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Die Mitarbeitenden sind für Victorinox-Chef Carl Elsener zentral: «Wir gehen auch durch schwierige Zeiten gemeinsam»

Victorinox-Chef Carl Elsener arbeitet seit über 40 Jahren für das Familienunternehmen. Im Interview erzählt er, welche Ausbaupläne er hegt, wie seine Nachfolgeplanung läuft, und was er für Gefühle hatte, als Victorinox erstmals Angestellte entlassen musste.
Roman Schenkel
Carl Elsener in der Stanzerei, wo die Klingen für die roten Taschenmesser aus riesigen Stahlrollen ausgestanzt werden. (Bild: Pius Amrein, Ibach, 27. August 2019)

Carl Elsener in der Stanzerei, wo die Klingen für die roten Taschenmesser aus riesigen Stahlrollen ausgestanzt werden. (Bild: Pius Amrein, Ibach, 27. August 2019)

Wie zwei scharfe Zacken schiessen der Grosse und der Kleine Mythen über dem Sitz von Victorinox in Ibach in die Höhe. Zwei- bis dreimal steige er auf den grossen der beiden Gipfel hinauf, sagt der Chef der Schwyzer Messerschmiede, der dem Blick des Besuchers folgt. Im Hosensack stets dabei das rote Taschenmesser mit dem Schweizer Kreuz. Über 60 000 Taschenmesser produziert sein Unternehmen pro Tag. In Ibach steht damit die grösste Messerschmiede der Welt.

Das Taschenmesser muss es heutzutage schwer haben. Kinder wünschen sich doch lieber ein Smartphone statt ein rotes Victorinox-Messer.

Carl Elsener: Das habe ich bei meinen Kindern auch erlebt, und in einem gewissen Sinne sind Smartphones eine Konkurrenz für unser Taschenmesser. Aber bei jedem Trend gibt es einen Gegentrend. In zahlreichen Ländern und gerade in der Schweiz wollen viele Eltern, dass ihre Kinder nicht nur vor dem Bildschirm sitzen und die Zeit in den sozialen Medien vertrödeln, sondern dass sie draussen in der Natur Zeit verbringen und etwas mit den Händen machen. Smartphones haben für Kinder und Jugendliche eine hohe Anziehungskraft, aber zeigen Sie mir einen Buben, dessen Augen nicht leuchten, wenn er das erste Taschenmesser in der Hand hält.

Sie verzeichnen also keine rückläufigen Verkaufszahlen bei Ihrem Kernprodukt?

Nein, das Taschenmesser ist nach wie vor sehr beliebt. In der Schweiz haben wir übrigens grossen Erfolg mit Schnitzkursen, die wir Jugendorganisationen und Schulen anbieten. Wir sind überrannt worden mit der Nachfrage. Die Kurse sind fürs ganze Jahr ausgebucht. Auch im Ausland, beispielsweise in Japan, sind diese Kurse der Renner.

Geschenk für den US-Präsidenten: Carl Elsener übergibt dem inzwischen verstorbenen George H. W. Bush ein Victorinox-Taschenmesser. (Bild: Karl Mathis/Keystone (Lugano, 5. April 2001))

Geschenk für den US-Präsidenten: Carl Elsener übergibt dem inzwischen verstorbenen George H. W. Bush ein Victorinox-Taschenmesser. (Bild: Karl Mathis/Keystone (Lugano, 5. April 2001))

Trotzdem suchen Sie nach neuen Kanälen, um Victorinox-Produkte zu verkaufen. Künftig wollen Sie mehr Verkaufspunkte an Flughäfen und auf Kreuzfahrtschiffen eröffnen. Weshalb?

Victorinox ist insbesondere dort erfolgreich, wo grosse Touristenströme unterwegs sind. Gerade mit unserem Reisegepäck, aber auch mit unseren Uhren erzielen wir an Flughafenstandorten gute Umsätze. Auf Kreuzfahrt- und Fährschiffen waren wir bis anhin wenig präsent. Wir haben ein kleines Team aufgebaut, das diese Expansion vorantreibt.

Mit welchen Zielen?

Heute sind wir in rund 50 Flughäfen präsent. Da gibt es also noch viel Luft nach oben. Wir haben kein Ziel bezüglich der Anzahl Standorte. Aber: Wir wollen in den nächsten drei Jahren den Umsatz in diesem Bereich verdoppeln. Im Fokus haben wir zunächst vor allem den asiatischen Markt, unter anderem Flughäfen in China und Südkorea. Dort sind wir derzeit noch wenig präsent.

