Vor dem Essen ins Internet

Dichte Arbeitstage und Bequemlichkeit sind Anreize, sich das Essen liefern zu lassen – fertig oder in Kisten mit Zutaten und Rezepten. Internet und intelligente Logistik beflügeln den Boom.

Pieter Poldervaart
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2007 wurde der letzte Migros-Verkaufswagen ausser Dienst gestellt. Doch die Onlineshops der beiden Grossverteiler und weiterer Anbieter zeigen, dass die Heimlieferung von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs gefragter ist denn je. Natürlich kann man sich via coop@home oder Le Shop auch Fertiggerichte bis zur Haustüre liefern lassen. Doch «Essen ist heute ein Statussymbol», sagt Karin Frick, Leiterin Research beim Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI). Entsprechend wollen sich viele nicht aufs Aufschneiden von Beuteln beschränken, sondern nehmen das Rüstmesser lieber selbst in die Hand.

Besonderer Markt ist entstanden

Dieses Bedürfnis bietet eine Nische für Heimliefer-Firmen, die Rezepte kreieren und das zum Kochen nötige Gemüse, Fleisch und Gewürze in rohem Zustand beilegen. Aus Deutschland etwa stiess vor kurzem Hello Fresh in die Schweiz vor. Drei Menus zum Selberkochen für zwei Personen kosten im Abo rund 100 Fr., wobei das Gemüse aus Bioanbau stammt. Geliefert wird wöchentlich. Hello Fresh sieht sich weniger in Konkurrenz zum selber Einkaufen als zu Lieferservices von Restaurants.

Dankbar für Ideen

Auf dasselbe Konzept setzt die Firma Juts. Seit April 2016 werden die Kisten «Vegi» und «Saisonal» mit sechs Mahlzeiten für zwei Personen für insgesamt 74 respektive 84 Fr. angeboten – eine Mahlzeit kostet also zwischen 12 und 14 Franken. Die Fleisch-Variante bot in der beobachteten Kalenderwoche griechischen Salat mit Salametti und Nussbrötli, Lachs mit Kartoffel-Erbsenstampf und Limettenrahm sowie Poulet-Satay mit Bohnen und Jasminreis.

«Kochen muss man natürlich weiterhin, aber man spart sich viel Zeit für den Einkauf und ist sich sicher, die nötigen Zutaten tatsächlich in der Küche zu haben», sagt Juts-Inhaber Serge Aerne. Juts liefert – wie auch Hello Fresh – schweizweit. Die Kundschaft reiche von Singles im Arbeitsprozess, älteren Pärchen bis zu Müttern, die dankbar für Kochideen seien. Ob Hello Fresh oder Juts, das A und O seien Qualität und eine zuverlässige Logistik. So investierten Aerne und sein Unternehmen in die Verpackungen, die mit einem Spezialisten entwickelt wurden.

Traditionelleres mobiles Essen stammt von Restaurants, die ihr Take-away-Menu auch ausliefern. Inzwischen bündeln immer neue Internetplattformen die Angebote und ermöglichen der hungrigen Kundschaft einen direkten Vergleich der lokalen Wettbewerber. Eat etwa vereint nach eigenen Angaben über 1000 Restaurants, dicht gefolgt von Foodarena (900) und Lieferservice (600). Aktuell baut Uber Eats in Zürich einen Schweizer Ableger auf. Der Deal: Wer sich als Restaurant bei diesen Vermittlern listen lässt, hofft auf Zusatzaufträge, muss aber eine Umsatzkommission an die entsprechende Plattform abliefern.

Nachfrage wächst

Noch direkter funktioniert Eatbetter: Das Start-up lässt von einem Thurgauer Caterer Znüni, Zmittag, Zvieri und Znacht kochen und stellt sie in verschiedenen Paketen zusammen, die über die eigene Webseite bestellt werden können. «Wir legen den Akzent auf gesunde, ausgewogene Ernährung und ziehen dafür eigens einen Arzt bei, der die Menus überprüft», erklärt Geschäftsführer Silvere Jenni. Auch bei den «Besseressern» ist die Logistik ein Knackpunkt, wobei das Jungunternehmen die fertig gekochten Mahlzeiten derzeit noch jeden Vormittag selbst im Grossraum Ostschweiz ausliefert – wie Juts mehrheitlich an Geschäftsadressen. Die Nachfrage sei gross, man überlege sich den Schritt in die Stadt Zürich und die Ausweitung der Palette in Richtung vegetarisch, laktose- und glutenfrei.

Grenzen verwischen

Ob Food-Boxen mit allen Menu-Zutaten oder fertige Mahlzeiten, in beiden Fällen geben wir die Kompetenz über unser Essen ab. Das sei unproblematisch, meint GDI-Forscherin Karin Frick: «Auch Meisterköche schlachten die Tiere, die sie zubereiten, selten selber.» Ohnehin verwische die Grenze zwischen selbst gemacht und Fertiggericht zunehmend. Food-Boxen sprächen vermutlich nicht nur weniger talentierte, sondern ebenso besonders experimentierfreudige Hobbyköche an. «Und wenn am Ende der Amateur immer besser kocht, muss sich auch der Meister mehr ins Zeug legen.»