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Warum theoretische Modelle das Klima nicht retten

Ökonomen wüssten seit Jahrzehnten, wie das Klimaproblem zu lösen wäre. Doch die politische Umsetzung erfordert mehr als elegante Modelle, weiss der ETH-Umweltökonom Lucas Bretschger.
Daniel Zulauf
ETH-Professor Lucas Bretschger (60). (Bild: Chris Iseli (Zürich, 28. November 2018))

ETH-Professor Lucas Bretschger (60). (Bild: Chris Iseli (Zürich, 28. November 2018))

Fast auf den Tag genau drei Jahre sind vergangen, seit sich in Paris 177 Länder bereit erklärten, das Problem des globalen Temperaturanstieges gemeinsam anzugehen. «Viele Ökonomen kritisieren den Vertrag immer noch als Flickwerk», stellt der Schweizer Umweltökonom Lucas Bretschger fest. Zu Unrecht: «In Paris hat man das Meiste von dem erreicht, was unter den gegebenen Umständen überhaupt möglich war.» Tatsächlich müssen Beschlüsse zur Klimakonvention unter den UNO-Bestimmungen einstimmig gefasst werden. Eine hohe Hürde, wie Bretschger aus Erfahrung weiss.

Im Jahr 2009 reiste der ETH-Professor als Vertreter der Wissenschaft mit der Schweizer Delegation an die Klimakonferenz nach Kopenhagen. Die Erwartungen an den Gipfel waren riesig, das Ergebnis minimal. Zwar einigte sich die internationale Staatengemeinschaft auf das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Doch vor den Konsequenzen schreckten die Regierungen zurück. Die nötige Halbierung des globalen CO2-Ausstosses wurde auf die lange Bank geschoben. Die politische Hypothek der damit verbundenen Kosten war mit Blick auf die damalige Finanz- und Schuldenkrise offensichtlich zu gross.

Es muss eine Dynamik in Fahrt kommen

Sechs Jahre später wurde das Versäumnis von Kopenhagen nachgeholt. «Paris hat die Zweiteilung der Welt überwunden», resümiert Bretschger. Erstmals nach dem Kyoto-Vertrag von 1997 liessen sich nicht mehr nur die Industrieländer, sondern auch die Schwellen- und Entwicklungsländer in die Verantwortung nehmen, einen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgasemissionen zu leisten. Der Schulterschluss war überfällig, vor dem Hintergrund des spektakulären wirtschaftlichen Aufstieges vieler Schwellenländer, die inzwischen rund 60 Prozent des globalen CO2-Ausstosses verantworten.

Und der Schulterschluss entspricht auch der Intention der UNO-Konvention von 1992: Die Vertragsparteien engagieren sich «auf der Grundlage der Gerechtigkeit und ihrer gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten», das Klimasystem für künftige Generationen zu schützen, heisst es darin. Doch die Emissionsreduktionen, zu denen sich die Staaten in Paris freiwillig verpflichtet haben, reichen bei weitem nicht aus, das Klimaziel zu erreichen. Nach vorläufigen Schätzungen genügen die nationalen Vorgaben in der Summe gerade um die Erderwärmung bei 3 Grad aufzuhalten. Nötig wären 1,5 Grad, wie der Weltklimarat vor einigen Wochen in einem alarmierenden Zwischenbericht feststellte. «Wir wissen, dass es noch grosse zusätzliche Anstrengungen braucht, aber für eine exakte Bestandesaufnahme fehlt es an der nötigen Transparenz», sagt Bretschger. Diesen Mangel will der am Montag beginnende Klimagipfel in der polnischen Stadt Kattowitz beheben. Es ist das wichtigste Treffen seit dem Durchbruch von Paris. Es soll die Regeln zur Umsetzung des Pariser Abkommens in die politische Praxis der einzelnen Länder definieren und festlegen, wie Emissionsreduktionen, Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel und die Beiträge zur Klimafinanzierung transparent zu erfassen, zu berechnen und zu kommunizieren sind.

Auf einen Volltreffer im ersten Versuch hoffen freilich nicht einmal die grössten Optimisten. Ein transparentes und strenges Regelbuch verwandelt die freiwilligen Versprechen von Paris in harte politische Verpflichtungen. Davor schrecken nicht nur manche Entwicklungsländer zurück, die um ihre wirtschaftlichen Perspektiven fürchten. Auch manchen Industrieländern wird es mulmig zumute, wenn die in Paris versprochenen Unterstützungsleistungen von 100 Milliarden Dollar pro Jahr, welche die ärmeren Länder für den klimafreundlichen Umbau ihrer Wirtschaft erhalten sollen, plötzlich zu einer unverrückbaren Schuld mutieren. Doch das Rennen um das Klima lasse sich sowieso nicht nur mit einzelnen Abkommen und harten CO2-Reduktionszielen gewinnen, glaubt Bretschger. «Was wir brauchen, ist eine Dynamik. Kommt diese Bewegung in Fahrt, wird jedes Land Vorteile erlangen, wenn es Veränderungen auf einer niedrigeren, technischen Ebene realisiert. Wärmepumpen statt Ölheizungen, Elektroautos statt Dieselfahrzeuge, reparieren statt kaufen, Gemüse statt Fleisch.»

