Vor Bundesratsentscheid
Die Corona-Pessimisten lagen falsch: Fällt jetzt die Homeoffice-Pflicht?

Über eine Million Menschen in der Schweiz sind vollständig geimpft. Und weil die Corona-Realität viel besser aussieht, als die Szenarien prognostizierten, sollen Restaurants bald auch die Innenräume wieder öffnen dürfen - und die Homeoffice-Pflicht fallen.

Gabriela Jordan, Nina Fargahi, Bruno Knellwolf
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Seit Monaten arbeiten zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer von zu Hause. Doch der Gehorsam bröckelt, wie Mobilitätsdaten zeigen.

Seit Monaten arbeiten zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer von zu Hause. Doch der Gehorsam bröckelt, wie Mobilitätsdaten zeigen.

Severin Bigler / ©

Trotz Lockerungsschritten gehen die Corona-Fallzahlen zurück. Doch nach wie vor gilt in der Schweiz die Homeoffice-Pflicht. Sie könnte bereits Ende Mai fallen - und in eine unverbindliche Empfehlung umgewandelt werden. Bedingung dafür ist gemäss Bundesrat, dass die Fallzahlen nicht wieder ansteigen und besonders gefährdete Personen die Möglichkeit hatten, sich mit zwei Dosen impfen zu lassen.

In der Wirtschaft geht das vielen zu langsam. Sie fordern, dass die Angestellten schon vorher wieder in ihre Büros zurückkehren dürfen.

«Nicht mehr verhältnismässig»

In die Offensive geht der Schweizerische Gewerbeverband. Schon am 17. Mai soll die Homeoffice-Pflicht fallen, fordert er. «Sie ist keine verhältnismässige Massnahme», kritisiert Verbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler. Mit Schutzkonzepten könnten Arbeitgeber die Gesundheit und Sicherheit ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schon heute sicherstellen. Unterstützung erhält er vom Arbeitgeberverband, dessen Direktor Roland A. Müller sagt:

«Viele Vorgesetzte hören von ihren Mitarbeitenden, dass sie seit bis zu einem Jahr im Homeoffice an ihre psychischen Belastungsgrenzen gestossen sind.»

Sie würden deshalb darauf drängen, zumindest wieder teilweise im Büro arbeiten zu können. Die Überführung der Homeoffice-Pflicht in eine Empfehlung würde die Situation entschärfen, sagt Müller. Wie Bigler argumentiert er damit, dass am Arbeitsplatz keine höhere Ansteckungsgefahr als andernorts sei.

Aufhebung an Testkonzept koppeln?

Wenig übrig haben die beiden Verbände für einen Vorschlag des Bundesamts für Gesundheit (BAG): Dem Vernehmen nach will dieser die Aufhebung der Homeoffice-Pflicht an ein betriebliches Testkonzept koppeln. Firmen, die ihren Angestellten wieder das Arbeiten im Büro ermöglichen wollen, müssten ein Testkonzept vorlegen – und somit wohl Coronatests zur Verfügung stellen. Das BAG nimmt dazu keine Stellung.

Bigler bezeichnet eine solche Auflage als «völlig inakzeptabel»: «Das Testen an sich macht natürlich Sinn. Man darf das aber nicht auf die Betriebe abwälzen. 80 Prozent aller Firmen in der Schweiz beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Für sie wäre das ein enormer Aufwand.»

Novartis: «Pflicht ist nicht unbedingt nötig»

Zurückhaltender sind die Arbeitnehmerverbände. Obwohl viele Angestellte genug vom Homeoffice haben, betont Ursula Häfliger vom Kaufmännischen Verband Schweiz, es gebe viele Möglichkeiten, sich anzustecken, auf dem Weg zur Arbeit oder im Büro selber:

«Um die Pflicht aufzuheben, muss sich die Situation stabilisieren und ein Grossteil der Erwerbstätigen die Möglichkeit gehabt haben, sich zu impfen.»

Im Bankensektor scheint das Bedürfnis auf eine Lockerung der Massnahmen laut dem Verband zudem kein dringendes Bedürfnis zu sein. Die Banken hätten gute Lösungen gefunden, um ihre Dienstleistungen trotz Homeoffice erbringen zu können. Der Unia äussert sich nicht explizit, weil die meisten ihrer Mitglieder in Berufen tätig seien, wo Homeoffice ohnehin nicht möglich sei, zum Beispiel in der Reinigung, auf dem Bau oder im Verkauf.

