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Interview

Rezession oder anhaltender Aufschwung: Vieles hängt von Trump ab

Ob der bald zehnjährige globale Aufschwung anhält oder in eine Rezession mündet, wird massgeblich vom US-Präsidenten bestimmt. Der UBS-Chefökonom Schweiz, Daniel Kalt, zeigt sich zuversichtlich, warnt aber zugleich vor enormen Risiken.
Thomas Griesser Kym
Deutsche Autos warten am Hafen von Bremerhaven auf ihren Export nach Übersee. Die USA drohen der EU mit Strafzöllen auf Autos. (Bild: Ulrich Baumgarten/Getty)

Deutsche Autos warten am Hafen von Bremerhaven auf ihren Export nach Übersee. Die USA drohen der EU mit Strafzöllen auf Autos. (Bild: Ulrich Baumgarten/Getty)

«Die nächsten sechs, sieben Wochen werden entscheidend sein», sagt Daniel Kalt. In dieser Zeit dürften die Weichen gestellt werden für die weitere Fahrt der globalen Konjunkturlokomotive.

Die US-Notenbank Fed hat vergangene Woche ihren Zinserhöhungszyklus abrupt gestoppt. Ihr Urteil?

Daniel Kalt: Die Fed hat im Dezember gesehen, was sie mit ihrem Hinweis angerichtet hat, die Zinsen quasi automatisch graduell weiter zu erhöhen: Die Aktienmärkte sind eingebrochen. Zudem hat inzwischen auch die konjunkturelle Dynamik abgenommen. Beides hat die Fed zur Erklärung bewogen, zumindest vorerst keinen Bedarf an Zinserhöhungen mehr zu haben.

Kritiker der Kehrtwende der Fed verweisen auf das anziehende Lohnwachstum in den USA, das Inflationsdruck erzeugen könnte, was Zinserhöhungen erfordere.

Tatsächlich beginnen die Löhne in dieser späten Phase des Aufschwungs leicht anzuziehen. Die Wirkung ist aber ungewiss: Überwälzen die Firmen höhere Löhne auf die Preise und heizen somit die Inflation an? Oder gehen höhere Löhne zu Lasten der Marge? Es ist noch nicht sicher, wie die Firmen reagieren werden, zumal die erhöhte Preistransparenz dank des Internets ihre Preissetzungsmacht und damit ihre Möglichkeit zu Preiserhöhungen beschneiden könnte.

Neben der nachlassenden Konjunkturdynamik gibt es eine Reihe geopolitischer Risiken. Welche Entwicklungen sind entscheidend?

Die nächsten sechs, sieben Wochen werden entscheidend sein für die Beantwortung der Frage, ob die Weltwirtschaft in eine Rezession schlittert oder ob das bald zehnjährige Wachstum nach einem Durchhänger nochmals verlängert wird. Drei zentrale Themen bestimmen, ob die Ungewissheit anhält oder ob sie sich auflöst: Der Handelsstreit zwischen den USA und China, die drohenden Strafzölle der USA gegen die EU-Autoindustrie und der Brexit.

Sie zeigen sich in Ihrem Basisszenario relativ zuversichtlich. Warum?

US-Präsident Donald Trump ist in einer schwierigen Lage. Im Herbst 2020 tritt er zur Wiederwahl an, und falls er die Streitigkeiten mit China und Europa zu aggressiv eskalieren lässt, droht dies die Weltwirtschaft und damit die US-Wirtschaft in eine Rezession reinzudrücken. Dann müsste sich Trump begleitet von steigender Arbeitslosigkeit den Wählern stellen, was seine Chancen beeinträchtigen würde.

Folglich erwarten Sie, dass Trump auf Einigungen aus ist.

Ja. Mit China wird er einen Deal anstreben, bei dem er ein paar Zugeständnisse herausholt, etwa betreffend Öffnung der Märkte, US-Sojaexport oder Technologietransfer. Wie man hört, sind auch schon bedeutende Fortschritte erzielt worden. Es geht vor allem noch um die Kontrolle der Vereinbarungen oder um Sanktionen bei Verstössen. Betreffend US-Strafzölle auf Autos aus der EU muss Trump bis 18. Mai einen Entscheid fällen. Ich erwarte, dass er davon absieht, weil die Europäer sonst Vergeltungsmassnahmen in gleichem Umfang ergreifen werden.

Und das wäre Gift für das Wirtschaftsklima.

