Vom Grounding bis zu Vulkanausbrüchen: Diese Sprecherin des Flughafens Zürich hat alles miterlebt – nun sagt sie «Adieu!»

Sonja Zöchling, das Gesicht des Flughafens Zürich und die wohl dienstälteste Pressesprecherin des Landes, wird pensioniert. Ihre Karriere ist ein Rückblick auf 35 Jahre Schweizer Luftfahrtgeschichte.

Benjamin Weinmann
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Sonja Zöchling Stucki, Sprecherin des Flughafens Zürich.

Sonja Zöchling Stucki, Sprecherin des Flughafens Zürich.

Bild: z.V.g.

Es waren andere Zeiten. Als Sonja Zöchling vor 34 Jahren ihren ersten Arbeitstag am Flughafen Zürich antrat, hoben auf den Pisten in Kloten noch Swissair-Jumbojets ab. Die Schweizer Airline galt damals als fliegende Bank, und der noch nicht privatisierte Flughafen beschränkte sich auf das Kerngeschäft, den Flugbetrieb. Das Grounding, 9/11, Halifax, der Bau des neuen Midfield-Terminals, der Metro oder des «Circle» – all das würde erst noch kommen.

Dass Zöchling diese Erlebnisse an der Front als Sprecherin des Flughafens miterleben würde, wusste sie am ersten Arbeitstag im Januar 1986 noch nicht. Im Gegenteil: «Als ich am Abend nach Hause kam, sagte ich meinem Mann: Da bleibe ich nicht lange!» Grund war ihre Vorgängerin als Direktionsangestellte. «Das war ein Vorzimmerdrachen, wie er im Buche steht.» So habe diese ihr gesagt, sie könne doch nicht in Hosen anstatt einem Rock zur Arbeit kommen, so wie das Zöchling gewagt hatte. «Und dem Direktor müsse ich im Notfall auch Hemdknöpfe annähen.»

Doch der anfängliche Schreck war bald vorbei, ihre vorhergehende Arbeit als Reiseleiterin in Kreta und in einem Immobilienbüro in Winterthur – ihrer geliebten Heimatstadt, in der sie seit jeher lebt – vermisste sie nicht lange. «Die letzten knapp 35 Jahre vergingen, und das meine ich ganz ohne Wortspiel, wie im Fluge.»

Treffen mit Alberto Tomba und Terence Hill

Sei es bei Reportagen über die Landung des ersten A380-Flugzeugs, Flugausfällen wegen isländischen Vulkanausbrüchen oder Schneechaos: Für die Zuschauer zu Hause war Zöchling das Gesicht des Landesflughafens. Fast täglich werde sie von jemandem auf der Strasse erkannt. «Sie sind doch diä vom Flughafä!» Diesen Satz höre sie regelmässig. Zu Beginn wirkte Zöchling bei der Personalzeitschrift und im VIP-Service mit, wo sie unter anderem mit dem italienischen Ski-Star Alberto Tomba oder dem Schauspieler Terence Hill Bekanntschaft machte.

Nach gut zwei Jahren erhielt sie die Möglichkeit, in die Kommunikationsabteilung zu wechseln. «Damals gab es noch keine Handys und keine Laptops», erinnert sich die 63-Jährige. «Also riefen uns die Journalisten am Wochenende zu Hause auf dem Festnetz an.» Irgendwann habe sie dann ein erstes Handy erhalten. «Das war so gross, dafür brauchte es eine grosse Tasche.» Da heute jeder ein Smartphone habe, mit dem man ein Bild machen oder eine Twitter-Meldung schreiben kann, habe sich die Geschwindigkeit in der Kommunikation massiv beschleunigt. Häufig könne man als Sprecherin nur noch reagieren.

Sonja Zöchling Stucki, Sprecherin des Flughafens Zürich. Bild: zvg

Sonja Zöchling Stucki, Sprecherin des Flughafens Zürich. Bild: zvg

Zöchling nennt weitere Veränderungen aus den letzten drei Jahrzehnten:

«Es ist unglaublich, wie viel mehr Leute heute fliegen.»

Waren es 1986 gerade Mal 9 Millionen Passagiere, so sind es nun 31. Und bis 2040 rechnet der Flughafen mit 50 Millionen. Ungefragt und ohne Vorwurf verfällt sie in den Verteidigungsmodus, wie es sich Journalisten von Firmensprechern gewohnt sind. Der Flughafen plane dieses Wachstum selber nicht, aber er müsse sich schliesslich dafür rüsten. Zöchling weiss: Der stetige Infrastrukturausbau kennt viele Gegner. In Zeiten Gretas sowieso.

Während die Passagiere zahlreicher wurden, nahm die Zahl der Journalisten ab, insbesondere jene der Experten. «Sie tun mir leid, denn die Medien müssen zunehmend sparen, was dazu führt, dass es mehr Allrounder gibt, die über alles schreiben.» Mit der Folge, dass mehr Fehler entstehen, auch wegen des Zeitdrucks. «Viele sind leider gezwungen, den Artikel so rasch wie möglich online zu publizieren.» Die Recherche käme dann zu kurz, sagt Zöchling, die seit zwölf Jahren das Kommunikationsteam führt.

