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Verhaftungen, Beschuldigungen, Rücktritte: Der Raiffeisen-Skandal im Zeitraffer

Nach dem Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm wegen der Affäre Vincenz räumt nun auch Raiffeisen-Chef Patrik Gisel seinen Stuhl. Lesen die wichtigsten Ereignisse in unserer Chronologie nach.
Alexandra Pavlovic
27. Februar 2018

Die Aduno-Gruppe hat gegen ihren ehemaligen Verwaltungsratspräsidenten Pierin Vincenz Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung eingereicht.

Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz.

Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz.

Pierin Vincenz war bis vor knapp drei Jahren als Chef von Raiffeisen der vielleicht einflussreichste Banker in der Schweiz. Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich ermittelt in Sachen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen den 61-Jährigen und einen seiner Mitstreiter. Ins Rollen gebracht hat die Strafuntersuchung der Verwaltungsrat der Aduno-Gruppe, der am 21. Dezember Strafanzeige gegen die beiden verdächtigen Personen eingereicht hatte.

Kurz nach der Anzeige der Aduno-Gruppe reichte auch der Verwaltungsrat von Raiffeisen auf Antrag der Geschäftsleitung Strafanzeige gegen Vincenz und weitere, möglicherweise involvierte Personen ein.

28. Februar 2018

Pierin Vincenz hatte zwei Tage vor Bekanntwerden der Strafuntersuchung seinen Rücktritt als Verwaltungsratspräsident von Aduno auf April hin angekündigt.

Bereits am 13. Oktober 2017 hatte die Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Untersuchung gegen Raiffeisen in Sachen Corporate Governance angestrengt, die immer noch hängig ist. Auch Vincenz persönlich wurde von der Finma unter die Lupe genommen, was ihn kurz darauf zum Rücktritt als Verwaltungsratspräsident der Helvetia-Versicherungen zwang. Vincenz sagte schon damals, er sei sich keiner Schuld bewusst.

1. März 2018

Der Bankenexperte Peter V. Kunz von der Universität Bern übt in einem Interview harsche Kritik an der Zusammensetzung des Raiffeisen-Verwaltungsrates - es handle sich um einen amateurhaften KMU-Verwaltungsrat, der so nicht funktioniere. «Ein solches Gremium konnte eine dominante Person wie Herrn Vincenz und seine Entscheide gar nicht hinterfragen.» Der frühere Raiffeisen-Chef konnte schalten und walten, wie es ihm beliebte, sagt Kunz.

2. März 2018

Nach der harschen Kritik des Berner Bankenexperten Peter V. Kunz am Verwaltungsrat der Raiffeisenbank schlägt dieser zurück. Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizer Bauernverbandes und Mitglied des Verwaltungsrats von Raiffeisen, ist mit Kunz' Aussagen nicht einverstanden und kontert: «Verwaltungsräte können nun mal nicht über Dinge entscheiden und sie zurückweisen, von denen sie nichts wussten und die nicht ins Gremium hineingetragen worden sind.» Raiffeisen habe keinen schwachen Verwaltungsrat. Vielmehr seien alle Entscheidungen der letzten Jahre hinterfragt worden, und man habe im Gremium vor einem Entscheid jeweils hart diskutiert. Kein Entscheid habe zu einem finanziellen Schaden geführt, und die erfolgreichen Ergebnisse auf allen Ebenen zeigten, dass nicht alles falsch gewesen sei.

2. März 2018

Der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz kommt in Untersuchungshaft. Das Zwangsmassnahmengericht Zürich ist den Anträgen der Staatsanwaltschaft III gefolgt und hat für Pierin Vincenz und ein ehemaliges Verwaltungsratsmitglied der Kreditkartengesellschaft Aduno Untersuchungshaft angeordnet. Insbesondere mit der Verhaftung Vincenz' wollte die Zürcher Justiz verhindern, dass er sich mit weiteren Beschuldigten abspricht.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Raiffeisen-Chef ungetreue Geschäftsbesorgung vor. Er soll bei Firmenübernahmen der Kreditkartengesellschaft Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel gespielt und persönlich abkassiert haben. Vincenz bestritt die Vorwürfe. Ermittelt wird aber nicht nur gegen den früheren Banken-Chef und das ehemalige Mitglied des Aduno-Verwaltungsrats Beat Stocker, sondern auch gegen drei weitere Personen aus dem beruflichen Umfeld von Vincenz. Auslöser für das Strafverfahren ist die Anzeige von Aduno vom Dezember 2017. Bekannt ist aus einem Gutachten, dass Vincenz 2005 an einer Firmenübernahme der von ihm präsidierten Aduno rund 1,7 Millionen Franken verdient hat.

