WEIHNACHTEN: Reine Geldverschwendung

Alle Jahre wieder wird diskutiert, ob Geschenke ökonomischer Unsinn sind. Dafür gibt es Argumente, doch bleibt die soziale Dimension unberücksichtigt.

Adrian Lobe
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Weihnachten – Fest der Besinnung, aber auch Zeit des materiellen Schenkens. (Bild: Getty)

Weihnachten – Fest der Besinnung, aber auch Zeit des materiellen Schenkens. (Bild: Getty)

Adrian Lobe

408 Fr. – so viel geben Schweizer laut einer Studie des Bezahl-Dienstleisters Paysafecard dieses Jahr im Schnitt für Weihnachtsgeschenke aus. Die Adventswochen sind für den Detailhandel die umsatzstärksten Tage. Doch der Ökonom Joel Waldfogel pu­blizierte 1993 in der «American Economic Review» den Aufsatz «The Deadweight Loss of Christmas», worin er die These aufstellte, nichtmonetäre Geschenke seien Ressourcenverschwendung. Zwischen 10% und 30% des Warenwerts würden durch Geschenke vernichtet. Waldfogel argumentiert mikroökonomisch: Wenn der Schenker wenig oder falsche Informationen über die Präferenzen des Beschenkten hat, stiftet ein Sachgeschenk weniger Nutzen als ein Gutschein. Man kennt das aus dem Alltag: Man verschenkt ein Hemd, das nicht passt, ein Buch, das der Beschenkte schon besitzt oder gelesen hat, oder Pralinés, obwohl gerade eine Diät angesagt ist. Fossile Brennstoffe werden ­verbrannt, Bäume gefällt, Ar­beitsstunden verbraucht, um ein nichtgewolltes Geschenk zu produzieren. Nach den Feiertagen beginnt der Umtauschmarathon, man tauscht das Präsent gegen einen anderen Artikel ein, was stets ein Kompromissgeschäft ist und mehr Stress verursacht als die Zufriedenheit steigert. Für Waldfogel sind Geschenke eine gigantische Geldvernichtungsmaschine. In seinem 2009 erschienenen Buch «Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten» griff der Ökonom die These nochmals auf und bezifferte den Wertverlust des Weihnachtsgeschäfts allein in den USA auf 12 Mrd. $.

Doch Waldfogels These ist umstritten. Kollegen hielten ihm vor, persönlichen Nutzen mit Ausgaben gleichzusetzen. Geschenke hätten einen ideellen Wert. Zum Beispiel die selbstgemachte Seife von der Oma: Selbst wenn der Beschenkte sich ein solches kosmetisches Produkt nie kaufen würde, steigt sein persönlicher Nutzen durch das Wissen, dass seine Familie an ihn denkt.

Kleines Geschenk, grosse Freude

Diese soziale Dimension des Schenkens bleibt in Waldfogels Modell unberücksichtigt. Er verkennt zudem, dass Geschenke den Wert eines Produkts erhöhen können: Ein Ehering etwa ist für das Ehepaar von viel grösserem Wert als für den Juwelier, der ihn verkauft hat. Ein drei Jahre später von Sara J. Solnick und David Hemenway verfasster Kommentar widerlegte Waldfogels Prämisse. Die Autoren fragten über 200 Studenten nach dem Preis spezifischer Geschenke. Mehr als die Hälfte taxierte den Wert der Präsente über dem tatsächlichen Einkaufspreis. Das heisst: Zumindest der eingebildete Nutzen ist deutlich höher als auf dem Papier. Die Nettowohlfahrtsverluste, die durch den Kauf von Weihnachtsgeschenken entstehen, dürften deutlich geringer ausfallen.

Nach Waldfogels neoklassischer Annahme wäre es am besten, wenn jeder zu Weihnachten einen Gutschein erhielte und den Geldbetrag nutzenmaximierend ausgibt. Das wäre reichlich unpersönlich. Und es übersieht den Charakter des Fests, wo es eben nicht um Nutzenmaximierung geht, sondern ums Zusammensein mit der Familie. Als Schenker ist man froh, wenn sich einmal im Jahr diese ökonomischen Rationalitäten durchbrechen lassen – und man seinen Lieben mit einem kleinen Geschenk eine grosse Freude bereiten kann.