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Ein Experte beurteilt die Übernahme der Thurgauer Weinkellerei Rutishauser durch Fenaco positiv – Produktion in Scherzingen wird geschlossen – jeder dritte Mitarbeitende verliert die Stelle

Nach vier Jahren trennt sich die französische Genossenschaft InVivo vom Weingeschäft der Rutishauser Weinkellerei AG. Die Fenaco-Tochter DiVino als neue Besitzerin will zwei Drittel der Belegschaft übernehmen und den Produktionsstandort in Scherzingen Mitte 2021 schliessen. Künftig werden die Rutishauser-Weine in Winterthur gekeltert.

Thomas Griesser Kym
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Weinfässer in den Gewölben der Weinkellerei Rutishauser.

Weinfässer in den Gewölben der Weinkellerei Rutishauser.

Bild: Andrea Stalder (Scherzingen, 22. Juni 2020)

Ihr 135-Jahr-Jubiläum feiert die Thurgauer Weinkellerei Rutishauser aus Scherzingen dieses Jahr. Dort, im Dorf am Bodensee, das heute Teil der Gemeinde Münsterlingen ist, gründete 1886 August Rutishauser das Unternehmen, und bis 2003 war es im Besitz der Familie.

Über die Jahre und Jahrzehnte hat sich Rutishauser «von der kleinen Weinhandelsfirma zu einem der landesweit zehn grössten Unternehmen in der Branche entwickelt», wie die Rutishauser Weinkellerei AG auf ihrer Website schreibt.

Alle Lernenden werden übernommen

Doch nun ist bald Schluss in Scherzingen. Die französische Agrargenossenschaft InVivo, deren Tochter InVivo Wine Rutishauser seit 2017 besitzt, will das Geschäft Rutishausers per 1. April 2021 an die Schweizer Agrargenossenschaft Fenaco respektive deren Weintochter DiVino SA verkaufen. Fenaco ist die Nummer eins in der Schweizer Weinbranche.

Die Folgen sind einschneidend: Der Produktionsbetrieb von Rutishauser in Scherzingen soll Mitte 2021 geschlossen werden. Vom Rutishauser-Personal will DiVino rund zwei Drittel der 53-köpfigen Belegschaft übernehmen, darunter die ganze 22-köpfige Marketing- und Verkaufsabteilung. Auch alle fünf Lernenden werden übernommen.

InVivo sucht nach Lösungen für Mitarbeitende, die ihre Stelle verlieren

Die Vinifikation und die Abfüllung von Wein werden künftig auf die DiVino-Weinkellerei am Stadtrand Winterthurs konzentriert, die 2017 neu eröffnet worden war. Bestehen bleiben der Weinshop von Rutishauser in Scherzingen sowie die Marke Rutishauser, allerdings ohne den bisherigen Zusatz Barossa. Für jene Rutishauser-Mitarbeitenden, die nicht von DiVino übernommen werden, suche InVivo nach Lösungen.

Fenaco-Manager und DiVino-Chef Christian Consoni.

Fenaco-Manager und DiVino-Chef Christian Consoni.

Bild: PD

InVivo-Wine-Chef Philippe Leveau äussert die Hoffnung, dass im Endeffekt alle Rutishauser-Beschäftigten neue Stellen haben. Dazu Hand bietet nach Möglichkeit auch Christian Consoni, Leiter der Division Lebensmittelindustrie der Fenaco und Geschäftsführer von DiVino. Consoni sagt:

«Wir werden sicher prüfen, ob wir Rutishauser-Beschäftigten, die nicht zu DiVino wechseln können, in anderen Fenaco-Betrieben Stellen anbieten können.»

InVivo bleibt auf dem Schweizer Markt

Hinzu kommt, dass auch InVivo einzelne Angestellte weiterbeschäftigen wird, denn die Franzosen behalten das Rutishauser-Gebäude in Scherzingen und nutzen es als Lager für ihre Weine, von denen im Schweizer Markt Fenaco einen Teil vertreiben wird. Zudem stellt Leveau Hilfe bei der Stellensuche in Aussicht.