Ausgestanzte Klingen in den Produktionshallen von Victorinox. (Bild: Nadia Schärli, Ibach, 12. Mai 2016)

Ausgestanzte Klingen in den Produktionshallen von Victorinox. (Bild: Nadia Schärli, Ibach, 12. Mai 2016)

Sie versuchen damit wieder ans gut laufende Flughafengeschäft anzuknüpfen, das nach den Terroranschlägen 2001 in New York praktisch zum Erliegen kam.

Mit den Messern haben wir an Flughäfen seit 9/11 nach wie vor ein grosses Handicap. In Europa haben sich die Restriktionen zwar etwas entschärft – heute darf man ein Messer mit einer Klinge bis zu sechs Zentimeter wieder an Bord nehmen. Aber das gilt nur für Europa. Bei Reisen in die USA oder nach Asien müssen unsere Taschenmesser ins Aufgabegepäck, sonst werden sie konfisziert. Das Duty-free-Geschäft fällt zumindest in diesen Märkten bei den Messern somit weg.

Fliegerei und Kreuzfahrtschiffe boomen zwar, sind aber wegen des hohen CO2-Ausstosses in der Kritik. Überspitzt formuliert: Greta Thunberg hätte an ihren jüngsten Plänen mit den Flughäfen und Kreuzfahrtschiffen keine Freude.

(lacht) Neue Kulturen kennen zu lernen ist ja auch etwas Positives. Vielleicht wird die Art und Weise, wie wir reisen, durch die aktuelle Diskussion verändert. Reisen wird aber wichtig bleiben, und deshalb bleibt es auch zentral für Victorinox. Das heisst aber nicht, dass uns die Umwelt egal wäre. Ich bin überzeugt, Frau Thunberg wäre begeistert davon, wenn sie sehen würde, was wir im Umweltbereich machen. Nur zwei Beispiele: Victorinox nutzt schon seit 1980 die Abwärme aus der Produktion, und heizt damit alle Produktions- und Bürogebäude und auch 120 Wohnungen. Damals hat noch niemand von CO2 und Nachhaltigkeit gesprochen. Und inzwischen haben wir auf allen unsern Produktionsgebäuden Fotovoltaik-Anlagen installiert und kompensieren damit 125 Tonnen CO2 pro Jahr. Ich denke, das ist ganz im Sinne dieser jungen, engagierten Frau.

Themenwechsel: Der von US-Präsident Donald Trump losgetretene Handelskonflikt mit China belastet die weltweite Konjunktur. Was heisst das für Victorinox?

Wir sehen und spüren die Verlangsamung bereits. Unsere Partner sind verunsichert, sie sind mit Bestellungen zurückhaltend. Hinzu kommt der erstarkte Schweizer Franken. Das ist für alle exportorientierten Unternehmen ein Nachteil. Er drückt auf unsere Margen und auf unsere Konkurrenzfähigkeit.

Das Wort Rezession geht um. Wie geht Victorinox mit schwächeren Wirtschaftszyklen um?

Für unsere Familie hat das Schaffen und Erhalten der Arbeitsplätze eine hohe Priorität. Deshalb verfolgen wir eine antizyklische Strategie. Wir versuchen in guten Zeiten, Reserven zu bilden und diese dann in schlechten Zeiten in neue Produkte, Marketing oder das Erschliessen von neuen Märkten zu investieren. So können wir diese Wirtschaftszyklen etwas glätten. Ganz verhindern lässt sich das Auf und Ab nicht. Aber so konnten wir in der Vergangenheit den Personalbestand stabil halten. Das tun wir auch jetzt.

Ein Angestellter poliert und prüft die Funktionen eines Victorinox-Taschenmessers. (Gaetan Bally/Keystone, 10. Juli 2018)

Ein Angestellter poliert und prüft die Funktionen eines Victorinox-Taschenmessers. (Gaetan Bally/Keystone, 10. Juli 2018)

Erste Industriefirmen haben bereits Kurzarbeit eingeführt. Ein Thema bei Victorinox?

Nein, wir stehen zum Glück auf vielen verschiedenen Beinen. Im ersten Halbjahr waren die Taschenmesser leicht im Minus, dafür haben wir rund 5 Prozent mehr Umsatz mit den Haushaltsmessern gemacht. So konnten wir Leute von der Taschenmesserproduktion in die Produktion von Haushalts- und Berufsmessern verschieben.

