VERSICHERUNGEN: «Nicht alle erhalten ein Angebot»

Die Axa zwingt 40000 Schweizer KMU, ihre Vorsorgelösung zu überdenken. Die Vollversicherung bleibe für viele eine gute Option, sagt Experte Willi Thurnherr von der Pensionskassenberatungsfirma Aon.

Daniel Zulauf
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Willi Thurnherr, die Axa will die Vorsorgewerke von KMU-Kunden nicht mehr gegen die Anlagerisiken versichern. Was verspricht sich die Axa?

Die Rahmenbedingungen sind seit einigen Jahren schwierig. Die Kapitalmärkte werfen minimale Zinsen ab, und die Diskrepanz zu den gesetzlich festgelegten Zinsgarantien ist riesig. Zudem werden Menschen immer älter und beziehen länger Renten. Axa ist offensichtlich der Ansicht, dass sich das Geschäft so nicht mehr positiv betreiben lässt.

Axa will den Kunden weiter alle Dienstleistungen verkaufen, das Wertschwankungsrisiko der angesparten Vorsorgegelder sollen diese aber selber tragen. Geht das auf?

Im Prinzip ist das möglich, weil das neue Modell der teilautonomen Stiftung im Vergleich zur Vollversicherung eine riskantere Anlagestrategie verfolgen kann. Das bedeutet, dass auch die erwarteten Erträge auf den Kapitalanlagen zunehmen – falls wir nicht bald wieder einen Börseneinbruch wie 2008 erleben.

Axa will der neuen Sammelstiftung eine Wertschwankungsreserve von 11 Prozent des angesparten Vorsorgekapitals mitgeben. Ist das angemessen?

Es ist im Vergleich eine durchschnittliche Reserve. Diese bietet einen gewissen Schutz vor einer Unterdeckung. Nach einem Börseneinbruch um 10 oder 15 Prozent wäre der Deckungsgrad von 100 Prozent vermutlich noch nicht unterschritten.

Lohnt sich denn eine Vollversicherung?

Über eine lange Sicht von hundert Jahren oder mehr hat es sich statistisch immer gelohnt, in Aktien zu investieren. Aber nehmen Sie die Periode 2000 bis 2010: Da gab es zwei Börsencrashs, und es wäre besser gewesen, nicht in ­Aktien zu investieren. Hier hätte sich eine Vollversicherung vermutlich gelohnt. Aber seit 2009 wäre das teilautonome Modell vermutlich besser gewesen.

Laut einer Studie sagen Schweizer KMU mehrheitlich, sie könnten grössere Anlageverluste mit Sanierungsfolgen in der eigenen Vorsorgeeinrichtung gar nicht finanzieren. Tönt dramatisch.

Ich interpretiere diese Studie so, dass sich die meisten KMU sowie etliche Schweizer Töchter ausländischer Multis neben ihrem Geschäft nicht auch noch um die Vorsorge kümmern wollen. Das ist wohl das Hauptmotiv für die Wahl einer Vollversicherung. Ich kaufe ein Produkt, das vielleicht nicht das günstigste oder auch nicht das optimalste ist, aber ich muss mich um nichts kümmern, so denken viele Unternehmer.

Mit dem Ausstieg der Axa aus der Vollversicherung: Steigen nun die Prämien?

Damit rechne ich unmittelbar nicht. Ich denke, ein KMU, das Axa verlässt und bei einem anderen Anbieter wieder eine Vollversicherung abschliessen will, sollte ein ähnliches Angebot erhalten – falls es ein solches bekommt.

Welche KMU müssen sich auf Absagen vorbereiten?

Zum Beispiel Firmen aus Branchen mit hohem Invaliditätsrisiko oder Firmen mit einem hohen Durchschnittsalter der Beschäftigten. Auch Gastrobetriebe oder der Bau haben es schwer, weil deren Gesamtarbeitsvertrag vorteilhafte Bedingungen etwa für Frühpensionierungen enthalten.

Was, wenn ein KMU weder bei einem Lebensversicherer noch bei einer teilautonomen Pensionskasse unterkommt?

Dafür gibt es die Auffangeinrichtung, die alle Vorsorgewerke aufnehmen muss. Es gibt Branchen wie zum Beispiel Zirkusartisten, die nur noch bei der Auffang­einrichtung unterkommen.

Interview: Daniel Zulauf