Was im Leben wirklich zählt

Die OECD hat in Paris einen verfeinerten «Index des besseren Lebens» vorgestellt. Das ist mit ein Zeichen, wie die Wirtschaftsorganisation umdenkt.

Stefan Brändle
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PARIS. Eines mag Anthony Gooch gar: Dass man ihn fragt, in welchem Land die glücklichsten Menschen leben. Der Kommunikationschef der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erforscht die Befindlichkeit der Menschen in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt. Aber er will nicht ständig vergleichen. Das tun alle anderen Wellness-Ranglisten und Glücks-Klassifizierungen, die angeben wollen, wo man am besten lebt. «Und natürlich scheitern sie kläglich bei ihren Versuchen», meint Gooch. «Allein schon, weil Glück ein individueller Wert ist.»

Die OECD, diese hochseriöse Datenbank der reichsten Länder, gibt ebenfalls einen «Index für besseres Leben» heraus. Er reiht aber nicht einfach Kriterien wie Einkommen oder Bildung der Länder aneinander. Der Ansatz ist anders – schlauer: «Wir lassen die Nutzer selber entscheiden, welche Kriterien für sie wichtig sind», sagte OECD-Direktor Gooch zu dieser Zeitung, als er in Paris die neue Version der Webseite oecdbetterlifeindex.org präsentierte.

Fein abgestuft, nicht pauschal

Der Index beruht auf insgesamt elf Kriterien; jedes davon lässt sich auf einer Skala von eins bis fünf als mehr oder weniger wichtig einstufen. Diese Methode erlaubt eine Vielfalt unterschiedlicher Aussagen. Die Schweizer stufen zum Beispiel Gesundheit, Bildung und persönliche Zufriedenheit am höchsten ein. Die Wohnsituation, das Einkommen oder die Sicherheit folgen bei ihnen weiter hinten als anderswo. Je nach Kriterium sind auch jene Ländervergleiche möglich, die Gooch nicht mag. Für Amerikaner ist Geld zum Beispiel wichtiger als ein ausgeglichenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit; letzterer messen die Schweizer mehr Gewicht zu als die meisten anderen OECD-Bürger. Für sie und die Skandinavier ist hingegen «Zufriedenheit» das höchste Gut. Doch ist sie überhaupt messbar? Die OECD versteht darunter die persönliche Befindlichkeit jedes einzelnen. «Wir alle fühlen uns mehr oder weniger zufrieden, und das gehört heute einfach in nationale Statistiken», meint Gooch.

Langsam im Aufwind

Dank der Verfeinerung lasse sich wie in einem Puzzle immer genauer absehen, was den jeweiligen Bewohnern wichtig sei. Im Unterschied dazu folgten Medien und Behörden eines Landes oft «scheinbaren» Themen wie der Einwanderung oder etwa einem EU-Beitritt im Falle Englands, meint Gooch über sein Herkunftsland. In London hätten Ministerien begonnen, die Indikatoren der OECD in ihre Planungen einzubeziehen.

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