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Landis+Gyr-Chef: «Der Wettbewerb in der Elektronik ist sehr, sehr intensiv»

Ganz Europa will intelligente Stromzähler. Was für die Hersteller nach einem Lottogewinn aussieht, ist in Wahrheit ein riskantes Geschäft.
Daniel Zulauf
Sieht sich einem «sehr, sehr intensivem Wettbewerb» konfrontiert. Landis + Gyr-CEO Richard Mora. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zug, 2. Oktober 2017)

Sieht sich einem «sehr, sehr intensivem Wettbewerb» konfrontiert. Landis + Gyr-CEO Richard Mora. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zug, 2. Oktober 2017)

Nach bald zwei Jahren an der Börse streben die Aktien von Landis + Gyr endlich wieder zurück ans Licht. Für 78 Franken wurden die Titel im Juli 2017 ausgegeben. Erst vor vier Wochen schafften die Papiere die Rückkehr über die 70-Franken-Marke. Der Kursverlauf passt eigentlich schlecht zu der kräftigen Nachfrage nach intelligenten Stromzählern, die Landis + Gyr in den vergangen drei Jahren eine Zunahme der Bestellungen um satte 57 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar bescherte. Eine vor zehn Jahren erlassene EU-Richtlinie will, dass 80 Prozent der europäischen Haushalte bis 2020 mit intelligenten Stromzählern ausgestattet sind. Die Versorger erhoffen sich beträchtliche Einsparungen bei der Erfassung des Energieverbrauchs in den Haushalten. Und diese sollten sparsamer werden, wenn sie den Geldwert ihres täglichen Strom- und Gaskonsums in Echtzeit ablesen können. Doch was für die Hersteller wie ein Riesengeschäft aussieht, ist in Wahrheit ein ständiger Wettlauf gegen die Kosten. «Der internationale Wettbewerb in der Elektronik ist sehr, sehr intensiv», sagt Landis + Gyr-Chef Richard Mora.

«Wir haben in jedem Markt zwei bis drei starke Konkurrenten».

Im zurückliegenden Geschäftsjahr ist das über 120 Jahre alte Unternehmen mit Sitz in Zug einen grossen Schritt vorangekommen. Aus dem um 1,6 Prozent gesteigerten Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar resultierte eine markante Verbesserung der Profitabilität. Ein massiver Rückgang beim Aufwand für Garantieleistungen in Verbindung mit deutlich geringeren Gemeinkosten führten zu einer Verdreifachung des operativen Gewinns und zu einer Zunahme des Reinergebnisses von 46 Millionen auf über 122 Millionen Dollar. Im Juli winkt den Aktionären eine kräftige Dividendenerhöhung.

Auslagerung wird Teil der Strategie

Um voranzukommen, muss das Unternehmen aber weiter an den Kosten feilen. Die Firma löst durchschnittlich weniger als 20 Dollar pro Zähler und «jedes Jahr sinkt der Preis im Mittel um ein bis zwei Prozent», sagt Mora weiter. Die Auslagerung der Produktion wird so zum festen Bestandteil der Strategie. Die Ausführung eines 2013 gewonnenen Grossauftrages von «British Gas» über die Lieferung von 10 Millionen intelligenten Stromzählern wurde 2018 vollständig an den kanadischen Elektronikkomponentenhersteller Celestica übertragen. Die Geräte sollen in Rumänien oder in Mexiko gefertigt werden. Dafür gehen in England bis zu 300 Jobs verloren.

Das Projekt ist ein erster Schritt in Richtung der «Asset-free-Strategie», wie Mora den Umbau des Unternehmens vom Hersteller zum reinen Produktentwickler beschreibt. Der Vertrag mit British Gas sei für das vollständige Outsourcing besonders geeignet, sagt er. «Es geht um hohe Stückzahlen mit wenigen Varianten». Die 1994 aus einer Abspaltung von IBM hervorgegangene Celestica ist mit ihren 28 000 Mitarbeitern in Tieflohnländern rund um die Welt auf Volumenproduktion spezialisiert. Sie zählt fast alle Originalhersteller der weltweiten Elektronikindustrie zu ihren Kunden, dazu gehören auch Firmen aus der Medizinaltechnik oder aus der Automobilbranche.

