Wegen «starken Verdachts» auf Korruption: Untersuchung gegen Pilatus in Indien eingeleitet

Der Verdacht stand schon länger im Raum, jetzt ermittelt die indische Antikorruptionsbehörde offiziell wegen Zahlungen an einen Mittelsmann im Millionendeal um 75 Trainingsflugzeuge. Das Stanser Unternehmen äussert sich nicht zu den Vorwürfen.

Livio Brandenberg
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PC-7-Flugzeuge von Pilatus an einer Vorstellung der Indian Air Force Academy in Hyderabad, der viertgrössten Stadt Indiens. (Bild: Noah Seelam/AFP, 31. Mai 2013)

PC-7-Flugzeuge von Pilatus an einer Vorstellung der Indian Air Force Academy in Hyderabad, der viertgrössten Stadt Indiens. (Bild: Noah Seelam/AFP, 31. Mai 2013)

Exakt drei Monate sind vergangen seit den letzten Schlagzeilen – jetzt taucht Pilatus ein weiteres Mal in den indischen Medien auf. Gemäss verschiedener Berichte hat die indische Bundespolizei CBI (Central Bureau of Investigation) gegen den Stanser Flugzeugbauer eine offizielle Untersuchung aufgenommen. In deren Zuge habe es auch eine Hausdurchsuchung in den Büros von Pilatus in Neu-Delhi sowie bei weiteren Verdächtigen gegeben. Auf der Website des CBI findet sich die Anzeigeschrift, der sogenannte First Information Report (FIR), der im indischen Rechtssystem Voraussetzung für Ermittlungen ist. Im offiziellen Dokument wird – neben den Korruptionsvorwürfen an Beamte der indischen Luftwaffe und des Verteidigungsministeriums sowie den bekannten Geschäfts- und Mittelsmann Sanjay Bhandari – der Verdacht auf eine «kriminelle Verschwörung» genannt, von welcher Pilatus Teil gewesen sei.

Rückblende: Ende Mai 2012 konnte die Nidwaldner Firma nach einer mehrjährigen Evaluationszeit den Vertrag unterzeichnen, um der indischen Luftwaffe 75 Trainingsflugzeuge des Typs PC-7 Mk II zu liefern, Gegenwert: 577 Millionen Franken. Das Unternehmen selbst bezeichnete den Auftrag als einen der grössten Deals in der Firmengeschichte; die Flugzeuge wurden bis 2015 ausgeliefert. Im Sommer 2016 berichtete unsere Zeitung, dass Pilatus dem eingangs erwähnten Mittelsmann Bhandari, gegen den ermittelt wird und der laut Berichten nach London geflohen ist, vor neun Jahren rund 1 Million Franken in zwei Tranchen auf das Konto seiner Firma Offset India Solutions überwiesen haben soll. Auch dieser Sachverhalt taucht in der aktuellen Anzeige auf; demnach sollen die Gelder im August und Oktober 2010 geflossen sein.

Was die Gegenleistung dafür war, blieb unklar. Der jetzt wiederholte Vorwurf lautete bereits 2016, dass sich die Flugzeugwerke mit dieser Zahlung den lukrativen PC-7-Auftrag gesichert haben sollen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass es sich um ein legitimes Kompensationsgeschäft handelte. Gemäss verschiedenen Quellen leitete das CBI im Juni 2017 wegen der Zahlungen eine Voruntersuchung gegen Pilatus ein.

Es sollen bis zu 50 Millionen geflossen sein

Vor drei Monaten war dann nicht mehr von lediglich 1 Million die Rede, sondern von gut 43 Millionen Franken (3 Milliarden Rupien) an «Bestechungsgeldern», die von Pilatus an Mittelsmann und Berater Bhandari geflossen sein sollen, und zwar in Form von Kickbacks. Als Kickback-Zahlungen werden verdeckte Provisionen oder Rückzahlungen im Zuge eines Geschäfts bezeichnet.

Erhoben wurde der Korruptionsvorwurf von der indischen Wirtschaftsstrafverfolgungsbehörde (Enforcement Directorate) im Rahmen einer Gerichtsverhandlung in Neu-Delhi, in der es um die Machenschaften des Geschäftsmanns Robert Vadra geht, eines angeblichen Partners von Sanjay Bhandari. Auch Vadra werden beste Beziehungen zum indischen Polit-Establishment nachgesagt.

In dem vor einigen Tagen aufgeschalteten FIR-Dokument steht nun, Pilatus habe die Zahlung der ursprünglich kolportierten Million an Bhandari verheimlicht. Ausserdem wird nun die Summe von knapp 50 Millionen Franken genannt, die die Stanser Flugzeugwerke zwischen 2011 und 2015 an die Offset India Solutions gezahlt haben sollen. Es bestehe der «starke Verdacht», dass die hohen Geldflüsse Teil des – korrupten – PC-7-Deals gewesen seien. Deshalb sei nun eine rechtliche Untersuchung eingeleitet worden.

In der Anzeigeschrift unter den Verdächtigen aufgelistet: die Stanser Pilatus Flugzeugwerke, hier auch mit der Adresse des Büros in Neu-Delhi. (Bild: Screenshot Central Bureau of Investigation)
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Mehrere Zahlungen sollen von Pilatus an die Firmen des Mittelsmannes Sanjay Bhandari geflossen sein, um Beamte der indischen Air Force und des Verteidigungsministeriums zu bestechen. Neu wird der Betrag von knapp 50 Millionen Franken genannt. (Bild: Screenshot Central Bureau of Investigation)
«Daher wird eine reguläre Ermittlung eröffnet»: Die indische Bundespolizei ermittelt nun auch gegen Pilatus. (Bild: Screenshot Central Bureau of Investigation)

In der Anzeigeschrift unter den Verdächtigen aufgelistet: die Stanser Pilatus Flugzeugwerke, hier auch mit der Adresse des Büros in Neu-Delhi. (Bild: Screenshot Central Bureau of Investigation)

Pilatus: «Wurden bis heute nicht kontaktiert »

Zu den aktuellen Berichten, der angeblichen Hausdurchsuchung der Büros in Indien, den Vorwürfen im FIR und der demgemäss nun aufgenommenen Untersuchung äussert sich Pilatus nicht. Ein Sprecher schreibt auf Anfrage: «Die Pilatus Flugzeugwerke AG wurde bis zum heutigen Tag von offizieller Seite, das heisst vom Central Bureau of Investigation CBI, nicht kontaktiert.» Folglich werde das Unternehmen «auch keine Stellung» zur Angelegenheit nehmen. Auch auf die Nachfrage, ob man in Stans Kenntnis einer Hausdurchsuchung am Standort in Neu-Delhi habe, gab es am Mittwoch keine weiteren Informationen von Pilatus.

Vor drei Monaten liessen die Stanser auf Anfrage verlauten, man nehme «keine Stellung zu politisch motivierten Artikeln aus Indien». Gemeint war damit der immer lauter werdende Ruf der 2014 gewählten nationalistischen Regierung, die einheimische Industrie zu stärken und auf ausländische Flugzeuge zu verzichten.

Vier Verfahren gegen Pilatus Flugzeugwerke

Der Bund führt derzeit offenbar vier Verfahren gegen die Pilatus Flugzeugwerke mit Sitz in Stans. Es geht um Verbindungen des Flugzeugbauers zu Staaten, die in den Jemen-Krieg involviert sind.