Vereint gegen China

Der finnische Netzwerkausrüster Nokia kauft die französische Alcatel-Lucent. Damit wollen sich die Europäer gegen die chinesische Konkurrenz wappnen.

Stefan Brändle
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PARIS. Nokia ist zurück. Nicht mit Handys, sondern dem Geschäft dahinter, der Datenübertragung. Gestern gab das finnische Unternehmen bekannt, dass es den franko-amerikanischen Konkurrenten Alcatel-Lucent für 15,6 Mrd. € übernimmt (vgl. Ausgabe von gestern). Damit entsteht ein Branchenriese mit 26 Mrd. € Umsatz und 114 000 Angestellten. An der Spitze steht Nokia-Chef Rajeev Suri. Der Konzernsitz wird in Finnland sein, doch sollen auf Betreiben der Pariser Regierung grosse Teile der Forschung und Entwicklung in Frankreich bleiben.

Alcatel-Lucent rüstet Südeuropa, die USA und Kontinentalasien aus, während Nokia in Nordeuropa und Japan stark ist. Vor allem aber ist in dem globalen Markt heute Grösse wichtig. Nokia und Alcatel kommen mit ihren aufaddierten Marktanteilen von jeweils gut 8% auf zusammen 17%. Das ist fast so viel wie der schwedische Branchenführer Ericsson mit 17,7%). Die chinesische Billigkonkurrenz kommt mit Huawei auf 16,1% und mit ZTE auf 5%.

Möglich ist laut einer Firmenmitteilung, dass Nokia sein Digitalkartengeschäft Here im Wert von fast 7 Mrd. € abstösst. Das würde den Konzernumsatz um ein Viertel schmälern. Diese Technologie, die in den meisten Navigationssystemen von Autos steckt und vom Internetkonzern Google dominiert wird, könnte möglicherweise an den umstrittenen Taxidienst Uber gehen.

Missratene Fusion

Im Mobilfunk ist Nokia vor allem an Alcatels 3G- und 4G- Technologie interessiert. Gefragt sind aber auch Alcatels Festnetzwerke. Danke ihrer Hochgeschwindigkeitstechnologie versprechen sie heute fast höhere Gewinnquoten als Mobilnetze. Alcatel-Lucent beherrscht auch die Technik der Unterwasserkabel. Diese Pluspunkte dürften für Nokia den Ausschlag zugunsten Alcatels gegeben haben. Skepsis ruft in Branchenkreisen hervor, dass der indische Konzernchef Suri neben finnischen auch französische und amerikanische Unternehmenskulturen verschmelzen muss. Eine Herkulesaufgabe, zumal Alcatel-Lucent, 2006 entstanden durch eine missratene Fusion, lang unter dem persönlich gefärbten Führungsstreit zwischen der Amerikanerin Pat Russo und dem Franzosen Serge Tchuruk litt. Noch 2013 war das Unternehmen daran fast pleite gegangen.

Ausverkauf in Frankreich

Ihr französischer Nachfolger Michel Combes verpasste dem Konzern eine noch laufende Rosskur. Von anfänglich 80 000 Alcatel- und Lucent-Mitarbeitern verbleiben derzeit 54 000. Die Gewerkschaften befürchten das Schlimmste, will doch Nokia dank der Übernahme Synergien von 900 Mio. € erzielen.

Mit dem Firmennamen Alcatel verschwindet in Frankreich auch ein Stück Industriegeschichte. Der Vorgänger der aus dem Elsass stammenden Alcatel (Al steht für Alsace) war 1898 gegründet worden. Bis 1995 war Alcatel mit dem Alsthom-Konzern verbandelt. Dieser hat in der Zwischenzeit nicht nur sein h verloren, sondern 2014 auch seine Unabhängigkeit, indem Alstom von General Electric übernommen wurde. Auch das Ende von Alcatel bestätigt den Aderlass der französischen Industrie.

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