Interview
SGKB-Chef Ledergerber: «Wegkommen vom Negativzins»

Für die Geldpolitik der Nationalbank sprechen zwar ein paar Gründe, sagt Roland Ledergerber, CEO der St.Galler Kantonalbank. Aber sie führt zu seltsamen Resultaten: Statt Investitionen anzukurbeln befeuern Negativzinsen Krisenstimmung.

Thomas Griesser Kym
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Will mehr Frauen in Führungsfunktionen: SGKB-Chef Roland Ledergerber.

Will mehr Frauen in Führungsfunktionen: SGKB-Chef Roland Ledergerber.

Bild: Benjamin Manser

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wie beurteilen Sie den Geschäftsgang der SGKB, der St.Galler Kantonalbank?

Roland Ledergerber: Wir sind in einem herausfordernden Umfeld gut unterwegs. Der Ausblick vom August sollte sich bestätigen: Wir erwarten ein operatives Ergebnis im Vorjahresrahmen.

Die Binnenwirtschaft läuft recht gut, jedoch bereitet der Export zunehmend Sorgen. Wie bewerten Sie den Wirtschaftsstandort Ostschweiz?

Die Handelsstreitigkeiten und geopolitische Ungewissheiten belasten die Konjunktur und die Industrieproduktion weltweit. Das gilt auch für die Ostschweiz, in der wegen ihrer starken Exportorientierung der nachlassende Welthandel Spuren hinterlässt. Dagegen zeigt der Detailhandel eine leichte Erholung, und die Bauwirtschaft läuft unverändert auf Hochtouren.

Das bedeutet in der Summe?

Die Unternehmen äussern sich eher wieder etwas zuversichtlich. Insgesamt sehen wir eine robuste Entwicklung der Wirtschaft und erwarten ein Soft Landing, also keine Rezession.

Wie präsentiert sich mit Blick auf die Gesundheit der Unternehmen das Kreditportefeuille der SGKB?

Es ist nach wie vor in sehr gutem Zustand. Das gilt für alle Vorlaufindikatoren wie Zahlungsausstände, Belehnungshöhe, Rückstellungen oder Rating. Auch ist über die vergangenen Jahre die Verschuldungsquote der Firmen gesunken.

Die Nationalbank, die SNB, hält am Negativzins von 0,75 Prozent fest. Wie stufen Sie die Geldpolitik ein?

Insgesamt hat die SNB über die vergangenen Jahre einen guten Job gemacht. Sie hat die Finanzkrise gemeistert, die Eurountergrenze eingeführt und nach deren Aufhebung den Negativzins verhängt. Ich kann die Argumentation der SNB nachvollziehen: Wir brauchen eine Zinsdifferenz zu anderen Währungen, sonst wird der Franken zu stark, der Export leidet, und die Misere infiziert die Binnenwirtschaft mit einer Rezession als Folge.

Ihr UBS-Kollege Sergio Ermotti hat die SNB wegen des Negativzinses heftig kritisiert. Glücklich scheinen auch Sie nicht damit zu sein.

Das Problem ist, dass wir seit fünf Jahren mit dem Negativzins leben. Einst als Notmassnahme deklariert, ist er mittlerweile fast zum Dauerzustand geworden. Wenn wir aber auf die Zahlen schauen, führen die tiefen Zinsen weder zu mehr Investitionen noch zu höherem Wirtschaftswachstum. Auf der anderen Seite haben wir unerwünschte Nebenwirkungen: Es herrscht Anlagenotstand, was zu Blasenbildungen an den Immobilien- und Aktienmärkten führt, der Immobilienboom hat zur Folge, dass sich die privaten Haushalte höher verschulden, und die Stabilität der Vorsorgewerke gerät in Gefahr.

Sie sehen auch eine psychologische Komponente.

Richtig. Der Negativzins wird wahrgenommen als Reaktion auf eine Krise. Das führt dazu, dass sich in der Öffentlichkeit der Eindruck verfestigt hat, die Schweiz und ihre Wirtschaft steckten weiterhin im Krisenmodus. Das lähmt die Investitionstätigkeit. Wir müssen deshalb so rasch als möglich wegkommen vom Negativzins.

Das ist Wunschdenken.

Leider. Wir gehen im aktuellen Basisszenario davon aus, dass die SNB die erste Zinserhöhung nicht vor 2022 vornehmen wird.

Deshalb stellt auch die SGKB gewissen Kunden Negativzinsen in Rechnung. Wer ist betroffen und wie stark?

Es sind ein paar Dutzend unserer 280000 Kunden, vor allem Institutionelle wie Pensionskassen oder Stiftungen, und auch ein paar Private. Wie viel wir mit den Negativzinsen einnehmen, kommunizieren wir nicht. Aber auch wir müssen auf überschüssiger Liquidität Negativzinsen zahlen.