2017 haben Sie die Bekleidungssparte geschlossen. Sie mussten zum ersten Mal in der Firmengeschichte Angestellte entlassen.

Für mich war das ein sehr schwieriger Entscheid. Betroffen war ein Team von 19 Angestellten in den USA, welches die Bekleidungssparte entwickelt hat. Sie waren mit Herzblut bei der Sache, doch trotz viel Zeit und Unterstützung konnten wir in diesem stark kompetitiven Umfeld nicht nachhaltig Fuss fassen. Wir kamen zum Schluss, dass es besser ist, die Kraft und Energie, die wir in die Kleider setzten, in die anderen Produktkategorien zu investieren. Das hat sich ausbezahlt: Den Platz, den die Kleider in unseren Läden eingenommen haben, konnten wir auf die anderen Produktkategorien aufteilen. Die Umsätze sind danach deutlich angestiegen und haben den Umsatzausfall bei den Kleidern überkompensiert.

Wie gingen Sie persönlich mit den erstmaligen Entlassungen um?

Das Team war mir sehr nahe. Für mich war es wichtig, dass es den Entscheid von mir persönlich erfährt. Als Führungsperson steht man manchmal vor schwierigen Entscheidungen und muss diese im Interesse des Unternehmens fällen. Unsere Personalabteilung hat das Team bei der Suche nach einer neuen Stelle intensiv begleitet. Für mich war es eine Erleichterung, dass alle in kurzer Zeit eine neue Anstellung finden konnten.

Welche Werte hat Ihnen Ihr Vater mit auf den Weg gegeben?

Die Mitarbeitenden stehen bei Victorinox im Zentrum. Dies war schon beim Firmengründer zentral und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Mein Vater hat mir Offenheit, gegenseitiges Vertrauen und Respekt, Bescheidenheit und Dankbarkeit vorgelebt. Für mich ist es wichtig, dass die Leute spüren, dass wir ihre Leistungen schätzen. Das betone ich stets, wenn ich vor Mitarbeitenden stehe. Ein wichtiges Credo ist aber auch Mut. Wir wollen unternehmerisch sein und gewisse Risiken eingehen. Es muss aber wohlkalkuliert sein: Die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens darf nicht gefährdet sein.

Sie sind religiös. Inwiefern beeinflusst das, wie Sie das Unternehmen führen?

Für mich ist der christliche Glaube eine starke Basis für die Werte, die wir bei Victorinox leben. Sowohl der Glaube als auch die Werte wurden in unserer Familie seit jeher vorgelebt und weitergegeben.

Wie unterscheidet sich Victorinox dadurch von anderen Firmen?

Wir behandeln unsere Mitarbeitenden wie eine grosse Familie und wollen mit unseren Geschäftspartnern fair umgehen. Unsere Mitarbeitenden wissen, dass wir ihnen den Arbeitsplatz nicht garantieren können, aber sie wissen und haben es schon erlebt, dass wir Menschenmögliches tun, damit wir nicht nur durch die guten Zeiten gemeinsam gehen, sondern auch durch die schwierigen Zeiten.

Trotz hartem Franken: Sie investieren hierzulande in die Produktion. Für 50 Millionen Franken wird 2020 in Seewen ein Verteilzentrum in Betrieb genommen.

Das Distributionszentrum in Seewen ist für uns ein wichtiger Schritt. Es ermöglicht uns, mehr als zehn verschiedene Lagerstandorte zusammenzuschliessen. Victorinox hat historisch gewachsen zahlreiche Lagerstandorte betrieben. Das war aufwendig und teuer. In Seewen führen wir alle Lager zusammen. Wir haben Standorte in Europa und in der Schweiz geprüft. Überraschend war der Standort Schweiz konkurrenzfähig. Die Nähe der Taschenmesserproduktion ist ein grosser Vorteil. Mit dem neuen Distributionszentrum werden wir viel effizienter, haben direkten Bahnanschluss und können pro Jahr gegen drei Millionen Franken einsparen.

Auf dem Dach des neuen Distributionszentrum wurden 2600 Solarpanels installiert. (Bild: PD)

Auf dem Dach des neuen Distributionszentrum wurden 2600 Solarpanels installiert. (Bild: PD)

Sie investieren, andere Firmen lagern die Produktion aus.

