Spionage
Stadler ist alarmiert: Die Russen kommen!

In Süddeutschland werden brandneue Stadler-Züge bald von einer Tochtergesellschaft der russischen Transmashholding gewartet. Der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer befürchtet Industriespionage.

Thomas Griesser Kym
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Ein Stadler-Triebzug der deutschen Verkehrsgesellschaft Go-Ahead auf der Linie Stuttgart–Crailsheim in Baden-Württemberg.

Ein Stadler-Triebzug der deutschen Verkehrsgesellschaft Go-Ahead auf der Linie Stuttgart–Crailsheim in Baden-Württemberg.

Von einem «Wirtschaftskrimi» schreibt die «Augsburger Allgemeine». Was ist passiert? Die deutsche Tochter der britischen Verkehrsgesellschaft Go-Ahead wird ihre Stadler-Züge, die auf der Linie Lindau–München eingesetzt werden, von der TMH Germany warten lassen. Diese gehört via die TMH International mit Sitz in Zug zur russischen Transmashholding (TMH), dem sechstgrössten Eisenbahnhersteller der Welt.

TMH Germany ist erst im Jahr 2020 gegründet worden und bietet Bahnunternehmen unabhängig davon, wer deren Rollmaterial hergestellt hat, seine Serviceleistungen an. Am 1. Dezember 2020 erhielt TMH Germany von Go-Ahead den Auftrag, während zwölf Jahren jene Flotte aus 78 elektrischen Triebzügen zu warten, die Go-Ahead schwergewichtig im Süden Bayerns einsetzen wird.

TMH Germany wird bald die ersten Stadler-Züge inspizieren

Dabei handelt es sich um 22 vierteilige Stadler-Triebzüge des Typs Flirt 3 für das E-Netz Allgäu mit der Linie Lindau–Memmingen–München, die Go-Ahead ab Ende 2021 bis Ende 2033 betreiben wird, und um 56 Züge von Siemens für die Augsburger Netze, die Go-Ahead ab Ende 2022 bis Ende 2034 bedient.

Am 1. Februar 2021 ist das technische Team von TMH Germany zu seinem ersten Arbeitstag in Augsburg zusammengekommen. Bis zum Start von Go-Ahead auf dem E-Netz Allgäu mit den Stadler-Zügen werde das Team aus Mechatronikern und Industrieelektronikern in einem gemieteten Werk in Augsburg «umfassend in der leichten und schweren Wartung geschult, unter anderem anhand der neuen Züge, die bald in Augsburg eintreffen werden», schreibt Go-Ahead. Für die Wartung baut TMH Germany gegenwärtig für 40 Millionen Euro ein neues Servicewerk in Langweid nördlich von Augsburg.

Stadler sorgt sich um sein technisches Know-how

Dass Mitarbeitende eines Unternehmens, das einem russischen Konkurrenten gehört, bald Hand legen werden an Stadler-Züge, passt der Firma von Patron Peter Spuhler nicht. Nach dem Bericht der «Augsburger Allgemeinen» zitiert die «Welt am Sonntag» einen Stadler-Sprecher wie folgt:

«Wir betrachten die Konstellation in Langweid mit Sorge.»

Denn das grösste Kapital des Unternehmens sei das technische Know-how. «Wir müssen nun fürchten, dass es, konträr zu unseren vertraglichen Vereinbarungen, in die Hand von Wettbewerbern fällt», sagte der Stadler-Sprecher weiter. Und:

«Besonders kritisch sehen wir dabei, dass es sich hier um russische Wettbewerber handelt, die in den europäischen Markt drängen und so Zugang zu geschützter und dem Betriebsgeheimnis unterliegender Technologie erhalten könnten.»

Stadler sei deshalb derzeit in Gesprächen mit Go-Ahead.

Go-Ahead und TMH wiegeln ab

Die Verkehrsgesellschaft als Betreiberin der Züge widerspricht der Befürchtung. «Wir sehen das nicht so», sagte ein Go-Ahead-Sprecher der Zeitung. Darüber hinaus wolle man die Sache nicht kommentieren.

TMH wiederum weist darauf hin, dass die Hersteller der Züge dem Betreiber für die Wartung der Züge die zugehörigen Wartungshandbücher zur Verfügung stellen müssen. «Dies ist gängige Praxis in der Bahnindustrie, und wir möchten betonen, dass diese Dokumente keine technischen Zeichnungen oder Ähnliches enthalten, die es erlauben, den Zug neu zu konstruieren und zu bauen», sagte eine TMH-Sprecherin.

Transmashholding ist bisher vor allem in Osteuropa unterwegs

Die Transmashholding fertigt U-Bahn-Züge, Strecken- und Rangierlokomotiven, Wagen für Passagier- und für Güterzüge usw. Bei weitem die grösste Kundin ist die Russische Staatsbahn. Weitere grössere Kunden finden sich in Ägypten, Aserbaidschan, Bulgarien, Kasachstan, Polen, Serbien, der Ukraine oder Weissrussland.

Stadler hatte den Auftrag von Go-Ahead über die 22 Flirt-Triebzüge für das E-Netz Allgäu im September 2018 erhalten. Der Auftragswert beläuft sich auf einen «niedrigen dreistelligen Millionenbetrag». Für weitere drei Netze, die Go-Ahead seit Ende 2019 schwergewichtig in Baden-Württemberg betreibt, verfügt die Gesellschaft über weitere 66 Flirt.