Volkswagen kommt nicht zur Ruhe

Nach dem Abgas-Skandal hat der Autohersteller eingeräumt, auch beim CO2-Ausstoss gemogelt zu haben. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer glaubt, dass noch mehr Ungereimtheiten ans Licht kommen.

Christoph Reichmuth
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WOLFSBURG. Am späten Dienstagabend ging Volkswagen in die Offensive und räumte ein, dass VW auch bei Verbrauchsangaben gemogelt hat (vgl. Ausgabe von gestern). Im Rahmen interner Untersuchungen ist aufgefallen, dass Verbrauchswerte für die als besonders schadstoffarm bezeichneten «Blue Motion»-Modelle absichtlich zu niedrig angegeben worden sind. Betroffen sind laut VW rund 800 000 Fahrzeuge, die meisten mit Dieselmotoren, aber auch Benziner. Konkret bedeutet dies, dass die Modelle deutlich mehr klimaschädliches CO2 ausstossen als angegeben – und zugleich auch mehr Sprit verbrauchen. Betroffen sind laut Volkswagen Autos der Typen Polo, Golf und Passat sowie Audi A1 bis A3; zudem stimmen die Verbrauchsangaben offensichtlich auch beim Skoda Octavia und bei den Seat-Modellen Leon und Ibiza nicht.

VW schätzt die wirtschaftlichen Risiken alleine durch den neuen Skandal auf 2 Mrd. €. Die Autos müssen zwar nicht umgerüstet werden. In Deutschland wie auch in der Schweiz aber wird die Motorfahrzeugsteuer auch anhand des CO2-Ausstosses bemessen – umso niedriger die Emission, desto tiefer die Steuer. Gut möglich, dass nun die Steuerämter bei Volkswagen die zu geringen Steuereinnahmen rückwirkend einfordern werden.

VW-Aktie fällt immer tiefer

Am Vortag hatte die US-Umweltbehörde Volkswagen vorgeworfen, nicht nur in 1.2- bis 2-Liter Dieselmotoren, sondern auch in 3-Liter-Dieselmotoren eine Software eingebaut zu haben, um den Schadstoffausstoss im Testbetrieb zu reduzieren. Der Konzern hat die brisanten Vorwürfe, welche die Premium-Marken Porsche und Audi der Baujahre 2014 bis 2016 betreffen, zurückgewiesen.

Die Frankfurter Börse reagierte auf die neuerliche Hiobsbotschaft aus dem Hause Volkswagen gestern geschockt. Die VW-Aktie fiel zwischenzeitlich um über 11% unter die Marke von 100 €; im Frühling war die Aktie noch über 250 € wert. Der neue Konzernchef Matthias Müller kündigte eine akribische Aufklärung der Vorfälle an.

«Fürwahr beängstigend»

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vermutet, dass in den nächsten Wochen noch weitere Ungereimtheiten bei VW ans Tageslicht kommen. «Wir müssen davon ausgehen, dass das nicht das Ende ist. Da kommt noch mehr, es ist fürwahr beängstigend», sagt Dudenhöffer gegenüber unserer Zeitung und moniert bei VW eine Salamitaktik in der Kommunikation. Dass der Konzern ganz freiwillig die Verbrauchs-Schummeleien publik gemacht habe, glaubt Dudenhöffer nicht. «VW will vermitteln, aus eigenem Antrieb reinen Tisch zu machen. Sie können aber davon ausgehen, dass das hastige Agieren Folge davon ist, dass man VW auch in dieser Angelegenheit schon auf der Spur war.» Zudem sei das Dementi des Konzerns der EPA-Vorwürfe betreffend der grossen Dieselmotoren nicht glaubwürdig.

«Nach Gutsherrenart»

Unter Druck steht das neue Volkswagen-Führungsduo Müller und Hans Dieter Pötsch (Aufsichtsratschef). Pötsch war zuvor seit 2003 Finanzchef. Müller leitete Porsche. Dudenhöffer bemängelt die Zusammensetzung der Führung. Volkswagen hätte einen externen Chef gebraucht, so wie etwa John Cryan bei der Deutschen Bank. Dudenhöffer kritisiert zudem bei Volkswagen ein «Machtgebilde, das nicht kontrollierbar» sei; die Familien Porsche und Piëch versuchten «nach Gutsherrenart das Weltunternehmen VW» zu leiten.