Wegen geschlossener Betriebe und zahlungsunwilliger Kunden: Ostschweizer Reinigungsfirmen bricht viel Geschäft weg

Hygiene wird gross geschrieben in Zeiten des Coronavirus. Das müsste der Reinigungsbranche in die Hände spielen – könnte man meinen. Doch der Verband Allpura und Ostschweizer Reinigungsfirmen berichten von Umsatzeinbrüchen.

Thomas Griesser Kym
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Reinigungsfirmen machen die Schliessung von Betrieben und der Zwang zu Homeoffice zu schaffen.

Reinigungsfirmen machen die Schliessung von Betrieben und der Zwang zu Homeoffice zu schaffen.

Bild: Gaëtan Bally/Keystone

Karin Funk zeichnet ein drastisches Bild. Die Geschäftsführerin von Allpura, dem Verband Schweizer Reinigungsunternehmen, berichtet von «Einbrüchen des Geschäfts um 50 bis 90 Prozent». Der Grund: Kinos, Fitnesscenter, Non-Food-Läden, Restaurants, Hallenbäder oder Schulen haben geschlossen, Büroflächen stehen wegen Homeoffice weitgehend leer, und deshalb beanspruchen viele Kunden derzeit viel weniger Reinigungsdienstleistungen oder gar keine mehr. «Gerade bei den Abos wird stark reduziert», sagt Funk. Und:

«Einige Kunden versuchen sich schadlos zu halten auf Kosten der Reinigungsfirmen.»

Konkret kann das so aussehen: Kunden wollen trotz eines Abos nicht mehr zahlen, weil sie momentan nicht reinigen lassen. Das bringt die Reinigungsfirma in Bedrängnis, weil sie ihre Mitarbeitenden nicht mehr entlohnen kann.

Karin Funk.

Karin Funk.

Bild: Keystone

Im Hilfsprogramm zwischen Stuhl und Bank

Kommt hinzu: Im Hilfsprogramm des Bundes sitzt die Reinigungsbranche bisher zwischen Stuhl und Bank. Denn den Firmen ist die Arbeit nicht behördlich verboten, und die Verträge mit den Kunden sind in Kraft. Noch ist ungewiss, ob es in solchen Fällen Anspruch auf Kurzarbeitsentschädigung gibt. Die Branche hat das Thema in den Schweizerischen Arbeitgeberverband eingebracht, der das Problem zusammen mit dem Seco lösen will. Karin Funk sagt:

«Ohne Lösung wird es im April massive Entlassungen geben.»

Marc Flückiger, Geschäftsführer der Sygma AG Liegenschaftenbetreuung in Wil, will das möglichst verhindern. «Wir haben das Glück, dass wir ein Gemischtwarenladen sind.» Die Sygma bietet auch Hauswartungen und Gartenunterhalt an, und dieses Geschäft laufe relativ stabil.

Aber in der Reinigung verzeichnet auch Flückiger einen Rückgang um rund 20 Prozent. Und das, obwohl gerade im Rahmen von Hauswartungen mehr zu tun ist. «Wir reinigen Oberflächen öfter und mit speziellen Desinfektionsmitteln», sagt Flückiger und nennt als Beispiele Treppengeländer oder Lifte.

Die Absagen nehmen zu

«Am meisten weh» tut Flückiger der Rückgang bei den Spezialreinigungen. Diese sind auftragsorientiert. Hier geht es zum Beispiel um einen jährlichen Fensterputz samt Lamellen, und die Absagen nehmen zu, sowohl seitens privater Hauseigentümer als auch beispielsweise von Altersheimen. Flückiger sagt:

«Die Mitarbeiter müssen brutal flexibel sein.»

Aktuell setzt Flückiger deshalb drei Reinigungskräfte für Tiefgaragenreinigungen ein und einen Mitarbeitenden im Garten.

Tony Benz leitet die St.Galler A. Benz AG Gebäude- und Fassadenreinigung mit 65 Beschäftigten und präsidiert die Allpura-Sektion Ostschweiz und Liechtenstein. Er ist vor allem in der Industrie und der Verwaltung tätig, und diese laufen grossmehrheitlich. «Im ersten Quartal ist noch kein Geschäft weggefallen, aber für April sind schon Kunden abgesprungen.» Auch er spricht von Fitnesscentern, Läden usw. mit Jahresverträgen, die Zahlungen aussetzen wollen wegen fehlenden Reinigungsbedarfs. Tony Benz sagt:

«Ich verstehe Kunden ohne Einnahmen, aber wir haben Verträge mit unseren Mitarbeitenden.»

Flückiger von der Sygma sagt, er könnte natürlich auf Vertragserfüllung beharren. «Aber dann kündigt der Kunde seinen Vertrag ordentlich und ist für mich für immer verloren.» Wie Flückiger sagt auch Hans Herzog, Chef der St.Galler Pronto AG:

«Je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird es.»

Herzog spricht von einem «Umsatzeinbruch von momentan 20 bis 30 Prozent, aber das kann noch zunehmen». Er beschäftigt annähernd 300 Mitarbeitende, davon viele im Stundenlohn. Pronto wolle niemanden entlassen, aber es brauche eine Lösung bei der Kurzarbeit.

Mehrarbeit in Gesundheitseinrichtungen

Mehr zu tun gibt es dort, wo weitergearbeitet wird und strenge Hygiene unerlässlich ist. Tony Benz nennt als Beispiel Zahnarztpraxen, von denen viele offen haben. «Sie haben einen grösseren Bedarf an Desinfektion, zum Beispiel in Nasszellen, an Handläufen und Türgriffen», sagt Benz. Karin Funk von Allpura bestätigt:

«Auch Spitäler, Labors, Pflegeheime, Lebensmittelhersteller, Detailhändler oder der öffentliche Verkehr setzen noch stärker auf Hygiene und Reinigung».

Aber, so ergänzt Karin Funk:

«Das wiegt den Wegfall der anderen Geschäfte bei weitem nicht auf.»

Derweil versucht Flückiger, durch die Krise zu manövrieren. Administrativ ist es ein riesiger Aufwand. Ich verbringe etwa drei Stunden täglich am Telefon nur wegen Corona.» Ihm ist es ein besonderes Anliegen, auch die Teilzeitkräfte im Stundenlohn weiter beschäftigen zu können. «Sie verdienen teils lediglich ein paar Hundert Franken im Monat. Aber das kann einen wesentlichen Teil zum Haushaltseinkommen beisteuern.»

Auch selbständige Putzfrauen können weiterarbeiten

Reinigungsarbeiten bleiben während des Notstands auch in Privathaushalten möglich, sagt Karin Funk. Profis verfügten über hochwirksame Mittel und seien es sich gewohnt, Vorschriften einzuhalten. Und wenn jemand eine Putzfrau beschäftigt, die auf eigene Rechnung arbeitet? Funk empfiehlt in jedem Fall Einweghandschuhe und die strikte Einhaltung der Schutzmassnahmen des Bundes.