«Ob die Bewegung schon stark genug ist, bald selbsttragend zu werden, wird man in einigen Jahren sehen», sagt er mit einem eher zuversichtlichen Unterton. Die lautstarke Kündigung des Pariser Abkommens durch die Trump-Administration oder die politische Wende in Brasilien sind für Bretschger jedenfalls bloss «Gegenreaktionen» auf die bisherige Entwicklung, die zu erwarten waren.

Auffallend wenig spricht der Wissenschafter über die grossen theoretischen Konzepte, wie die Ökonomie das Klimaproblem vielleicht eleganter hätte lösen können. Damit unterscheidet er sich in markanter Weise von bekannten Kollegen wie dem französischen Nobelpreisträger Jean Tirole oder dem Amerikaner Martin Weitzman, denen die Idee einer globalen CO2-Steuer besonders gut gefällt. Zwar vermag auch Bretschger dieser Idee viel Gutes abzugewinnen: «Steuern sind schliesslich ein effizientes Lenkungsinstrument. Sie zwingen die Wirtschaftsakteure, ihr Verhalten zu ändern, ohne ihnen das Wie vorzuschreiben.» Doch dieser Zug ist in seinem Urteil längst abgefahren. «Ein Vierteljahrhundert nach der Unterzeichnung der UNO-Klimakonvention ist es realistischerweise kaum mehr möglich, die Staatengemeinschaft auf ein neues System einzustimmen», sagt Bretschger.

Mehr Lebensqualität statt Materielles

Auch sonst wertet der 60-Jährige die Leistungen der eigenen Disziplin mit erfrischender Bescheidenheit. Das Ideal vieler Öko­nomen sei ein Markt, der gute Lösungen weitgehend ohne Mitwirkung des Staates zuwege bringe. Doch bisweilen verfalle man dabei der Versuchung, Modelle zu verallgemeinern, die sich in der Praxis bestenfalls zur Lösung einfacher Einzelprobleme eigneten. Ökonomen hätten auch die Tendenz, in ihren Politik-Empfehlungen zu stark auf die theoretisch scheinbar beste Lösung zu fokussieren.

«Wir sollten uns stattdessen stärker auf das Machbare konzentrieren. Schliesslich leben wir auch nur in der dritt-, viert- oder fünftbesten aller Welten.» Aus Bretschgers Sicht war es auch kein Zufall, dass es Naturwissenschafter waren, die im Bericht des «Club of Rome» vor bald 50 Jahren zum ersten Mal nach Jahrzehnten des sorglosen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen der Welt vor den «Grenzen des Wachstums» warnten. Die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen wie Grund und Boden sei in der klassischen Ökonomie von Adam Smith und David Ricardo ein zentraler, begrenzender Faktor für das Wachstum gewesen. Doch mit der Industrialisierung sei dieser Aspekt weitgehend in Vergessenheit geraten. «Inzwischen hat die Ökonomie aber den Nachweis erbracht, dass die Wirtschaft mit Ressourcenknappheit umgehen kann», sagt Bretschger. «Ressourcen sind im Prinzip durch Kapital und technologischen Fortschritt ersetzbar», erklärt er und verweist auf Beispiele einer effizienteren Energiegewinnung.

Allen theoretischen Erkenntnissen zum Trotz kommt Bretschger in der gesellschaftlichen Diskussion über Wachstum eine Frage noch immer zu kurz. Was soll wachsen? «Die künftige Entwicklung sollte in Richtung einer steigenden Lebensqualität und nicht in Richtung eines materiellen Überflusses gehen, den wir letztlich gar nicht wirklich wollen», schreibt er im Buch «Greening Economy, Graying Society» (CER-ETH Press, 2018). In dieser Diskussion hätten auch die Wirtschaftswissenschaften eine Rolle zu spielen. «Das Bruttoinlandprodukt sagt viel aus über die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die eine Wirtschaft Jahr für Jahr ausstösst. Aber man weiss wenig dar­über, wie sich Veränderungen des BIP und das Glück der Menschen zueinander verhalten.» Klimapolitik ist ein gesellschaftliches und politisches Grossprojekt, dessen Vollendung in unbestimmter Zeit die wenigsten Baumeister erleben dürften.

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