Comparis-Finanzexperte Frédéric Papp warnt, Banken könnten künftig bei Einlagen von Neukunden ab dem ersten Franken Negativ­zinsen erheben. Wann ist es bei der SGKB so weit?

Negativzinsen ab dem ersten Franken werden wir nicht erheben. Aber wir müssen unser Neugeschäft grundsätzlich anschauen. Wenn andere Banken die Freibeträge reduzieren, weichen Kunden aus. Je nachdem zwingt das dann auch uns zur Verschärfung des Regimes.

Nach welchen Grundsätzen gehen Sie vor?

Wir wollen erstens wenn immer möglich den Kunden nicht mit Negativzinsen belasten. Zweitens wollen wir aber auch nicht als Parkplatz für überschüssige Liquidität missbraucht werden. Drittens ist die Gesamtbeziehung entscheidend, also die Liquidität eines Kunden in Relation zu seinem Gesamtgeschäft mit der Bank. Viertens suchen wir mit jedem Kunden das Gespräch und schauen, ob es auch Alternativen zu Cash gibt wie etwa Anlagefonds.

Inwieweit halten Ihre Kunden heute mehr Liquidität?

Die Liquiditätsquote unser Private-Banking-Kunden ist innert zehn Jahren von gut 30 auf rund 50 Prozent gestiegen. Institutionelle Kunden wiederum haben zwecks Erzielung einer angemessenen Rendite in risikoreichere Anlagen umgeschichtet: weniger Obligationen, dafür mehr Aktien, Immobilien und alternative Anlagen.

Sie sorgen sich um die ­Stabilität der Vorsorgewerke, bürden aber Pensionskassen Negativzinsen auf. Wie passt das zusammen?

Unsere Marge mit institutio­nellen Kunden beträgt magere 15 Basispunkte, also 0,15 Prozent. Wenn eine Kasse 50 Millionen Franken Liquidität bei uns hält, legen wir schon brutto drauf, noch vor unseren Kosten.

Da Sie mit vorerst anhaltenden Negativzinsen rechnen: Bleiben auch die Hypothekar­zinsen länger rekordtief?

Wir gehen von einer Seitwärtsbewegung aus. Die Hypothekarzinsen sind an einem so tiefen Punkt, dass eine langfristige Finanzierung sinnvoll ist, auch wenn Hypotheken mit kurzen Laufzeiten noch günstiger sind. Aber so hat der Hauseigentümer Gewissheit. Sinnvoll ist auch eine Staffelung, also eine Aufteilung der Hypothek in mehrere Tranchen mit unterschiedlichen Fälligkeitsdaten.

Am Filialnetz machen Sie weiterhin keine Abstriche?

Nein. Wir sind von der hybriden Bank überzeugt. Deshalb investieren wir sehr viel, sowohl in die Digitalisierung als auch in unser physisches Netz. Das Konzept der Niederlassungen wird aber angepasst: Mehr Automaten und Beratung, weniger Schalter, schliesslich nimmt die Zahl der Bargeldtransaktionen am Schalter pro Jahr um 10 Prozent ab. Wir sehen aber auch: Wo wir mit einer Filiale präsent sind, sind unser Marktanteil und unser Wachstum doppelt so hoch als in Gegenden ohne Filiale.

Im SGKB-Verwaltungsrat sitzen mittlerweile zwei Frauen. Wann ist die ­Geschäftsleitung als reiner Männerklub passé?

Wir wollen der attraktivste Arbeitgeber für Männer und für Frauen sein. Zentral sind flexi­ble Anstellungsbedingungen. Bei uns arbeiten ein Viertel der Angestellten Teilzeit, und das Männer-Frauen-Verhältnis bei uns beträgt 55 zu 45. Wir gewähren 20 Wochen Mutterschaftsurlaub und zwei Wochen für Väter, und wir unterstützen Kinderkrippen. Aber wir sind noch nicht dort, wo wir sein möchten.

Wohin möchten Sie denn?

Wir brauchen mehr Frauen in Führungsfunktionen. Dazu haben wir ein Programm lanciert, aber das ist ein langfristiger Prozess. Es muss uns vor allem gelingen, mehr Frauen in der Kundenberatung zu beschäftigen. Von dort kann es auf der Karriereleiter weitergehen zur Niederlassungsleiterin, Verkaufsleiterin und eines Tages hoffentlich zu einem weiblichen Mitglied der Geschäftsleitung.

Sie sind 58, seit 21 Jahren bei der SGKB und seit bald zwölf Jahren deren Chef. Falls Sie nochmals Lust haben auf eine neue operative Aufgabe, wäre es wohl an der Zeit.

Ich bin extrem zufrieden bei der SGKB und arbeite weiterhin sehr gerne hier. Zudem möchte ich ein paar Themen vorantreiben. Wir wollen in der Beratung noch besser werden, in der Digitalisierung einiges bewirken und die Frauenförderung forcieren. Das sind ein paar spannende Aufgaben.

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