Die Verunsicherung würde anhalten, was bedeutet: Die Investitionsneigung der Unternehmen nimmt ab, Ausgaben werden auf die lange Bank geschoben. Und das würde das Wirtschaftswachstum zusätzlich belasten.

Eine weitere offene Frage ist der Brexit und dessen Ausgestaltung.

Die Gefahr eines harten Brexit, also eines Ausstiegs Grossbritanniens aus der EU ohne Abkommen, ist real. Aber viel deutet darauf hin, dass die Politik versucht, dieses Szenario zu vermeiden. Ich halte eine weitere Verlängerung des Austrittsentscheids für wahrscheinlich. Aber auch ein zweites Referendum oder Neuwahlen in Grossbritannien sind denkbar.

Welche Folgen könnte ein harter Brexit haben?

Eine Studie der Bank of England zeichnet für diesen Fall das Szenario eines Rückgangs der britischen Wirtschaftsleistung um 5 bis 8 Prozent. Denkbar sind auch Folgen wie eine Knappheit von Medikamenten oder anderer Güter auf der Insel. Klar ist, dass die Zollabfertigung und der gesamte Güterhandel grosse Probleme bekämen. Bei einem geordneten Brexit liessen sich solche Hindernisse einigermassen umschiffen.

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Daniel Kalt, UBS-Chefökonom Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Die Aussichten für Europa sind etwas diffus. Womit rechnen Sie?

Der Konsum ist relativ solide, der Arbeitsmarkt hat sich erholt. Aber auch hier gilt: Die Ungewissheit verunsichert die Firmen und lässt sie Investitionsprojekte zurückhalten. Es sind ja nicht nur die genannten Probleme, sondern auch Probleme etwa in Schwellenländern wie der Türkei, deren Wirtschaft eingebrochen ist, oder die chaotische politische Entwicklung in Italien. Werden all diese Probleme gelöst, können Investitionen, Bestellungseingänge und der Handel rasch wieder anziehen – und damit das Wirtschaftswachstum.

Die Europäische Zentralbank hat signalisiert, dass sie ihre Zinsen nicht vor Anfang 2020 anheben werde. Das dürfte auch die Schweizerische Nationalbank vor baldigen Zinsschritten abhalten. Werden wir also nach vier Jahren noch länger mit Negativzinsen leben müssen?

Alles deutet darauf hin. Zu Zinserhöhungen wird es nur kommen, wenn der Aufschwung verlängert wird. Und auch dann dauert es bis Ende 2020, bis die Zinsen bei uns nur schon an der Nulllinie angelangt sind. Damit die Zinsen wieder richtig positiv sind, also ein rechtes Stück weit oberhalb der Nulllinie, müsste der bald zehnjährige Aufschwung nochmals drei bis vier Jahre anhalten. Ob das gelingt, ist unvorhersehbar.

Jüngst hat die Schweizerische Nationalbank vor Risiken auf dem Markt für Renditeliegenschaften gewarnt, also Mehrfamilienhäuser mit Mietwohnungen. Wie sehen Sie das?

Als Folge der Negativzinsen wird auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten sehr viel Geld in solche Immobilien investiert. Die Negativzinsen halten an, und die Leerstände steigen. Das übt Druck aus auf die Rendite, und das Bauvolumen nimmt langsam ab. Insofern hat der Markt begonnen, sich selber zu regulieren. Dennoch dürfte die Zahl der Leerstände noch etwas steigen, von 70'000 auf 80'000 Wohnungen.

Die Bankiervereinigung will die Lage nun prüfen und gegebenenfalls die Selbstregulierung der Branche betreffend Hypothekenvergabe verschärfen, etwa mit Verkürzung der Amortisationsdauer oder Senkung der Belehnungsquote.

Dass die Lage nun analysiert wird, ist ein richtiger Entscheid. Ebenso, dass gehandelt wird, falls die Risiken in ein Ungleichgewicht mit Blasenbildung zu münden drohen. Weniger besorgt bin ich bei selbst bewohntem Wohneigentum. Dort haben die Selbstregulierung und die von der Nationalbank angeordnete bisherige Verschärfung der Kriterien für die Hypothekenvergabe die Preisdynamik bereits gedämpft.

Klar bleibt aber: Negativzinsen sind nicht gesund.

Das sind sie nicht, und vor allem nicht über eine so lange Dauer. Negativzinsen sind schlecht für Sparer, für Pensionskassen und für die AHV.

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