Vom Piloten zum Lokführer: Swiss und SBB prüfen neue Job-Kooperation im Kampf gegen Entlassungen

Die SBB haben zu wenig Lokführer, die Swiss hat wohl bald zu viele Piloten. Nun erörtern die beiden Firmen, ob das Flugpersonal auch bei den Bundesbahnen eingesetzt werden könnte.

Benjamin Weinmann
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Je länger die Corona-Krise dauert, desto düsterer werden die Aussichten der Swiss-Cockpit-Crew.

Je länger die Corona-Krise dauert, desto düsterer werden die Aussichten der Swiss-Cockpit-Crew.

Christian Merz / KEYSTONE

Die Aviatik steckt in ihrer schlimmsten Krise seitdem die Gebrüder Wright erstmals ein Gefährt zum Abheben brachten. Weltweit entlassen Airlines im Zuge der Coronakrise Personal en masse. Eine baldige Erholung der Passagierzahlen ist nicht in Sicht. Selbst die Swiss rechnet inzwischen frühestens 2024 mit einer Rückkehr zur Normalität, wie man sie 2019 kannte.

Zwar betont die Lufthansa-Tochter nach wie vor, dass man Entlassungen vermeiden möchte. Ein Abbauprogramm liegt noch nicht vor. Doch Swiss-Chef Thomas Klühr hat angekündigt, dass die Kosten um bis zu 20 Prozent gesenkt werden müssen. Und Lufthansa-Manager Harry Hohmeister – Klührs Vorgänger bei der Swiss und ein Meister des Kostensparens – sagte kürzlich, dass er Entlassungen im grossen Stil auf Gruppenebene für «unvermeidlich» halte.

Die Misere in der Aviatik könnte nun zu neuen Kooperationen führen. Die SBB könnten dabei zum Retter in der Swiss-Not avancieren, und mögliche Lohneinbussen oder gar Entlassungen bei der Airline mildern. Ein Sprecher der Bundesbahnen bestätigt: «Es gibt Überlegungen für mögliche Kooperationen.» Es hätten erste, unverbindliche Kontakte stattgefunden. Die Swiss will sich auf Anfrage nicht dazu äussern.

Alternativen für Piloten gibt es «wenige oder keine»

Im Fokus steht insbesondere die Cockpit-Crew. Im neusten Mitgliedermagazin des Swiss-Pilotenverbandes Aeropers schreibt deren Präsident Kilian Kraus: «In den letzten Monaten ist dem einen oder anderen der Gedanke vom berühmten zweiten Standbein sicher wieder vermehrt in den Sinn gekommen.» Damit spricht Kraus einen wunden Punkt an. Denn wie er weiter ausführt, gebe es für Piloten «wenige oder keine» Alternativen in qualifizierten Berufen auf dem Arbeitsmarkt. Glücklich sei deshalb, wer einen zusätzlichen Abschluss in der Tasche habe. Nicht ohne Grund appellierten Pilotenvertretungen schon länger an die kommenden Generationen, neben der Fliegerei weitere Fähigkeiten zu erwerben und sich stets fortzubilden.

Aeropers-Sprecher Thomas Steffen bestätigt das Problem: «Piloten haben eine äusserst anspruchsvolle, aber gleichzeitig sehr fachspezifische Ausbildung.» Ein Studium ist nicht mehr zwingend, um sich für das Swiss-Cockpit zu bewerben – im Gegensatz zur Swissair, wo es Zeiten gab, als ein Hochschulabschluss oder eine Militärausbildung vorausgesetzt wurde. Eine andere, hochqualifizierte Stelle zu finden, sei für Piloten heute schwierig, sagt Steffen. «In Krisen sowieso.»

Bild: Keystone

Das Interesse, teilweise oder ganz von den Wolken auf die Schienen zu wechseln, scheint zu bestehen. Schon heute habe man einige ehemalige und aktive Flugzeugpiloten im Lokführer-Team, sagt der SBB-Sprecher. Und: «Wir erhalten aktuell viele Bewerbungen aus der Flugbranche, vor allem im Grossraum Zürich.» Die Ausbildung zum Lokführer dauert eineinhalb bis zwei Jahre. Für 2020 sind alle Klassen bereits besetzt.