7. März 2018

Strenges Haftregime, Unklarheit über die Dauer der Haft – für Betroffene ist eine Untersuchungshaft in aller Regel nicht leicht zu ertragen. Das gilt sicher auch für den früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Nach dessen Verhaftung wird bekannt, dass gleichzeitig sämtliche Konten des Ex-Bankers blockiert wurden: Geld konnte nicht mehr transferiert werden.

Von den Kontensperrungen sind auch Vincenz' Frau Nadja Ceregato, langjährige Rechts- und Compliance-Chefin bei Raiffeisen, und seine beiden volljährigen Töchter betroffen.

8. März 2018

Die Verhaftung von Pierin Vincenz fordert bei Raiffeisen ihr erstes Opfer: Johannes Rüegg-Stürm, Verwaltungsratspräsident, tritt im März von seinem Amt zurück. Angesichts der Entwicklungen in Zusammenhang mit dem eingeleiteten Strafverfahren gegen den ehemaligen Vorsitzenden der Geschäftsleitung Pierin Vincenz sowie des noch immer laufenden Finma-Verfahrens gegen Raiffeisen Schweiz sei der Rücktritt ein wichtiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit von Raiffeisen Schweiz langfristig zu erhalten, hält die Bank in einem Schreiben fest. «Mein Schritt ermöglicht, dass eine unbelastete Persönlichkeit diese Aufgabe übernehmen kann», begründet Rüegg-Stürm seinen Entscheid.

Der Verwaltungsrat wählt daraufhin Pascal Gantenbein zum Vizepräsidenten. Er führt das Gremium seither interimistisch. Gantenbein ist 2017 als unabhängiger Verwaltungsrat ins oberste Führungsgremium von Raiffeisen Schweiz gewählt worden. Gantenbein ist ein ausgewiesener Immobilien- und Risikoexperte, seit 2007 ist er ordentlicher Professor für Finanzmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel sowie seit 2015 deren Studiendekan.

8. März 2018

In einer weiteren Mitteilung kündigt Raiffeisen an, an der Delegiertenversammlung vom 16. Juni in Lugano zwei neue Kandidaten zur Wahl vorzuschlagen: den 55-jährigen Wirtschaftsprüfer und Bankenexperten Rolf Walker sowie den 52-jährigen Unternehmer Thomas Rauber. Die beiden sollen die austretenden Verwaltungsräte Edgar Wohlhauser und Werner Zollinger ersetzen, die aufgrund der statutarischen Amtszeitbeschränkung zurücktreten.

Neue Gesichter bei Raiffeisen: Der 55-jährige Rolf Walker und der 52-jährige Unternehmer Thomas Rauber stossen neu zum Verwaltungsrat.

Neue Gesichter bei Raiffeisen: Der 55-jährige Rolf Walker und der 52-jährige Unternehmer Thomas Rauber stossen neu zum Verwaltungsrat.

15. März 2018

Auch zwei Wochen nach seiner Verhaftung ist der ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz nicht auf freiem Fuss und muss weiterhin in Untersuchungshaft bleiben. «Die Untersuchungshaft wird für drei Monate ausgesprochen», sagt Corinne Bouvard von der Zürcher Staatsanwaltschaft. Der Richter könne die Zeit jedoch verkürzen oder verlängern. Zudem dürfe der Inhaftierte eine Haftentlassung beantragen. Vincenz muss also weiterhin den überwiegenden Teil seines Alltags in einer zehn Quadratmeter grossen Zelle verbringen.

Diese ist möbliert mit Tisch, Bett und Sitzgelegenheit. WC und Lavabo befinden sich ebenfalls in der Zelle – nebst Fernseher, Radio und einem Wasserkocher. Besucher sind zudem vom Untersuchungshäftling durch eine Glasscheibe getrennt, das persönliche und vertrauliche Gespräch ist nicht möglich.

22. April 2018
Bruno Gehrig agiert als unabhängiger Chefermittler.

Bruno Gehrig agiert als unabhängiger Chefermittler.

Der 71-jährige Bruno Gehrig erklärt sich bereit, als unabhängiger Chefermittler zusammen mit einem Team von Wirtschaftsanwälten bei der angeschlagenen Raiff­eisen Schweiz für lückenlose Transparenz zu sorgen. Gehrig gehört zu den führenden Ökonomen des Landes, diente der Bankenaufsicht und der Nationalbank und hat reiche Erfahrungen in der Privatwirtschaft.