Für uns ist das keine Option. Unser Kernprodukt, das Taschenmesser, ist eine Schweizer Ikone – ein Symbol für Schweizer Qualität und Zuverlässigkeit. Wir werden auch in Zukunft alles daran setzen, dass die Produktion in der Schweiz bleibt. Bei uns ging es in den letzten Jahren sogar eher in die andere Richtung. Wir haben beispielsweise viel in unsere Uhrenproduktion in Delémont investiert und eine eigene Gehäuseproduktion für die Uhrensparte aufgebaut.

Victorinox hat vor drei Jahren einen Prestigeauftrag für Soldatenmesser der US-Armee gewonnen. Wie hat sich das entwickelt?

Es war kein direkter Auftrag. Unsere Messer wurden in die offizielle Bestellliste der US-Armee aufgenommen. Amerikanische Soldaten können seither unsere Messer unter dem Namen «Knife combat utility» für ihre Ausrüstung bestellen.

Hat sich das in den Verkaufszahlen gezeigt?

Bisher hat daraus kein Grossauftrag resultiert, aber die US-Armee bestellt regelmässig und es hat uns Türen geöffnet.

Beliefern Sie andere Armeen?

21500 dieses Messertyps liefert Victorinox an die holländische Armee. (Bild: Victorinox)

21500 dieses Messertyps liefert Victorinox an die holländische Armee. (Bild: Victorinox)

Ja, gerade vorletzte Woche haben wir eine grosse Bestellung von der holländischen Armee erhalten. Sie hat bei uns 21 500 Swiss Tools bestellt, ein klappbares Zangenwerkzeug mit zusätzlichen Funktionen in den Griffen.

Ein Preisvergleich bei einer Auswahl von Schweizer Markenprodukten hat aufgezeigt, dass Victorinox seine Produkte im Ausland im Unterschied zu vielen anderen Marken teurer anbietet als in der Schweiz. Was sind die Gründe?

Wir sind ein Schweizer Traditionsunternehmen, haben unsere Wurzeln hier. Der grösste Teil unserer Produkte mit Ausnahme des Reisegepäcks wird in der Schweiz produziert. Unsere Produkte müssen in der Schweiz preislich attraktiv sein! Es ist unser Ziel, dass wir als Schweizer Firma in der Schweiz am günstigsten sind. Das gelingt nicht immer. Die Währung funkt manchmal dazwischen.

Ihre Marge ist in der Schweiz tiefer als im Ausland?

Nein, das ist ein Trugschluss. Obwohl wir in der Schweiz mit den Preisen am tiefsten sind, haben wir eine gesunde Marge. Der Hauptgrund ist der direkte Vertrieb. Im Ausland haben wir nicht in allen Märkten eine eigene Tochterfirma, die direkt liefert. In Frankreich zum Beispiel haben wir Importeure, die auch etwas verdienen wollen. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer, die in der Schweiz oft tiefer ist.

Sie sind 61 Jahre alt, arbeiten seit 40 Jahren bei Victorinox. Wie sieht die Nachfolgeregelung aus?

Eine für Victorinox passende Nachfolgeregelung liegt mir und unserer Familie sehr am Herzen. Um einen guten Übergang zu ermöglichen, bin ich gerne bereit, wenn es meine Gesundheit zulässt, über das Alter von 65 im Unternehmen mitzuwirken. Der Verwaltungsrat ist mit der Nachfolge beschäftigt. In einem solchen Prozess kann die Emotionalität nie ganz ausgeschlossen werden. Für unsere Familie ist es wichtig, dass ein Nachfolgeentscheid möglichst sachlich, professionell und im Interesse von einer gesunden Entwicklung von Victorinox erfolgt. Es ist der Wunsch unserer Familie, dass auch in Zukunft Familienmitglieder Führungsverantwortung übernehmen. Aktuell sind in der elfköpfigen Geschäftsleitung fünf Familienmitglieder vertreten.

Sie haben drei Kinder, wünschen Sie sich, dass auch sie dereinst ins Unternehmen einsteigen?

Von meinen zehn Geschwistern arbeiten heute sieben im Unternehmen mit. Von der nächsten Generation sind ebenfalls bereits sieben Mitglieder in die Victorinox eingetreten. Wenn sich auch das eine oder andere meiner Kinder dazu entschliesst, freut mich das sehr.

Es gibt also viel CEO-Potenzial.

Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Familie operativ am Ruder bleibt. Wichtig ist, dass mögliche Kandidatinnen oder Kandidaten Herzblut und die notwendige Erfahrung mitbringen – und sie müssen es auch wollen.

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