Von Ravioli bis zum WC-Papier

Die Migros geht neue Wege. Sie entwickelt derzeit die Mitmach-Plattform Migipedia – wo man Migros-Produkte loben, aber auch bemängeln kann.

Stefan A. Schmid
Merken
Drucken
Teilen

Zürich. Miglu liebt die M-Budget-Spaghetti: «Die sind super! Sie kleben nicht zusammen und schmecken hervorragend.» Weniger begeistert ist Globinli über das M-Budget-WC-Papier: «Würde ich nie mehr nehmen – viel zu dünn.» Und Migros_Chind fühlt sich beim Verzehr der Migros-Büchsenravioli an seine Rekrutenschule zurückerinnert («wunderbar») – nur schade (findet er), dass die Ravioli «sehr, sehr viel Salz enthalten».

Solche, mehr oder weniger erhellenden Kommentare sind zu Hunderten auf der Migros-Website Migipedia zu finden. Sie befindet sich noch in der Entwicklungsphase (Beta-Version), wird aber von Migros-Kunden bereits recht intensiv genutzt. In Zahlen heisst dies: 8000 Einträge zu bald 4800 Migros-Produkten wurden von den 4700 registrierten Migipedia-Usern verfasst seit die Plattform im Juni aufgeschaltet wurde.

Wikipedia und Facebook

Migipedia könnte dereinst eine Art Online-Lexikon zu allen rund 30 000 Migros-Produkten werden. Angelehnt ist der Name denn auch an die bekannte Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Migipedia will aber mehr sein: nämlich eine Art Mix aus Wikipedia und einem sozialen Netzwerk wie Facebook. Wohlgemerkt: Verkauft wird hier nichts.

Hauptakteure sind die Migros-Kunden selber: Sie schreiben über ihre Lieblingsprodukte, bewerten diese, schwelgen in Erinnerungen, tauschen (Koch-)Tips aus oder machen ihrem Ärger Luft – wie erwähnt etwa über das M-Budget WC-Papier. Denn als regelmässiger Kunde ist man Experte in Sachen Migros, und was es dort alles zu kaufen gibt.

Den Dialog fördern

Mit Migipedia geht die Migros in Sachen Kundenbetreuung also neue Wege. In erster Linie will die Nummer 1 im Schweizer Detailhandel den Dialog unter den Kunden fördern – aber auch denjenigen mit den Kunden. Denn es können auch Anregungen direkt an den Migros-Kundendienst geschickt werden. Dort befassen sich zwei Mitarbeiter eigens schwergewichtig mit Migipedia und treten mit den Kunden in Kontakt.

Ein Community-Manager sichtet zudem alle Einträge auf Migipedia – ohne dabei Zensur zu üben. Man wolle möglichst keine Hürden für die Nutzer einbauen, versichert Migros-Sprecherin Martina Bosshard. Die Migipedia-Plattform ist denn auch sehr einfach zu handhaben. Einzig wenn Einträge geltendes Recht verletzten, sexistisch, rassistisch oder persönlichkeitsverletzend seien, werde eingeschritten, sagt Bosshard. Ansonsten setze man auf die Selbstregulierung der Nutzer. Bei der Migros ist man zufrieden, wie sich Migipedia bisher entwickelt hat.

Wohin die «Reise» geht und wann die Entwicklungsphase beendet ist, ist aber noch unklar. Das hängt laut Bosshard auch von den Wünschen und Vorstellungen der Nutzer ab, denn mit ihnen gemeinsam werde Migipedia stetig weiterentwickelt.

Anstoss für die Migros zu Migipedia ist der Umstand, dass der orange Riese und seine Produkte Gesprächsthema sind.

Früher vielleicht beim Einkauf, Abendessen oder in der Dorfbeiz; heute auch vermehrt in Internet-Foren, Blogs oder auf sozialen Netzwerken. So existiert etwa bei Facebook eine über 50 000köpfige Fangruppe für den Migros-Eistee. Mit Migipedia will die Migros nun für solche Diskussionen eine eigene Plattform bieten, wie Bosshard erklärt.

Dies sei für das Unternehmen spannend: Man erfahre mehr über die Bedürfnisse, Wünsche und die Kritik der Kunden – könne darauf eingehen und Produkte verbessern.

Noch nicht am Ziel

Stimmt die Qualität der Beiträge, könnte in Zukunft auch der Konsument von Migipedia profitieren: Er findet Tips, kann Kritik anbringen oder sich über bestimmte Produkte besser informieren. Momentan liest man auf Migipedia aber noch (zu) viele banale Kommentare. Eine echte Entscheidungshilfe ist die Plattform nicht – noch nicht.