Musste sie in ihrer Karriere oft Themen verteidigen, hinter denen sie privat nicht stehen konnte? «Nein, wirklich nicht.» Sie sagt es mit sanfter Stimme, als wäre sie überrascht, dass man überhaupt auf diese Frage kommen könnte. Ob die hundertprozentige Identifizierung echt ist oder ob sie das Pflichtgefühl als Firmenvertreterin ­ bis zur Pensionierung aufrechterhalten will, bleibt ihr Geheimnis. Und was ist mit Sexismus in der von Männern dominierten Aviatikbranche? Den habe sie am Flughafen nie gespürt. Wer war ihr Lieblings-Flughafendirektor? Es seien alle auf ihre Art gut gewesen. Die Flop-Umbenennung des Flughafens in «Unique»? Gute Idee, nur falsch kommuniziert.

«Ich habe die Journalisten nie angelogen»

Mit derselben Unaufgeregtheit verstand es Zöchling gegenüber Journalisten zuweilen auch, gewisse Recherche-Anfragen herunterzuspielen: «Aber das ist doch keine Geschichte», hiess es dann am Telefon. Das gefiel nicht immer allen, ändert aber nichts am ­guten Ruf, den Zöchling in der Branche geniesst. Fünf Mal wurde sie zur Pressesprecherin des Jahres ausgezeichnet, so auch 2019. «Ich konnte vielleicht nicht immer alles sagen, was ich wusste, aber ich habe die Journalisten nie angelogen, das war mir stets wichtig.»

Zuverlässig, freundlich und rasch beim Antworten – so lauten die Meinungen zu ihr. Von ihrer langjährigen Fachkenntnis profitierten auch ihre Chefs. Ging es um Themen, die einige Jahre zurücklagen, war Zöchling stets zur Stelle.

Highlights gab es in den letzten 35 Jahren genügend, im Positiven wie im Negativen, wie das Swissair-Grounding 2001. Dieses sei sehr emotional gewesen, auch wenn der Flugbetrieb sich relativ rasch wieder normalisiert habe, sagt Zöchling. Schmerzhafter seien Tragödien gewesen wie der Swissair-Absturz in Halifax, oder die heimischen Unfälle in Nassenwil, Bassersdorf und am Stadlerberg. «So was vergisst man nicht.»

Vergessen hat Zöchling auch nicht die Drohbriefe von einem Fluglärmgegner, die sie bei der Einführung der Südanflüge erhielt. «Wir mussten sogar die Polizei einschalten.» Schliesslich war 2004 ein Skyguide-­Fluglotse erstochen worden.

«Da bekam ich es schon etwas mit der Angst zu tun.»

Am letzten Arbeitstag werden wohl Tränen fliessen

In besonders positiver Erinnerung bleiben Zöchling die vielen Begegnungen

«Früher, als der Flughafen noch kleiner war, waren wir fast wie eine Familie.»

Heute sei zwar alles etwas grösser, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl sei geblieben. Spass machten ihr auch die Reisen zu den Investitionen der Flughafen Zürich AG im Ausland, im indischen Bangalore oder im brasilianischen Belo Horizonte. Und das, obwohl Zöchling eigentlich nicht gerne lange fliegt. Aber da seien Freundschaften fürs Leben entstanden.

Ein weiteres Highlight war das 50-Jahr-Jubiliäum des Flughafens, bei dem sie bei der Organisation mithalf. «Am Tag zuvor goss es in Strömen, doch am Festtag strahlte die Sonne und es kamen über 300'000 Gäste, das war grossartig.» Die Besucherangebote gehören bis heute zu ihrem Aufgabengebiet. Zu ihren Lieblingsorten auf dem Flughafengelände zählt sie das Pistenkreuz, «weil man da den grossen Vögeln besonders nah ist», und die Zuschauerterrasse, «wo ich auch künftig häufig anzutreffen sein werde». Apropos künftig. Nach der Pensionierung wolle sie weiterhin einige Aufgaben für den Flughafen übernehmen. «Vielleicht helfe ich bei Sonderführungen aus oder schreibe am Buch mit, das zum 75-Jahr-Jubiläum geplant ist.» Und auf jeden Fall wolle sie noch Italienisch lernen.

An ihrem letzten Arbeitstag am 31. März – ein Tag nach ihrem 64. Geburtstag – würden wohl schon einige Tränen fliessen, sagt Zöchling. Traurig sei sie nicht, dass die Zeit am Flughafen bald vorbei ist. «Die Kontakte werden mir fehlen, klar, aber ich habe genug gearbeitet in meinem Leben.» Sie freue sich nun auf das, was als nächstes komme. Auch als Pensionierte wird sie aber einen Satz wohl noch eine Weile zu hören bekommen: «Sie sind doch diä vom Flughafä!»

ENTWEDER ODER?

Swiss oder Swissair? Beide. Die Swissair gab es länger und sie war schweizerisch, aber auch die Swiss macht ihren Job gut.

Airbus 380 oder Boeing 747? Boeing 747, der Jumbo gefällt mir besser. Der A380 ist zwar imposant, sieht aber aus wie eine Presswurst.

Aus- oder Inlandferien? Zu Strandferien sage ich nicht nein. Als passionierte GA-Abonnentin bleibe ich aber auch gerne in der Schweiz.

NZZ oder Tages-Anzeiger Tagi, den habe ich seit Jahren zu Hause abonniert.

Blick oder 20 Minuten? 20 Minuten, die lese ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit, auch wenn die Artikel für mich zu kurz sind.

Fluglärmgegner oder Journalisten? Journalisten, mit ihnen kann man besser diskutieren.

Start oder Landung? Start, da schwingt die Vorfreude auf die Ferien mit, und es rumpelt weniger als bei der Landung.

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