Aus der Deckung wagt sich hingegen nun ein grosser Arbeitgeber - einer, der bislang durch eine konsequente Homeoffice-Regelung auffiel. Der Basler Pharmakonzern Novartis teilt auf Anfrage mit:

«Eine generelle Homeoffice-Pflicht ist aus unserer Sicht nicht unbedingt notwendig.»

Bei Novartis arbeiten zurzeit 80 Prozent der Angestellten von zu Hause. Ungefähr gleich viel sind es bei der Swisscom, bei den SBB sind es seit Oktober 2020 rund 40 Prozent. Die Swisscom geht davon aus, dass eine vermehrte Rückkehr ins Büro ab Sommer möglich sein wird.

Nebst der Homeoffice-Pflicht gerät auch die Schliessung der Restaurants-Innenräume unter Druck. Die Gastrobranche fordert eine schnelle Öffnung. «Aus unserer Sicht sind alle Gäste Gäste – ob nun geimpft oder nicht. Unsere Schutzkonzepte funktionieren», sagt der Zürcher Gastrounternehmer Rudi Bindella zur «Schweiz am Wochenende».

Bundesrat: «Vorsichtige weitere Öffnungsschritte erscheinen möglich»

Derweil scheint bei den Parteien etwas Ruhe eingekehrt zu sein. Nach den Von-Wattenwyl-Gesprächen vom Freitag zeigten sich die Parteichefs versöhnlich. Gemäss FDP-Fraktionschef Beat Walti war der bundesrätliche Drei-Phasen-Plan zwar ein Thema, aber inhaltlich gebe es nichts Neues zu berichten. Der frisch geimpfte SP-Fraktionschef Roger Nordmann sagt:

«Wir müssen noch etwas vorsichtig sein, weil die Impfstoffe noch nicht für Kinder zugelassen sind. Aber wir sind sehr froh, dass dank dem vorsichtigen Verhalten der Leute die Zahlen bei uns nicht explodiert sind.»

Der SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi wollte sich zu den Von-Wattenwyl-Gesprächen nicht äussern.

Der Bundesrat lässt durchblicken, dass «vorsichtige weitere Öffnungsschritte möglich erscheinen», die Regierung berät an ihrer Sitzung vom 12. Mai darüber. Auf Nachfrage sagt Bundesratssprecher André Simonazzi, dass die Landesregierung ihre nächste Diskussion im Rahmen des vorgestellten Fahrplans angehen werde. Vorzeitige Öffnungsschritte vor dem 26. Mai erscheinen gemäss den Angaben von Simonazzi wenig realistisch.

Mehr als eine Million sind vollständig geimpft und geschützt

Vergangenen Freitag hat man sich darüber gefreut, dass die Infektionszahl erstmals seit Wochen wieder unter 2000 gefallen ist. Eine Woche später sind es nun noch 1546 Neuinfektionen und auch die Hospitalisationen gehen wie die Todesfälle weiter zurück. Weniger Coronatote gibt es, weil die gefährdetste Risikogruppe der über 65-jährigen inzwischen durchgeimpft ist. Die Impfkampagne hat nun noch auch bei den Jüngeren Fahrt aufgenommen, seit gestern sind über eine Million Menschen in der Schweiz vollständig geimpft.

Die Infektionszahlen gehen zurück - trotz der Lockerungen vom 19. April. Die Covid-19-Taskforce des Bundes hatte wegen der Öffnungen und der aggressiven britischen Variante mit ihren Modellrechnungen Szenarien publiziert, die im Mai bis zu 10'000 Infektionen pro Tag voraussahen. In dieser Zeitung hat der Leiter der Taskforce, Martin Ackermann, am Donnerstag erklärt, dass die Schreckensszenarien auf der Annahme einer deutlich schnelleren und stärkeren Öffnung und einer langsameren Impfkampagne beruht hätten. Bei solchen Modellrechnungen gebe es Unsicherheitsfaktoren und die grösste sei der Mensch, der sich anscheinend genug vorsichtig verhalten hat. So geht der Trend jetzt nach unten, statt wie befürchtet nach oben. Damit das so weitergeht, darf die Impfkampagne allerdings nicht bremsen.