Knallharter Kampf und Mini-Margen Wettbewerb

In der Elektronik-Industrie herrscht ein harter Kampf um minimale Profitmargen. Dabei können Originalhersteller im Endverkauf deutlich höhere Margen durchsetzen als ihre Zulieferfirmen – dank ihrer Bekanntheit und ihrer Marktstellung. Nach einer Schätzung der EU-Kommission aus dem Jahr 2012 lagern Originalhersteller 80 Prozent ihrer Produktion an die fünf grössten Zulieferer aus. Unter diesen befinden sich mit Foxconn, Jabil Circuit und Celestica auch drei Kern-Zulieferer von Landis+Gyr. Die taiwanesische Foxconn ist mit einem Jahresumsatz von 167 Milliarden Dollar der weltweit mit Abstand grösste Zulieferer für elektronische Komponenten. Seine operative Gewinnmarge betrug 2018 gerade 2,6 Prozent. Deutlich kleinere Anbieter wie Celestica (6,6 Milliarden Dollar Umsatz) und Jabil Circuit (23 Milliarden Dollar) kommen auf 3,8 Prozent bzw. 6,1 Prozent. Demgegenüber erreichen die bekanntesten Originalhersteller wie Apple operative Margen von um die 30 Prozent. Auch Landis+Gyr konnte 2018 eine Marge von über 14 Prozent erreichen. Die direkten Arbeitskosten in der Komponentenherstellung machen nur einen Bruchteil der gesamten Herstellungskosten aus. Doch sie repräsentieren einen Grossteil der vom Zulieferer direkt beeinflussbaren Gestehungskosten.

Das hat Folgen: Die Zulieferer der globalen Elektronik-Industrie schreiben immer wieder negative Schlagzeilen mit extrem tiefen Löhnen und mit miserablen Arbeitsbedingungen in grossen Produktionszentren wie China, Malaysia oder Mexiko. Dabei beobachten gewerkschaftsnahe Kreise, dass die Schafe dunkler werden, je weiter weg sie von den Originalherstellern sind. So hat sich bei Foxconn manches verändert, seit das Unternehmen 2010 mit einer hohen Selbstmordrate unter den Arbeitern den Ruf von Apple arg in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die betriebswirtschaftliche Logik bleibt dennoch dieselbe. Die soziale Verantwortung in der Lieferkette wird nur von oben nach unten geschoben. Kleine Firmen wie Landis+Gyr können daran kaum etwas ändern. Spielen sie das Spiel nicht mit, sind sie im Wettbewerb schnell weg vom Fenster. Dahinter steckt das Dilemma der Konzernverantwortungsinitiative, die ihre Wirkung nur entfalten kann, wenn sie von den grössten Ländern und Unternehmen mitgetragen wird.

Celestica ist Teil einer Gruppe von zehn «kritischen Zulieferfirmen», sagt Mora. Dazu gehören auch andere Volumenhersteller wie der amerikanische Jabil Circuit oder die taiwanesische Foxconn mit mehr als einer Million Beschäftigten. Vor kurzem bestand der engste Zuliefererkreis noch aus rund 100 Firmen. «Die jüngsten Engpässe beim Komponenten-Nachschub haben uns bewogen, diesen einzugrenzen», erklärt der CEO. Die in den vergangenen zwei Jahren aufgetretenen Lieferengpässe bei Leiterplatten haben ihm die Grenzen der globalen Arbeitsteilung aufgezeigt. Vielerorts kam es zu Rationierungen der Liefermengen und im Fall von Landis + Gyr zu markanten, umsatzrelevanten, Verzögerungen bei der Auslieferung von Stromzählern.

Und die Beschaffungskette von Landis + Gyr geht weit über den engsten Kreis hinaus. «Noch vor wenigen Jahren hatten wir weltweit einige tausend Zulieferer. Jetzt sind es weniger als 1000», sagt Mora im Wissen um die hohen Risiken der Arbeitsteilung. Dass in diesem System selbst kleine Fehler schnell horrende Kostenfolgen haben können, musste der Amerikaner in den vergangenen Jahren selber erfahren. Ohne sich mit den Kunden abzusprechen, hatte vor einigen Jahren ein Lieferant das Verfahren zur Herstellung spezieller Kondensatoren geändert. Die Komponente erwies sich in der Folge als nicht mehr zuverlässig und führte in den Stromzählern zu Betriebsstörungen. Allein für diesen Fall musste Landis + Gyr in den vergangen drei Jahren Garantieleistungen im Wert von 67 Millionen Dollar erbringen, und noch ist die Geschichte nicht abgeschlossen. Trotzdem versichert Mora: «Unser Lieferkettenmanagement ist gut entwickelt. Unsere Lieferanten sind seit vielen Jahren im Geschäft.»

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