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Warum die Schweiz im Abfall gräbt

Die Abfallpolitik der vergangenen Jahre ist durch Fehlentscheide und Skandale geprägt. Doch diese könnten sich nun für die Zukunft der Schweizer Kehrichtwirtschaft im Nachhinein als Segen erweisen.
Daniel Zulauf
Arbeiten in der mittlerweile fertig sanierten Sondermülldeponie Kölliken. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (25. Juni 2015))

Arbeiten in der mittlerweile fertig sanierten Sondermülldeponie Kölliken. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (25. Juni 2015))

In der Gemeinde Kölliken sehnt man sich nach dem Tag, an dem die Leute aus anderen Landesteilen wieder fragen müssen: Kölliken? Wo liegt das? Es ist bald so weit. Die Sanierung der Sondermülldeponie, die 1978 zum Nutzen der Basler Chemie eröffnet worden war, ist nach 13 Jahren und einem Aufwand von rund 900 Millionen Franken abgeschlossen. Das riesige Dach über dem grossen Loch, das jedem Autofahrer auf der A1 während der Durchfahrt durch den Aargau den Standort der berühmt-berüchtigten Gemeinde überdeutlich angezeigt hatte, ist abgeräumt. Kölliken darf wieder ein normales Dorf werden.

Gelohnt hat sich die kostspielige und europaweit beispiellose Sanierung allemal – nicht nur für Kölliken. Das Umweltgesetz von 1995 verpflichtete die Kantone zur Herstellung von Transparenz über belastete Standorte. Es wurden landauf, landab rund 3000 sanierungsbedürfte Deponien gefunden. Zehn Jahre später legte ein neues Umweltgesetz fest, wer die geschätzten Kosten von 5 Milliarden Franken für solcher Sanierungen zu tragen hat. Der Bund gab sich die gesetzliche Grundlage, die Altlastenbereinigung mitzufinanzieren.

Exportanteil hat sich verdoppelt

Gelöst wurde das Problem mit dem Sondermüll damit allerdings nicht. Es wurde eher verlagert. Ein bedeutender Teil des Kölliker Aushubs wurde ins Ausland exportiert. In Form von Filteraschen und Schlacken landete es zum Beispiel in einem ehemaligen Salzbergwerk in Heilbronn. Von 2010 bis 2016 verdoppelte sich der Exportanteil am gesamten Schweizer Sondermüllaufkommen auf gegen 20 Prozent.

Der Anstieg der Exporte sei hauptsächlich auf die forcierte Sanierung von Altlasten zurückzuführen, erklärt das Bundesamt für Umwelt (Bafu) auf Anfrage. «Zur Behandlung der daraus entstehenden Abfälle fehlen in der Schweiz insbesondere die Kapazitäten zur thermischen Behandlung solcher Abfallmengen.» Auch ohne den Stoff aus Kölliken blühte in der Schweiz ein obskures Geschäft mit dem Export von Sondermüll auf. Citron, eine mit Schweizer Kapital und Know-how gegründete Firma zur Rezyklierung von Sondermüll in der Nähe der französischen Hafenstadt Le Havre, erlebte bald nach der Gründung 1997 einen veritablen Boom. Citron-Aktien galten unter Investoren als heisser Geheimtipp. Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen verfrachteten während mehr als einem Jahrzehnt jährlich bis 20 000 Tonnen schwermetallhaltige Schlacken, Filteraschen und andere giftige Abfälle an den Atlantik.

In einer Mischung aus Naivität und Wunschdenken vertraute man den grossspurigen Versprechen der Betreiber, der Kehrricht werde nach der Hitzebehandlung, aufgespalten in seine wiederverwertbaren metallischen Elemente, in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt. Warnungen der Umweltbehörden wurden sowohl von den Schweizer Exporteuren als auch der lokalen Politik in Frankreich in den Wind geschlagen. 2010 flog der Schwindel endgültig auf. Citron musste nach zahlreichen Pannen und Unfällen Konkurs anmelden. Der Zürcher Patron Michael Brüggler wurde vor zwei Jahren in erster Instanz zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Rekurs ist hängig.

«In der Abfallwirtschaft war Citron ein Glücksfall»

Während die Citron-Fabrik langsam zerfällt und 80 000 Tonnen mehr schlecht als recht verbranntem Sondermüll den Boden verseucht, fragt man sich, wer dies dereinst entsorgen und vor allem, wer die dafür nötigen 50 Millionen oder vielleicht sogar 100 Millionen Euro dafür aufbringen soll. Die letzten Abfalllieferungen vor dem Konkurs hat die Schweiz mit einem Aufwand von 900 000 Franken zurückgeholt. Damit hat sie gemäss Bafu ihre «internationalen Pflichten» erfüllt. Doch der Skandal blieb nicht ohne Wirkung. «In der Abfallwirtschaft war Citron ein Glücksfall», sagt Stefan Schlumberger, ein Spezialist für nass-chemische Verfahren zur Rückgewinnung von Wertstoffen in der Kehrichtverbrennungsanlage Zuchwil im Kanton Solothurn. Der Fall habe gezeigt, dass Preis allein in der Abfallentsorgung falsche Signale setzt. Mit der 2016 in Kraft gesetzten «Verordnung über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen» (VVA) könnten sich die Spielregeln im Schweizer Abfallgeschäft ein weiteres Mal ändern.

Die mit Schwermetallen durchsetzten Filteraschen aus den 30 Kehrichtverbrennungsanlagen im Land sollen ab 2021 vollständig in der Schweiz aufgearbeitet werden, nachdem sie vor zwanzig Jahren noch zu 100 Prozent exportiert worden waren. Eine saubere Aufbereitung solcher Abfälle ist zwar um einiges teurer als die rund 250 Euro pro Tonne, mit denen sich Firmen wie Citron im Wettbewerb mit den nicht viel billigeren Untertagdeponien zu behaupten versucht hatten. Wird der Prozess aber technisch und ökologisch sauber durchgeführt, resultieren am Ende wiederverwertbare Metalle wie Kupfer, Zink, Aluminium, Eisen und sogar Gold und Silber. Die Schlacken und Filteraschen einfach zu verschachern oder in Untertagdeponien zu versenken, war noch nie eine schlaue Strategie, sagt Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Fachhochschule Rapperswil. Mit Hilfe neuer Verfahren, an denen Leute wie Schlumberger arbeiten, soll die Rückgewinnungsquote demnächst weit über die bisherigen 50 Prozent gesteigert werden.

Bunge spricht von «urban mining», vom städtischen Bergbau. Selbst wenn die urbanen Rohstoffminen nicht so viel Ertrag lösen können, wie Bunge dies erwartet, muss das für die neue Abfallpolitik kein Nachteil sein. Die hohen Recyclingkosten sind letztlich vielleicht der stärkste Anreiz zur Vermeidung unnötiger Abfälle.

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