuliert eine Reihe von Forderungen: Kennzeichnung der Herkunftsländer für Zwischenprodukte, Wirkstoffe und Fertigformen, Schaffung neuer Erstattungskriterien für Krankenkassen (etwa Verfügbarkeit), Etablierung einheitlicher, globaler Qualitäts- und Umweltstandards und nicht zuletzt die Entwicklung einer Strategie, die in Europa zur Herstellung neuer Antibiotika sowie zu einer autarken Versorgung führt.

Hohe Auflagen für die Produktion in Europa, nicht aber für die Importe

Zu den erfreuten Empfängern des Brandbriefes gehört der deutsche CDU-Politiker Peter Liese. «Der Betriebsrat von Novartis trifft mit seinen Forderungen jetzt bei allen Institutionen und nicht nur bei meiner Fraktion auf offene Ohren», sagt der Politiker, der seit 26 Jahren im Europaparlament sitzt und als gesundheitspolitischer Sprecher der grössten Fraktion, der Europäischen Volkspartei (EVP), eine gewichtige Stimme hat.

Bei den Ausschreibungen der Krankenkassen staatlicher Gesundheitsbehörden habe man bislang nur die Kosten der Produktion angeschaut und Aspekte wie die Versorgungssicherheit ausser Acht gelassen – beziehungsweise die Migration der Produktion mit regulatorischen Massnahmen sogar noch gefördert.

«Europa kennt hohe Auflagen für die Produktion, während die Auflagen für die Herstellung von Substanzen, die nach Europa geliefert werden in Indien und China sehr gering sind. Dies muss sich ändern», sagt Liese.

Nie waren die Chancen grösser, dass diese Mahnungen erhört werden. Der Gesundheitsausschuss des Europaparlamentes verlangt «eine generelle Diversifizierung der Produktion». Künftig sollen für die Herstellung einer Ausgangssubstanz mindestens zwei Produktionsstätten zur Verfügung stehen, wovon eine in Europa sein muss.

Krankenkassen und die staatlichen Gesundheitssysteme sollen bei ihren Ausschreibungen nicht mehr nur den Preis berücksichtigen dürfen. Peter Liese spricht von einem «fraktionsübergreifenden Konsens.» Die Vorschläge seien kongruent mit den Prioritäten der deutschen Regierung, welche gerade die EU-Ratspräsidentschaft innehat.

Auch USA wollen heimische Produktion stärken

Auch in den USA sind ähnliche Bestrebungen im Gang. Ende Juni hat der Senat die Regierung zur Erstellung eines Berichtes aufgefordert, der die Abhängigkeit des Landes von ausländischen Medikamentenlie-
feranten untersuchen soll. Die Sympathien der Trump-Administration für eine Stärkung der einheimischen Produktion sind hinlänglich bekannt.

Die Corona-Pandemie hat das Klima angeheizt. Die Risiken von Versorgungslücken im Gesundheitssystem sind in den vergangenen Monaten nur allzu offensichtlich geworden. Während verschiedene Länder im Höhepunkt der Krise den Export von Masken und Beatmungsgeräten einschränkten, stoppte die indische Regierung zwischenzeitlich die Ausfuhren verschiedener Medikamente und Substanzen – vorwiegend Antibiotika.

Die chinesische Regierung liess im März ihre Macht als Weltapotheke mehr als deutlich aufblitzen, indem sie ihre eigene Nachrichtenagentur schreiben liess: Statt China als Urheber des Virus anzuprangern sollten sich die USA für die Medikamentenlieferungen vielmehr bedanken.

Im Zug dieser Diskussionen hat die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Antibiotika-Produktion von Sandoz in Kundl schlagartig zugenommen. Entsprechend schnell reagierte die österreichische Regierung, als im Mai nicht zum ersten Mal wieder Gerüchte die Runde machten, Sandoz erwäge die Produktion nach Asien zu verschieben.

Bundeskanzler Sebastian Kurz und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck reisten höchstpersönlich nach Kundl um sich mit der lokalen Sandoz-Spitze zu treffen. Die heimische Produktion sei ein Teil der «wirtschaftlichen Landesverteidigung», sagte Schramböck, weil gerade bei Penicillin und Antibiotika die Abhängigkeit ganz Europas von China «dramatisch hoch» sei.

Zwar dementierte Novartis die in den Medien kolportierte Schliessungsabsicht. Doch Österreich-Chef Michael Kocher liess in seinen Klagen über den enormen Preisdruck in Europa und die ungleichen Wettbewerbsbedingungen mit Asien (billigere Wirkstoffe, tiefere Löhne, geringere Umweltauflagen und der Zugang zu staatlichen Subventionen) dennoch ziemlich deutlich erkennen, dass der Pharmamulti wenig Lust verspürt, weiterhin die Rolle des Weissen Ritters in der europäischen Medikamentenversorgung zu spielen.

Tiroler Antibiotika-Werk wurde zu Symbol stilisiert

«Vergessen Sie nicht, dass wir mit der Generikatochter Sandoz der grösste Hersteller von Antibiotika sind.» Was Novartis-Chef Narasimhan im Mai unserem Journalisten und unseren Lesern in Erinnerung rief, hatte er möglicherweise selber schon fast vergessen.

Doch inzwischen hat die Politik das Tiroler Antibiotika-Wert von Sandoz zu einem Symbol stilisiert. In der Novartis-Zentrale nimmt man den Vorstoss aus dem eigenen Kreis derweil betont kühl zur Kenntnis.

So sagte ein Sprecher auf Anfrage: «Was Ihre Frage zur Initiative des Betriebsrats anbelangt: Diese ist uns bekannt. Wir nehmen die vom europäischen Betriebsrat der Novartis angesprochenen Punkte zur Kenntnis und werden uns zu diesem Thema direkt austauschen.»

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