VW will die Krise nutzen

Mit 3,5 Milliarden Euro hält sich der Quartalsverlust von VW in Grenzen. Doch das gesamte Ausmass des Verlusts ist noch offen. VW-Chef Matthias Müller will den Konzern umbauen.

Stefan Uhlmann
Drucken
Teilen
Volkswagen will sich neu erfinden: Herbert Diess, Chef der Marke VW, bittet an der Tokyo Motor Show um Verzeihung wegen des Abgasskandals. (Bild: ap/Eugene Hoshiko)

Volkswagen will sich neu erfinden: Herbert Diess, Chef der Marke VW, bittet an der Tokyo Motor Show um Verzeihung wegen des Abgasskandals. (Bild: ap/Eugene Hoshiko)

WOLFSBURG. Matthias Müller übt sich in Zuversicht: «Volkswagen wird aus der aktuellen Situation stärker als zuvor hervorgehen», sagte der neue Konzernchef gestern. Zuvor musste er aber einen Milliardenverlust verkünden.

Im 3. Quartal 2015 stieg der Umsatz um gut 5% auf 51,5 Mrd. €, der Betriebsgewinn ohne Sondereinflüsse bleib mit 3,2 Mrd. € annähernd stabil. Unter dem Strich aber steht ein Verlust von 3,5 Mrd. € vor Zinsen und Steuern und von 1,7 Mrd. € nach Steuern. Dies, weil Volkswagen 6,7 Mrd. € für Nachrüstungen von Fahrzeugen zurückgelegt hat, die mit einer Software ausgerüstet sind, welche die Abgaswerte von weltweit 11 Mio. Dieselfahrzeugen manipuliert hat. Diese Rückstellung wird jedoch nicht reichen. Allein in den USA drohen VW Strafzahlungen von bis zu 18 Mrd. $. Auch in anderen Ländern ermitteln die Behörden. Rückrufaktionen, Strafen und Schadenersatzansprüche könnten VW über 30 Mrd. € kosten, schätzen deutsche Experten.

Profitabilität statt schiere Grösse

Ab Januar will VW mit dem Nachrüsten beginnen. Allein in Europa sind 8,5 Mio. Fahrzeuge der Marken VW, Audi, Seat und Skoda betroffen, davon 2,4 Mio. in Deutschland und 128 000 in der Schweiz. Müller versprach Aufklärung: «Wir werden die Wahrheit herausfinden und daraus lernen.» Die Verantwortlichen müssten mit harten Folgen rechnen. Müller will überdies den Konzern dezentraler aufstellen. Marken und Regionen sollen mehr Eigenständigkeit erhalten. Im Zentrum der Strategie soll nicht mehr schiere Grösse stehen, sondern Profitabilität. Es gehe nicht mehr darum, 100 000 Autos mehr oder weniger als die Konkurrenz zu verkaufen, sondern um qualitatives Wachstum, sagte Müller. Damit hebt er sich ab von seinem abgetretenen Vorgänger Martin Winterkorn. Dieser hatte sich noch feiern lassen, als Volkswagen im 1. Halbjahr Toyota als weltgrössten Autobauer abgelöst hatte. Inzwischen sind die Japaner wieder vorn.

Fachleute von Konkurrenten

Müller stellt vieles auf den Prüfstand. Die Zahl von 300 Modellen soll reduziert werden, die Investitionen sollen um 1 Mrd. € pro Jahr sinken. Auch das teure Sportsponsoring könnte betroffen sein. Um das Unternehmen wieder auf Vordermann zu bringen, hat Müller auch zwei Schlüsselpositionen neu besetzt. Als Chefstratege kommt der frühere Opel-Chef Thomas Sedran zu VW. Und die ehemalige Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt wechselt von Daimler zu Volkswagen und soll hier alle Rechtsfragen führen.