Kaum etwas genesen, wird die Schweizer Textilbranche vom Corona-Virus gepiesackt

Die hiesige Textil- und Bekleidungsindustrie beginnt unter den Auswirkungen des Virus zu leiden.

Thomas Griesser Kym
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Das Corona-Virus versetzt der Schweizer Textilindustrie Nadelstiche.

Das Corona-Virus versetzt der Schweizer Textilindustrie Nadelstiche.

Bild: Beat Belser

«Temporäre Schäden wird auch die Schweiz hinnehmen müssen.» Das schreibt die VP Bank über die Folgen des Corona- Virus für unsere Wirtschaft. Ins gleiche Horn stösst Peter Flückiger, Direktor des Verbands Swiss Textiles: «Die Textil- und Bekleidungsbranche ist vom Virus negativ betroffen, und zwar an mehreren Fronten.»

Als ersten Punkt nennt Flückiger die Beschaffungsseite. China ist einerseits ein wichtiger Lieferant von Garnen und Geweben für die Schweizer Textilbranche. Derzeit aber arbeiten die Speditionen auf Sparflamme, und Sendungen vom chinesischen Festland werden an den Häfen vor der Verschiffung zunächst 14 Tage un­ter Quarantäne gestellt. «Das wird sich früher oder später auf unseren Bereich auswirken», sagt im jüngsten Konjunkturbericht von Swiss Textiles Christian Buchli, Chef der Glarner Textilhändlerin Ernst Brunner AG mit Zweigstelle in Rheineck.

Zum andern ist China der grösste Bekleidungslieferant der Schweiz. «Der Detailhandel hat momentan noch genug Ware», sagt Flückiger. «Aber was passiert mit der Sommer- oder der Herbstkollektion?», fragt er und spricht von Verunsicherung über die weitere Entwicklung.

Geschlossene Läden gleich verstopfte Absatzkanäle

Des Weiteren ist China ein wichtiger Standort von Konfektionsbetrieben. Schweizer Gewebehersteller schicken Zwischenprodukte zur Weiterverarbeitung nach China und holen sie danach wieder zurück. Auch solche Sendungen bleiben temporär liegen, weiss Flückiger.

China ist ausserdem einer der grössten Absatzmärkte für Schweizer Textilien und Bekleidung. Flückiger nennt in diesem Zusammenhang den chinesischen Detailhandel, der ein wichtiger Verkaufskanal ist für Modemarken mit Schweizer Vorleistungen. Weil viele Kleiderläden und Einkaufszentren in China geschlossen sind, beeinträchtigt das die Verkäufe.

Kommt hinzu, dass nicht nur China vom Corona-Virus stark betroffen ist, sondern auch Italien, das ebenfalls einer der wichtigsten Märkte für die hiesige Textil- und Bekleidungsbranche ist.

Textilexporte sind das fünfte Quartal in Serie gesunken

Schon vor Ausbruch des Corona-Virus hat der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie das schwächelnde Wachstum der Weltwirtschaft zu schaffen gemacht. Die Textilexporte sanken im vierten Quartal 2019 gegenüber der Vorjahresperiode um 6,8 Prozent (siehe Grafik) auf 297 Millionen Franken und im Gesamtjahr um 6,6 Prozent auf 1,25 Milliarden. In die EU als grösstem Absatzmarkt betrug das Exportminus 8 Prozent. Die Bekleidungsausfuhren büssten, bereinigt um Rückwaren, im Quartal 1,9 Prozent auf 247 Millionen ein und im ganzen Jahr 3 Prozent auf 933 Millionen.

Verbessert hat sich die Lage der Branche im vierten Quartal mit Blick auf Kapazitätsauslastung, Auftragsbestand und allgemeine Geschäftslage (siehe Grafik). In den neun Monaten des vergangenen Jahres war die Kapazitätsauslastung der Betriebe noch schubartig unter die Marke von 80 Prozent gefallen und damit auf den tiefsten Stand seit Anfang 2016. Im Schlussquartal folgte aber eine Wende.

Konjunkturelles Strohfeuer

Flückiger sagt, anders als etwa nach der Aufhebung des Euromindestkurses Anfang 2015 durch die Schweizerische Nationalbank sei die Erhöhung der Auslastung nicht mit einer Verringerung der Kapazitäten erkauft worden. «Das vierte Quartal 2019 ist einfach konjunkturell besser gelaufen.»

Nun aber könnte das Virus diesen Auftrieb wieder drosseln, zumal auch der Franken, seine Rolle als sicherer Hafen spielend, in den vergangenen Wochen wieder deutlich stärker geworden ist. Und das verteuert Schweizer Exporte.

Zwei Fünftel der Firmen haben zu wenig Aufträge

Der Auftragsbestand zeigt zwar wieder leicht nach oben, doch insgesamt bleibt das Bild getrübt. So beurteilten im Dezember 54 Prozent der befragten Textil- und Bekleidungsfirmen ihren Auftragsbestand als normal und 5 Prozent als gross, aber 41 Prozent als zu klein.

Zuversicht schöpft die Branche aus dem Teilabkommen der USA mit China von Mitte Dezember, sich vorerst gegenseitig mit keinen neuen Strafzöllen zu belasten. Auch ist ein harter Brexit abgewendet worden. Viel hängt aber davon ab, wie es mit dem Corona-Virus weitergeht und den Folgen für die Weltwirtschaft. Zwar spricht Swiss Textiles davon, dass die Zuversicht der Firmen betreffend Bestellungen so hoch sei wie zuletzt Mitte 2018. Aber diese Angaben stammen vom Dezember.