Wachstum über Nacht

Das Schweizer Bruttoinlandprodukt wächst plötzlich schneller als bisher ermittelt. Dabei handelt es sich aber nicht um ein Wirtschaftswunder – sondern eine neue Art der Berechnung.

Thorsten Fischer
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Containerterminal im Hafen von Hamburg: Exporte und Importe werden auch von der Schweiz neu berechnet – mit statistischen Folgen. (Bild: ap/Fabian Bimmer)

Containerterminal im Hafen von Hamburg: Exporte und Importe werden auch von der Schweiz neu berechnet – mit statistischen Folgen. (Bild: ap/Fabian Bimmer)

BERN. ESVG 2010 heisst das Zauberwort, das die Schweizer Wirtschaft zum Wachsen bringt – wenn auch bloss statistisch. Denn neu werden die Quartalsdaten zum Bruttoinlandprodukt (BIP) im Rahmen des europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen 2010, kurz ESVG 2010, publiziert.

Eine Spur stärker

Nach dem Systemwechsel resultiert für das 2. Quartal 2014 neu ein Wachstum von 0,2% im Vergleich zum Vorquartal. Im Vergleich zum Vorjahr beträgt das Plus sogar 1,4%. Damit fällt das 2. Quartal laut neuer Schätzung etwas stärker aus als bisher angenommen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erklärt.

Massgeblich hierfür seien leicht höhere positive Wachstumsimpulse der Handelsbilanz mit Waren und Diensten nach der Umstellung. Die Abschwächungstendenz der Inlandnachfrage bleibe indessen bestehen.

Wo die Effekte herkommen

Was sich in den Kategorien verschiebt, zeigen folgende Beispiele:

• Ausrüstungsinvestitionen von Firmen: Die Schätzung der Ausrüstungsinvestitionen – also Investitionen in Maschinen und Geräte – wurde laut Seco in einigen Fällen erweitert. Neu mitberücksichtigt werden die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen (F&E). Ausserdem fallen Militärinvestitionen jetzt auch in diese Kategorie. Das alles wirkt sich auf die Höhe der eingebrachten Gelder aus.

• Ausfuhren und Einfuhren: Neu basiert die Handelsbilanz im Rahmen des ESVG 2010 auf dem Konzept «Wechsels des wirtschaftlichen Eigentums». Als Export oder Import gilt ein Geschäft dann, wenn Waren zwischen einem Gebietsansässigen und einem Gebietsfremden übertragen werden. Keine Rolle spielt es aber, ob im Warenverkehr die Grenze tatsächlich physisch überschritten wird.

Das Prinzip, nur den Eigentümerwechsel zu erfassen, hat noch andere Folgen. Denn ebenso gibt es Waren, welche die Grenze überqueren, ohne dass der wirtschaftliche Eigentümer wechselt. Das gilt laut Seco für den Lohnveredelungsverkehr oder bei Retourwaren. Somit wird die Aussenhandelsstatistik mit Waren neu um den Lohnveredelungsverkehr bereinigt.

• Saisoneffekte und Feiertage: Die meisten Wirtschaftsindikatoren werden von Saison- und Kalendereffekten beeinflusst. Zur Analyse wird kein allgemeiner Kalender mehr, sondern eine spezialisierte, vom Bundesamt für Statistik erarbeitete nationale Übersicht genutzt.