Leveau sagt, die Rutishauser-Belegschaft habe am Vormittag die Transaktion «mit gemischten Gefühlen» aufgenommen. Das Rutishauser-Weingeschäft habe aber bei Fenaco eine bessere Zukunft als bei InVivo.

Philippe Leveau, Chef von InVivo Wine.

Philippe Leveau, Chef von InVivo Wine.

Bild: PD

InVivo erklärt den Verkauf Rutishausers damit, dass sich das französische Unternehmen «in Zukunft auf die Entwicklung seiner strategischen und internationalen Marken konzentrieren» wolle. Dagegen wolle man nicht mehr Besitzer von Schweizer Rebbergen sein und nicht mehr Schweizer Weine produzieren. Über die finanziellen Aspekte der Rutishauser-Transaktion schweigen sich Fenaco und InVivo aus.

Weine aus der Ostschweiz bis aus Übersee

Rutishauser und DiVino keltern Ostschweizer Qualitätsweine. Gemeinsam übernehmen sie pro Jahr rund 2,5 Millionen Kilo Trauben, davon entfallen zwei Millionen auf DiVino und eine halbe Million auf Rutishauser. Beide Firmen sind zudem im Weinvertrieb tätig, wobei sich die Portfolios laut eigenen Angaben ideal ergänzen.

Betriebsleiter und Önologe Michael Balmer kontrolliert in der Weinkellerei Rutishauser die Qualität der Trauben, die in die Trauben-Abbeermaschine geleert werden.

Betriebsleiter und Önologe Michael Balmer kontrolliert in der Weinkellerei Rutishauser die Qualität der Trauben, die in die Trauben-Abbeermaschine geleert werden.

Bild: Reto Martin (Scherzingen, 12. Oktober 2017)

Rutishausers Angebot umfasst 50 Eigenweine aus Trauben aus sechs Kantonen sowie der beiden eigenen Rebgüter, gut 120 Lohnkelterungen (regionale Spezialitäten) und Lagenweine sowie rund 400 Fremdweine aus Europa und Übersee.

Die Kellerei in Winterthur ist moderner und grösser als jene in Scherzingen

Warum konzentriert DiVino die Weinherstellung in Winterthur und nicht in Scherzingen? Consoni fällt die Antwort leicht:

«In Winterthur haben wir eine topmoderne Kellerei, in die wir 29 Millionen Franken investiert haben, mit einer Verarbeitungskapazität von drei Millionen Kilo Trauben. Dagegen hätten wir in Scherzingen erst investieren müssen.»

Weiter sagt Consoni auf Nachfrage, bisher hätten die Fenaco-Detailhändler Landi und Volg keine Rutishauser-Weine im Angebot. Beide seien aber stark bei Schweizer Weinen, die etwa 45 Prozent des Weinsortiments ausmachten. Consoni sagt:

«Wir werden prüfen, ob und wenn ja wie Landi und Volg künftig auch Rutishauser-Weine aus der Ostschweiz verkaufen können.»

Ein Versprechen an die Winzer

Carlo Reato, Geschäftsleiter der Rutishauser Weinkellerei AG.

Carlo Reato, Geschäftsleiter der Rutishauser Weinkellerei AG.

Bild: PD

«Durch die Bündelung unserer Kräfte können wir unseren Kunden in Zukunft ein noch attraktiveres Weinsortiment anbieten», wird Rutishauser-Geschäftsleiter Carlo Reato in der Mitteilung zitiert. Man könne damit sämtliche Kanäle gesamtschweizerisch abdecken, sowohl Privatpersonen im Direktvertrieb als auch Gastronomie und Detailhandel.

Consoni ergänzt: «Mit dem geplanten Zusammenschluss wird der Ostschweizer Wein gestärkt, und die Winzerinnen und Winzer von Rutishauser können auch in Zukunft auf eine starke Partnerin zählen.» Mit Fenaco hätten die Weinbauern eine «gewisse Sicherheit», und man werde alle bisherigen Lieferanten weiterhin berücksichtigen. Die Lieferverträge blieben gültig.