Vereinfachtes Einstellungsverfahren für Piloten?

Das Interesse der SBB kommt nicht von ungefähr. «Wie bekannt, haben wir den Bedarf an Lokpersonal in den vergangenen Jahren unterschätzt und die Rekrutierung zu defensiv geplant», sagt der Sprecher. Die Corona-Krise verzögere zudem die Aus- und Weiterbildung. Deshalb fallen gar mehrere Zugverbindungen aus, je nach Region sogar bis Frühling 2021.

Der SBB-Sprecher lässt durchblicken, dass für Swiss-Piloten ein vereinfachtes Einstellungsverfahren möglich wäre, auch wenn die Vorgaben für die Tauglichkeit und die Zulassung durch das Bundesamt für Verkehr erlassen würden. Denn: «Wir können davon ausgehen, dass ein Pilot den Anforderungen an die Gesundheit oder an die Sicherheit in der Regel genügen wird.»

Im Gespräch zeigt sich ein Swiss-Kapitän offen für einen Tapetenwechsel: «Wenn mein Pensum bei der Swiss stark gekürzt wird, könnte ich mir eine Nebenbeschäftigung als Lokführer vorstellen.» Es brauche dann aber planbare Teilzeittage. Im Ausland ist die Idee auch schon aufgetaucht. So hat in Deutschland die bald nicht mehr existierende Lufthansa-Tochter Germanwings ihrem Personal geraten, bei der Deutschen Bahn anzuheuern.

Der Lohn-Aspekt bei einem Wechsel

Dennoch ist kaum mit einem Exodus im Swiss-Cockpit zu rechnen, auch wenn der eine oder die andere Pilotin sich für den Lokführerstand begeistern könnte. Denn die Piloten haben ein Interesse daran, in der Firma zu bleiben. Schliesslich ist die Lohnentwicklung eng an die Firmenzugehörigkeit und die Funktion geknüpft. Verdient ein Co-Pilot zu Beginn seiner Karriere etwa 70'000 Franken, so sind es nach rund 30 Jahren rund 200'000 Franken für einen Langstrecken-Kapitän. Umgekehrt ist es für die Swiss ein Risiko, zu viele Piloten zu verlieren, da bei einer wirtschaftlichen Erholung plötzlich der Nachwuchs fehlen würde, da die Pilotenausbildung viel Zeit beansprucht.

Laut der Swiss arbeitet heute etwa jedes dritte Cockpit-Crewmitglied Teilzeit. Manche arbeiten in der übrigen Zeit anderswo, teils als Immobilienbewirtschafter, als Finanzberater oder in der Gastronomie. «Das sind jedoch Ausnahmen», sagt Steffen. Die meisten Piloten, auch jene mit Teilzeitpensum, hätten keine Möglichkeit, einer anderen Tätigkeit nachzugehen.

Swiss: Es geht um Rettung von Arbeitsplätzen

Dies habe nicht zuletzt mit den Anstellungsbedingungen der Swiss zu tun. «Die Firma beansprucht bei der Planung der Teilzeittage praktisch jede Flexibilität für sich», sagt Steffen. Heisst: Die zugeteilten Einsatz- und Freitage erfahren die Piloten erst fünf Tage vor Beginn des neuen Monats. «Selbstbestimmte, fixe Teilzeit-Tage sind bisher nicht möglich, was es entsprechend schwierig macht, einer anderen Tätigkeit regelmässig nachzugehen», sagt Steffen.

Die Swiss anerkennt die unregelmässigen Arbeitszeiten. Diese seien ein fixer Bestandteil des Jobs, würden sich aber im nach wie vor sehr hohen Lohnniveau im Cockpit widerspiegeln. Die angebotenen Teilzeitmodelle seien aus Swiss-Sicht attraktiv. Grundsätzlich stehe es Swiss-Mitarbeitenden frei, eine Nebenbeschäftigung anzunehmen. Wichtig sei, dass die gesetzliche Höchstarbeitszeit nicht überschritten werde. Zudem prüfe man nun erweiterte Teilzeitmodelle. Dabei gehe es aber nicht um den Wunsch der Piloten nach mehr Planbarkeit. Sondern: «Im Fokus steht die Rettung von Arbeitsplätzen.»