Vom Gemüsefeld zurück ins Restaurant: Gastro-Leute dürfen wieder an ihre Arbeit – Droht Bauern jetzt erneut ein Mangel an Erntehelfern?

Viele Köchinnen, Kellner und Wirte haben während des Lockdowns Bauern ausgeholfen. Wer füllt nun die Lücke? Die Bauern können zum Glück auf andere Helfer setzen. 

Gabriela Jordan
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Personal aus der Gastronomie putzt auf dem Hof Schwarz in Villigen AG Lauch. Rechts ist Laura Arcuri zu sehen, Betriebsleiterin des Restaurants Nooba in Laax.

Personal aus der Gastronomie putzt auf dem Hof Schwarz in Villigen AG Lauch. Rechts ist Laura Arcuri zu sehen, Betriebsleiterin des Restaurants Nooba in Laax.

Chris Iseli / AGR

Seit Montag haben viele Restaurants, Cafés und Bars wieder geöffnet. Die Köchinnen, Wirte und Kellner freut's, viele von ihnen konnten an ihre Arbeit zurückkehren. Doch was bedeutet die zweite Lockerungsetappe für die Bauern? Sie waren in den vergangenen Wochen stark auf das Gastro-Personal angewiesen. Wegen der geschlossenen Grenzen fehlten ihnen wichtige Saisonniers - pro Jahr benötigt die Schweizer Landwirtschaft bis zu 35'000 ausländische Arbeitskräfte. Die unbeschäftigten Arbeitskräfte aus der Gastronomie füllten diese Lücke in den letzten Wochen aus. Statt im Restaurant zu kochen und Weine zu entkorken, ernteten sie auf den Gemüsefeldern Lauch und Spargeln. 

Eine Umfrage bei einigen Bauernbetrieben und beim Schweizer Bauernverband zeigt nun: Ein erneuter Mangel an Erntehelfern droht zum Glück nicht. Trotz der teilweisen Schliessung der Grenzen konnten die Bauern genügend Saisonarbeitskräfte rekrutieren. Weil die Landwirtschaft ein systemrelevanter Sektor ist, konnte sie auch während des Lockdowns ausländische Mitarbeitende einstellen.

«Es hat ziemlich gut geklappt. Aus Osteuropa und aus Portugal sind die Leute grösstenteils gekommen», sagt Martin Rufer, der seit April Direktor des Schweizer Bauernverbandes ist. Das Anmeldeprozedere sei zwar aufwendiger gewesen, die Einreise für die Saisonniers aber möglich. «Unsere Befürchtung, dass sie aufgrund der Corona-Pandemie zu Hause bleiben würden, ist nicht eingetroffen. Jetzt haben wir genügend Leute.»

Polen mussten zu Fuss über die Grenze gehen

Bei zahlreichen Bauernbetrieben helfen ausserdem auch jetzt noch Arbeitskräfte aus der Gastronomie sowie aus anderen Branchen wie Catering und Veranstaltungen aus. So etwa beim Hof Max Schwarz in Villigen AG. Toni Suter, der dort die Gemüseproduktion leitet, sagt: «Wir konnten einen Koch, der momentan auf Stellensuche ist, fest anstellen. Dann haben wir noch 15 weitere Arbeitskräfte aus der Schweiz.» Auch beim Hof Schwarz sind zudem bereits die meisten Erntehelfer aus Polen angereist: «Einigen ist es erst später als geplant gelungen, jetzt haben wir unsere Leute aber hier.» 

Teilweise sind die Saisonniers auf abenteuerliche Weise in die Schweiz gekommen. Wie Toni Suter sagt, mussten die von ihm beschäftigten Polen zu Fuss über die Grenze gehen. Der Grund: Die polnischen Busfahrer, die sie bis zur Schweizer Grenze brachten, wollten oder durften nicht in die Schweiz einreisen, weil sie sich in Polen sonst in Quarantäne hätten begeben müssen. Rufer vom Schweizer Bauernverband bestätigt dies: «Vielfach wurden die Polen an der Grenze dann von ihrem Arbeitgeber abgeholt. Einige reisten selber mit dem Auto an. Sie haben sich gut organisiert.» Bei den Portugiesen war die Einreise auch möglich. Sie kamen aber per Flugzeug in die Schweiz. 

Inländische Arbeitskräfte bleiben wichtig

Da unter dem Strich nicht so viele Saisonniers wie sonst eingereist sind, bleiben die inländischen Arbeitskräfte für die Bauern wichtig. Dies bestätigt das in Zürich ansässige Unternehmen Coople, das sich auf diese Vermittlung spezialisiert hat. «Die Nachfrage nach Erntehelfern ist seit April stetig gestiegen und noch immer sehr hoch», sagt eine Sprecherin. «Mit der Lockerung vom vergangenen Montag ändert sich diese Situation von Neuem. Viele Freiwillige kehren zurück in ihre gewohnten Jobs. Wir sehen in den kommenden Tagen, ob die Nachfrage nach flexiblen Arbeitskräften anzieht.»

Toni Suter vom Hof Schwarz kann dem immerhin etwas Positives abgewinnen: «Zu viel Arbeit zu haben ist momentan beinahe ein Luxusproblem. Zahlreiche Leute haben wegen der Coronakrise zu wenig zu tun oder bereits ihren Job verloren.» Dennoch sei er für die Unterstützung der von Coople vermittelten Arbeitskräfte aus der Gastronomie «extrem froh und dankbar» gewesen. «Wir hätten sonst wirklich nicht gewusst, wie wir die Ernte hätten schaffen sollen.»

Und wie haben eigentlich die temporären Arbeitskräfte die Arbeit auf den Feldern erlebt? Laura Arcuri (32), die nach drei Wochen Gemüse ernten wieder das Restaurant Nooba in Laax leitet und alle Hände voll zu tun hat, konnte für ein kurzes Gespräch ans Telefon geholt werden: «Es war eine super Zeit, das muss ich echt sagen. Anstrengend auf jeden Fall, mit Muskelkater und allem Drum und Dran. Aber ich bin froh um diese Erfahrung - ich weiss von vielen, die das ebenfalls gerne gemacht hätten.»

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