Raiffeisen Schweiz hatte Gehrig als sogenannten Lead Investigator mit einem Expertenteam der Zürcher Anwaltskanzlei Homburger mit einer internen Untersuchung der Ära Vincenz beauftragt. Dabei wurde die Unabhängigkeit Gehrigs unterstrichen. Doch genau dies wird jetzt bezweifelt. Eine fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Episode wirft die Frage auf, ob Ökonom Bruno Gehrig der richtige Mann ist, um die Ära Vincenz bei der Raiffeisenbank zu durchleuchten. Im Februar 1999 war Gehrig nämlich Gastredner bei der Feier des 100-jährigen Bestehens der Bank.

16. Mai 2018

Die Untersuchungshaft von Pierin Vincenz wird um weitere drei Monate verlängert. Die Staatsanwaltschaft ist erneut auf mögliche strafrechtlich relevante Transaktionen gestossen. Ausserdem kommt es wieder zu Hausdurchsuchungen. Und während Vincenz weiter in Untersuchungshaft sitzt, hat der Bündner Stromversorger Repower eine neue Verwaltungsratspräsidentin. An der Generalversammlung des Unternehmens wählen die Aktionäre Monika Krüsi in das Amt. Sie ersetzt damit den ehemaligen Raiffeisen-Chef.

13. Juni 2018

«Unter Auflage verschiedener Ersatzmassnahmen» wird Pierin Vincenz nach 15 Wochen aus der Untersuchungshaft entlassen. Sein langjähriger Geschäftspartner Beat Stocker, wie Vincenz ein ehemaliger Aduno-Verwaltungsrat, kommt ebenfalls frei. Trotz Freilassung laufen die Ermittlungen Oberstaatsanwaltschaft gegen sämtliche Beschuldigten weiter. Nebst Vincenz und dem Geschäftspartner wird gegen weitere Personen aus deren beruflichem Umfeld ermittelt.

Pierin Vincenz. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Pierin Vincenz. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)

Der 62-jährige Vincenz äussert sich nach seiner Freilassung kritisch über die Untersuchungshaft. Sie sei «unnötig und in ihrer Länge völlig unverhältnismässig gewesen». Die Themenkreise des Verfahrens lägen Jahre zurück und seien bestens dokumentiert, begründet er seine Kritik.

Vincenz verlor während seiner Zeit in Haft mehrere seiner Ämter, so beispielsweise beim Stromkonzern Repower, bei dem er Präsident war. Bei der Versicherungsgruppe Helvetia trat er schon Ende 2017 als Präsident zurück.

Freiwillig geräumt hat Vincenz' Ehefrau, Chefjuristin Nadja Ceregato, ihren Posten bei Raiffeisen. Ceregato befand sich seit vergangenem Herbst in einem Sabbatical und kam mit ihrem Arbeitgeber zum Schluss, dass eine Rückkehr nicht opportun wäre. Raiffeisen betonte, dass es keine Verdachtsmomente gegen sie gebe.

14. Juni 2018

Wirtschaftsrechtler Peter V. Kunz erwartet trotz Zweifeln an strafrechtlich relevanten Tatbeständen, dass es zur Anklage gegen Pierin Vincenz kommt. Dennoch sagt der Wirtschaftsprofessor: «Pierin Vincenz' Reputation in der Schweizer Wirtschaft ist in jedem Fall zerstört.»

18. Juli 2018

Kaum mehr als einen Monat nach der Freilassung von Pierin Vincenz folgt bei Raiffeisen der nächste Knall: Konzernchef Patrik Gisel hat sich entschieden, seine Funktion als Vorsitzender der Geschäftsleitung auf Ende Jahr abzugeben. «Mit meinem Rücktritt möchte ich die öffentliche Debatte um meine Person und die Bank beruhigen und die Reputation von Raiffeisen schützen», begründet Patrik Gisel, der Raiffeisen Schweiz seit Oktober 2015 operativ leitet, seinen Entscheid. Wegen der Affäre um das Geschäftsgebaren des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz war Gisel in der Öffentlichkeit wiederholt kritisiert worden.

Die Suche erstreckt sich aber nicht nur auf einen neuen Konzernchef. Anfang März hatte bereits Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm wegen der «Affäre Vincenz» den Bettel hingeschmissen. Seither wird das Aufsichtsgremium interimistisch von Vizepräsident Pascal Gantenbein geleitet.

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