Vorwürfe auch gegen Mercedes

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Schummelsoftware «Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert.» Das sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche Anfang 2016. Medienberichte von gestern legen nun aber den Verdacht nahe, dass Zetsche damals, bewusst oder unbewusst, die Unwahrheit gesagt hat. Auch bei Mercedes soll im grossen Stil mit Abgaswerten geschummelt worden sein, berichtet die «Süddeutsche Zeitung». Von 2008 bis 2016 habe Daimler bewusst über eine Million Fahrzeuge mit unzulässig hohem Schadstoffausstoss an Kunden in Europa und den USA verkauft. Betroffen seien Dieselmotoren, die auch in ­etlichen Mercedes-Modellen eingebaut sind. Die Zeitung beruft sich auf einen Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart, nachdem im Mai bei Daimler eine Grossrazzia stattgefunden hatte.

Der Autobauer soll, falls die Vorwürfe zutreffen, bei den Manipulationen ähnlich vorgegangen sein wie der Volkswagen-Konzern. Bisher ermitteln die Behörden lediglich gegen zwei Daimler-Softwareentwickler. Die zuständige Staatsanwältin rechnet allerdings damit, dass sich der Kreis der Verdächtigen erweitern wird. Möglicherweise gerät auch Zetsche ins Visier der Ermittler.

«Ein gewaltiger Schaden»

«Wenn nach VW auch Daimler die Verbraucher betrogen hätte, dann hätten wir einen handfesten Skandal, der nicht nur Kunden in Deutschland, sondern möglicherweise in der ganzen Welt trifft», zitierte das «Handelsblatt» gestern den Chef der deutschen Verbraucherzentrale, Klaus Müller: «Hier nimmt gerade eine ganze Branche, der gute Ruf einer Industrienation und nicht zuletzt das Verbraucher­vertrauen einen gewaltigen Schaden.» Tatsächlich ist der Ruf der deutschen Autobranche und vor allem der Dieseltechnologie seit Bekanntwerden der Manipulationen ramponiert. Nach VW gerieten auch Audi, Porsche, BMW und Daimler ins Visier von Ermittlern im In- und Ausland. Politik und Industrie in Deutschland treffen sich Anfang August, um die Dieselproblematik zu beraten. Möglich ist, dass sich die Autobauer dazu bereit erklären müssen, die Dieselfahrzeuge in Werkstätten umrüsten zu lassen. Alleine in Deutschland, berichtet der «Spiegel», wären davon 13 Millionen Fahrzeuge betroffen.

Daimler liess den Bericht der «Süddeutschen Zeitung» gestern unkommentiert. Auch Zetsche schweigt. Allzu lange dürfte er das nicht mehr tun können. (crb)