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Warenhäuser werden zu Warenlagern

In den USA machen mehr und mehr Shopping Malls dicht. Doch für die verwaisten Komplexe gibt es neue Nutzungskonzepte. Ironischerweise mischen Onlinehändler als Totengräber des stationären Handels mit.
Adrian Lobe
Ein Logistikzentrum von Amazon. Der Onlinehändler benötigt für die Lagerung und Auslieferung seiner Waren riesige Flächen. (Bild: PD)

Ein Logistikzentrum von Amazon. Der Onlinehändler benötigt für die Lagerung und Auslieferung seiner Waren riesige Flächen. (Bild: PD)

In den USA hat in den vergangenen Jahren ein beispielloses Sterben eingesetzt: Landesweit sperren Shopping Malls zu. Reihenweise schliessen Einkaufszentren und Warenhausfilialen von Sears, Macy’s oder JC Penney. Die leeren Gebäude stehen wie Memento Mori in einer verlassenen Konsumlandschaft herum. Wo einst volle Regale waren, hängen heute Kabel von der Decke und überwuchert Unkraut Rolltreppen.

Die Seite deadmalls.com hat diesen Zerfallsprozess eindrucksvoll dokumentiert. Seit 2002 sind 450000 Jobs im US-Detailhandel vernichtet worden, ein Rückgang um 25 Prozent. Schuld daran ist nicht zuletzt der Onlinehandel: Konsumenten bestellen Waren im Internet bei Amazon. Das ist bequemer und oft güns­tiger. Der Zweikampf zwischen stationärem Handel und E-Commerce wurde von US-Medien zu «Amazon vs. the Mall» stilisiert.

Noch gibt es in den USA rund 1400 Malls. Analysten sagen voraus, dass bis 2022 jede vierte Mall an den veränderten Konsumgewohnheiten zerbrechen könnte. Damit geht auch ein Stück des American Way of Life verloren: Shopping Malls waren die sozialen Zentren der Suburbs, der amerikanischen Vororte, so etwas wie ein Forum. Auch die Schweiz hat mit dem Centro Ovale in Chiasso, einem Bau in Form eines überdimensionierten Kieselsteins, ihre erste Dead Mall.

Amazons enormer Platzbedarf

Die nicht nur architektonische und städtebauliche Frage ist, was mit diesen leer stehenden Malls passieren soll, und welche Nutzungskonzepte man dafür entwickelt. Manche Malls wurden zu Bürokomplexen, Serverfarmen, Kliniken, Hockeyhallen und gar Kirchen umfunktioniert. Doch ausgerechnet der grösste Verschrotter könnte die Malls revitalisieren und einer neuen Nutzung zuführen. So hat Amazon ein ­Gebäude auf dem Gelände der Randall Park Mall vor den Toren Clevelands in Ohio als Waren­lager angemietet. Die Mall, die 1976 eröffnet wurde, galt einmal als grösstes Einkaufszentrum der Welt. 2009 musste sie wegen einbrechender Umsätze schliessen, 2014 wurde der Betonkomplex dem Erdboden gleichgemacht. Wo früher ein Warenhaus war, ist heute ein Warenlager. Ökonom Joseph Schumpeter nannte ­diesen Prozess «schöpferische Zerstörung»: Der Kapitalismus schafft es, sich stetig zu erneuern.

Amazon benötigt für seinen Warenversand riesige Flächen. Der physische Fussabdruck des Onlinehändlers – Büros, Logistikzentren und Rechenzentren eingerechnet – hat sich laut Jahresbericht vergangenes Jahr um 42 Prozent erhöht. Die Fläche, über die sich das globale Imperium von Jeff Bezos erstreckt, beträgt 24 Quadratkilometer – eine Fläche grösser wie das Gebiet der Stadt Basel. Und der Flächenbedarf – speziell für Rechen- und Logistikzentren – wird durch die Zunahme des Auftrags- und Datenvolumens (nicht zuletzt aufgrund des Sprachassistenten Alexa, den der Konzern zur Schaltzentrale im Smart Home machen will) immer grösser. Die leer stehenden Malls bieten dafür eine günstige Infrastruktur.

Südkoreaner als Vorreiter

Im Bieterverfahren um Amazons zweites Hauptquartier bewarb sich das Montgomery County im Bundesstaat Maryland als Standort mit einer freien Fläche, auf der früher eine Shopping Mall gestanden hatte. Der US-Paketkonzern FedEx hat auf dem Areal einer Shopping Mall in Mesquite, einem Vorort von Dallas in Texas, ein Distributionszentrum errichtet, wo Maschinen Pakete sortieren. Und der weltgrösste Detailhändler Wal-Mart hat 10 seiner 63 im vergangenen Jahr geschlossenen Filialen seines Grosshändlers Sam’s Club in Distributionszentren für sein wachsendes E-Commerce-Geschäft umgewandelt. Wal-Mart, einst unangefochtener Platzhirsch im stationären Handel, holt im Onlinehandel gegenüber Amazon kräftig auf.

In Südkorea hat vergangenes Jahr die erste virtuelle Shopping Mall eröffnet, die man nur mit VR-Brillen besuchen konnte. In dieser virtuellen Realität (VR) konnte der Kunde durch eine virtuelle Shopping Mall gehen und Produkte in den Warenkorb legen. Wenn man auf einen Artikel klickte, wurden zusätzliche Produktinformationen angezeigt. An dem Experiment des südkoreanischen Handels-, Industrie- und Energieministeriums nahmen Konzerne wie LG, Hyundai und Lotte teil. Südkorea ist Vorreiter in der Innovation von Konsum­erlebnissen. Samsung hat in New York einen Laden ohne Waren («the unstore») eröffnet. Statt endloser Regale finden sich in dem 3700 Quadratmeter grossen Geschäft ein Multimediastudio, eine Kunstgalerie und ein Theater mit 90 Sitzplätzen. Der Besucher soll die Warenwelt Samsungs virtuell und emotional erleben und das reale Produkt erst am Ende in den Händen halten.

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