«Warnschüsse an der Zinsfront»

Die langfristigen Zinsen beginnen sich zu normalisieren, und Anleger setzen besser auf Unternehmensanleihen und Aktien, sagt Daniela Steinbrink Mattei. Sie ist bei der UBS für Zinsprognosen zuständig und war Gast auf dem Wolfsberg Ermatingen.

Martin Sinzig
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Daniela Steinbrink Mattei Head CIO WM Research Fixed Income, UBS

Daniela Steinbrink Mattei Head CIO WM Research Fixed Income, UBS

Sie sind als Auslandschweizerin aufgewachsen und heute international tätig: Welche Beziehungen haben Sie eigentlich zur Ostschweiz?

Daniela Steinbrink Mattei: (lacht und erklärt in perfektem Hochdeutsch) Auch wenn man das jetzt nicht hört, aber mein Heimatort ist Häggenschwil, und ich bin oft in der Region zum Fahrradfahren.

Und welche Botschaft von den Finanzmärkten haben Sie nach Ermatingen mitgebracht?

Steinbrink Mattei: Unsere Botschaft ist folgende: Die Weltkonjunktur erholt sich, allen voran in den USA. Die Eurozone hat es geschafft, aus der Rezession herauszufinden. Sie wird ein geringes, aber positives Wachstum haben, was für die Stimmung wichtig ist. An der Zinsfront hat es mehrere Warnschüsse gegeben. Wie vorausgesagt beginnen die Zinsen am langen Ende zu steigen. Es ist ein langer Normalisierungsprozess, der erst begonnen hat.

Die langfristigen Zinsen sind innert kurzer Zeit angestiegen.

Steinbrink Mattei: Richtig, dieser Beginn der Normalisierung dürfte sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Einmal, weil die Laufzeitprämie, trotz historisch tiefem Niveau, begonnen hat, sich zu normalisieren. Dazu gesellen sich steigende Zinserwartungen aufgrund eines stärkeren Wachstums und schliesslich für die nächsten Jahre höhere Inflationserwartungen.

Was heisst das konkret?

Steinbrink Mattei: Es ist eine wichtige Botschaft für Investoren. Weil die Zinskurve jetzt ein bisschen steiler ist, sollte man eine zusätzliche Rendite nicht durch eine Verlängerung der durchschnittlichen Laufzeit von Anleihen erwirtschaften, sondern eher durch eine Beimischung von Kreditrisiken innerhalb des Anleiheuniversums. Das wären dann eben Unternehmensanleihen und je nach Risikofähigkeit des Anlegers hochverzinsliche Anleihen.

Und wie steht es Ihrer Meinung nach um die Volkswirtschaften generell?

Steinbrink Mattei: Obwohl die Wirtschaft nächstes Jahr stärker wachsen wird als dieses Jahr, haben sich die fundamentalen Probleme der Schuldenkrise nicht gelöst. Wir zeigen verschiedene Szenarien auf, wie diese gelöst werden kann. In der Vergangenheit haben zum Beispiel die USA nach dem zweiten Weltkrieg ab 1946 innert elf Jahren die Schuldenquote im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt von 120 auf 60 Prozent reduziert.

Und das hat wie funktioniert?

Steinbrink Mattei: Das gelang durch eine Mischung von Sparpolitik, Inflation und Finanzrepression. Solche Tendenzen sind auch jetzt erkennbar.

Die historisch tiefen Zinsen animieren zum Investieren, zum Beispiel in Immobilien. Welche Risiken birgt das?

Steinbrink Mattei: Wir haben schon im Sommer letzten Jahres davor gewarnt, dass der Immobiliensektor überhitzt ist, dass die Agios zu hoch sind. Wenn man zu diesem Zeitpunkt von Immobilienfonds in Aktien gewechselt hätte, hätte man im Schweizer Aktienmarkt eine höhere Performance erzielt. Wir sind zum Immobiliensektor schon seit geraumer Zeit vorsichtig eingestellt. Auch innerhalb der Anleihen ist es nach wie vor so, dass wir ein Untergewichten der G7-Staatsanleihen empfehlen, weil das Rendite-Risiko-Profil nicht attraktiv, die Risiken nicht entsprechend entschädigt werden. Dies im Hinblick auf die steigenden Zinsen. Wie gesagt, der Prozess der Normalisierung hat erst begonnen.