Corona hat Rutishauser zugesetzt

In jüngerer Zeit hat allerdings Corona den Weinkellereien zugesetzt und damit auch Rutishauser. Im August 2020 sagte Reato der «Thurgauer Zeitung», man müsse bis zu acht der damals 61 Stellen abbauen, und bis zu 14 Mitarbeitende sollten ihr Pensum reduzieren. Das ist auch so passiert, wie Leveau bestätigt.

Als Hauptgrund nannte Reato die geschlossenen Restaurants, was die gastronomielastige Rutishauser besonders treffe. Ein weiteres Problem sind die vollen Weinlager, wodurch Rutishauser nicht die ganze Traubenernte abnehmen konnte, wie im Juni 2020 bekannt wurde.

Lagertanks der Weinkellerei Rutishauser.

Lagertanks der Weinkellerei Rutishauser.

Bild: Andrea Stalder (Scherzingen, 22. Juni 2020)

Plus im Detail- und Onlinehandel macht Gastroeinbussen nicht wett

Zuwächse im Weinverkauf über die Grossverteiler und im Onlinehandel könnten die Einbussen in der Gastronomie nicht wettmachen, sagte Reato im August. In der schwierigen Phase setze die Weinkellerei Rutishauser nun voll auf das Heimatgeschäft. Mit neuen Ostschweizer Marken solle es wieder aufwärtsgehen.

Und, so Reato: Unterstützung erhalte man auch durch die Muttergesellschaft, die französische InVivo-Gruppe, von der man in der Krise sehr profitieren könne.

Fenaco ist ein riesiger Gemischtwarenladen

Bekannteste Marken der Agrargenossenschaft Fenaco sind neben DiVino der Getränkehersteller Ramseier, der Gossauer Fleischverarbeiter Ernst Sutter (Suttero), die Detailhändler Landi und Volg, das Energieunternehmen Agrola, der Futtermittelhersteller Ufa und der Düngerhändler Landor.

Fenaco mit Sitz in Bern hat über 10'000 Mitarbeitende und setzte im Jahr 2019 sieben Milliarden Franken um. Das Betriebsergebnis betrug 121 Millionen Franken.

Experte: Fenaco kennt sich aus

Wie beurteilt ein Experte die Transaktion? Jürg Bachofner ist seit Mitte Mai 2020 Geschäftsführer des Branchenverbands Deutschschweizer Wein (BDW). Er sagt:

«Hier wird versucht, dem Rutishauser-Weingeschäft mit Fenaco den Rücken zu stärken.»

Alles in allem sei die Transaktion positiv, denn Fenaco habe jahrzehntelange Erfahrung im Weinbau und mit Trauben, fahre eine erfolgreiche Marketingstrategie und verzeichne einen guten Absatz. Auch in der Weinproduktion kenne sich Fenaco aus dank DiVino in Winterthur, den Caves Garnier in Münchenbuchsee und den Volg-Weinkellereien.

Ein «solider Partner»

Jürg Bachofner, Geschäftsführer des Branchenverbands Deutschschweizer Wein (BDW).

Jürg Bachofner, Geschäftsführer des Branchenverbands Deutschschweizer Wein (BDW).

Bild: PD

Auch bestätigt Bachofner, dass Schweizer Wein in den Fenaco-Absatzkanälen «einen hohen Stellenwert» geniesse und mit den von Consoni genannten 45 Prozent am Sortiment einen überdurchschnittlichen Anteil einnehme. Denn, so Bachofner: «Im ganzen Schweizer Weinhandel trägt Schweizer Wein 33 bis 35 Prozent zum Gesamtabsatz bei.»

Mit Fenaco erhielten die Winzerinnen und Winzer, die Rutishauser beliefern, einen «soliden Partner», sagt Bachofner:

«Es ist ein gutes Signal an die heimischen Produzenten.»

In diesem Zusammenhang verweist Bachofner auch darauf, dass Fenaco im Jahr 2020 im Rahmen der vom Bund unterstützten Deklassierung von AOC-Wein zu Tafelwein eine halbe Million Liter aus der Deutschschweiz aus Überlagern übernommen habe. Und durch die Übernahme der Walliser Weingenossenschaft Provins hat Fenaco 2020 die ausstehenden Provins-Zahlungen in Höhe von 13 Millionen Franken an die Weinbauern für deren Ernte aus dem Vorjahr gesichert.