Versicherungen leben länger

Die Beraterbranche redet seit einiger Zeit das Ende der Versicherungswirtschaft herbei. Diese lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Daniel Zulauf/Zürich
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Auch Versicherungen werden immer öfter online abgeschlossen. Das verändert die Branche. (Bild: Getty)

Auch Versicherungen werden immer öfter online abgeschlossen. Das verändert die Branche. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf/Zürich

Jede vierte Versicherungsstelle und fast jeder zweite Vollzeitjob in der Verwaltung würden binnen zehn Jahren von der Digitalisierungswelle dahingerafft. Das prophezeite McKinsey vor zwei Jahren. Passiert ist wenig oder zumindest wenig Sichtbares. Vor einem halben Jahr war EY mit einer Prognose zur Stelle: Fast jede zweite Versicherung könnte bis 2030 aus dem Markt gedrängt werden. Ehrgeizige Wachstumsziele der einzelnen Unternehmen und ein stagnierender Gesamtmarkt müssten zwangsläufig zu einem «intensiven Verdrängungswettbewerb» führen. Und mehr noch: «Sollten sich die disruptiven Trends (gemeint ist die Digitalisierung, Red.) fortsetzen und beschleunigen, werden bis zu 70 Prozent der heutigen Versicherer vom Markt verdrängt.»

Verbandspräsident Urs Berger, der gleichzeitig die Mobiliar präsidiert, hält nichts von solchen «Extremprognosen». Dafür sei er schon viel zu lange im Geschäft. Dass die Branche unter zunehmendem Druck steht, ist allerdings ein offenes Geheimnis. Das Negativzinsregime lastet wie Blei auf dem Lebengeschäft. Die Kunden hätten zwar gerne Policen mit langfristigen Zinsgarantien, aber die Assekuranz kann sich das Risiko solcher Angebote kaum mehr leisten. Als Folge sind die Prämien im Lebengeschäft 2016 deutlich zurückgegangen. Dafür steigen die Einnahmen aus Schadenversicherungen kontinuierlich weiter. Zwar gibt es Sparten wie das Motorfahrzeug­geschäft, in denen ein heftiger Wettbewerb die Preise nach unten zieht. Doch alles in allem scheint sich der von EY prophezeite Verdrängungskampf weiterhin in engen Grenzen zu halten.

Versicherungen und Banken kommen sich in die Quere

20 Jahre nach Abschaffung des Versicherungskartells gibt es in der Branche offensichtlich immer noch einen stillschweigenden Konsens, dass ein scharfer Preiskampf niemandem nützt. Bestärkt in dieser Erkenntnis werden in erster Linie jene Schweizer Versicherer, die sich auf hart umkämpften ausländischen Märkten wie Deutschland abmühen. Das Schweizer Schadengeschäft ist in den vergangenen Jahren für alle international tätigen Versicherungen zu einer veritablen Fluchtburg geworden. Grosskonzerne wie Axa oder Zurich erarbeiten bis zu einem Fünftel ihres Gewinns in der Schweiz – mit einem unterproportionalen Prämienanteil notabene. Und unermüdlich schleifen die Versicherer an ihrer Effizienz. Im Zehnjahresvergleich sind die Mitarbeiterzahlen nicht mehr gestiegen und seit 2010 gar rückläufig (siehe Grafik). Mit 47% Wertschöpfungsanteil am Finanzsektor ist die Assekuranz dem Bankensektor nahe gerückt. Dort läuft die Produktivitätsentwicklung seit geraumer Zeit exakt in umgekehrter Richtung, was für die Mitarbeiter wenig Gutes verheisst. Die beiden Branchen kommen sich auch wirtschaftlich zunehmend in die Quere, indem die Versicherungen vermehrt im Garten der Banken grasen. Und ein Finanzdienstleistungsabkommen, wie es die Banken wünschen, kommt für die Assekuranz nicht in Frage, solange die Anforderungen an die Solvenz im Inland strenger sind als in der EU.