Fleischskandal

Verbandsdirektor: «Mehr Kontrollen bringen nichts»

Der Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbands distanziert sich vom Bündner Fleischhändler Carna Grischa und dessen vermuteten Falschdeklarationen – schärfere Kontrollen hält er aber nicht für zielführend.

Thomas Schlittler
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Ruedi Hadorn, Präisdent des Schweizer Fleisch-Fachverbands

Ruedi Hadorn, Präisdent des Schweizer Fleisch-Fachverbands

HO

Ruedi Hadorn hat momentan einen undankbaren Job: Der Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbands hat sich nichts zuschulden kommen lassen, steht aber unfreiwillig im Fokus der Öffentlichkeit. Der «SonntagsBlick» hatte publik gemacht, dass der Bündner Fleischhändler Carna Grischa Fleischprodukte nicht richtig deklariert haben soll. Pferde- sei als Rindfleisch verkauft worden, ungarisches Poulet als schweizerisches oder Gefrier- als Frischfleisch. Gegen Carna Grischa haben die Ermittlungen erst begonnen. Die Schweizer Fleischbranche wurde bereits bestraft: mit einem heftigen Imageschaden.

Herr Hadorn, die mutmassliche Falschdeklaration der Bündner Fleischfirma Carna Grischa ist nicht der erste Fleischskandal in der Schweiz. Wie können die Konsumenten noch darauf vertrauen, dass sie das Fleisch bekommen, das sie bestellen?

Ruedi Hadorn: Der Schweizer Fleisch-Fachverband verurteilt die mutmasslichen, gesetzeswidrigen Täuschungen von Carna Grischa aufs Schärfste. Gleichzeitig darf man jetzt aber nicht einfach die ganze Branche verteufeln, denn die überwiegende Mehrheit der Schweizer Fleischunternehmen macht einen tollen Job und deklariert ihr Fleisch korrekt. Schwarze Schafe gibt es leider überall. Dabei möchte ich besonders betonen: Die betreffende Firma ist nicht Mitglied unseres Verbandes.

Wären die Falschdeklarationen bei einem Mitglied von Ihnen nicht möglich gewesen?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es leider nirgends. Aber wir machen gegenüber unseren Mitgliedern immer wieder klar, dass wir solche Praktiken nicht tolerieren. Als vor einigen Monaten bei einem unserer Mitglieder ähnliche Geschäftspraktiken aufflogen, haben wir dieses umgehend aus unserem Verband ausgeschlossen.

Führen Sie bei Ihren Mitgliedern auch Kontrollen durch?

Nein, Kontrollen sind nicht die Aufgabe eines Verbandes. Das ist der gesetzliche Auftrag der Behörden.

Offenbar haben die Kontrollen bei Carna Grischa aber nichts gebracht. Müssen diese verschärft werden?

Mehr Kontrollen bringen nichts. Wenn jemand Rechtsmissbrauch begehen will, wird er dafür leider immer ein Schlupfl

och finden – egal, wie viele Kontrollen es gibt und wie streng sie sind. Mit mehr und härteren Kontrollen würde hingegen die grosse Mehrheit der anständigen Firmen unberechtigt mit einem beträchtlichen Zusatzaufwand bestraft.

Wie wollen Sie Falschdeklarationen in Zukunft denn sonst verhindern?

Ich plädiere klar für härtere Strafen für die nachweislich Schuldigen. Das hätte eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Nachahmer – bringt den ehrlichen Firmen aber nicht mehr Aufwand.

Carna Grischa sagt, in der Fleischbranche seien Falschdeklarationen gang und gäbe. Was sagen Sie zu diesen Anschuldigungen?

Dieser Vorwurf ist reiner Selbstschutz und schadet dem Ruf der gesamten Branche. Nochmals: Ausser den schwarzen Schafen wird ehrlich deklariert.

Es ist jedoch bei weitem nicht der erste Fleischskandal. Wieso ist Ihre Branche anfälliger als andere Lebensmittelbereiche?

Wir sind nicht die einzige Branche, in der es solche Skandale gibt. Betrugsfälle gibt es gemäss Aussage des Präsidenten der Kantonschemiker der Schweiz leider auch bei anderen teuren Lebensmitteln wie zum Beispiel beim Wein immer wieder. Es liegt auf der Hand: Bei teuren Lebensmitteln können Betrüger mehr herausholen.

Doch nirgends sonst schlagen Lebensmittelskandale so hohe Wellen wie beim Fleisch. Wieso?

Fleisch steht besonders im Fokus, weil es ein sehr emotionales Lebensmittel ist – schliesslich steht immer ein Tier dahinter. Zudem ist Fleisch vielfach die Hauptspeise, die beim gemeinsamen Genuss auch sozial verbindet. Wenn die Konsumenten da getäuscht werden, reagieren sie verständlicherweise besonders empfindlich.

Als Konsument hat man das Gefühl, dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Skandalen gekommen ist. Täuscht dieser Eindruck?

Die Öffentlichkeit ist heute sicher sensibilisierter auf dieses Thema als früher. Dazu tragen nicht zuletzt die Medien bei. Ob es heute wirklich mehr Skandale gibt als früher, ist schwierig abzuschätzen. Was sich in jüngster Zeit aber mit Sicherheit verschärft hat, ist der Preiskampf. So haben der Detailhandel und die Gastronomie, auch angesichts der beträchtlichen Einkäufe ennet der Grenze, den Druck auf die Fleischbranche hin zu tiefen Preisen massiv erhöht – und verleiten so den einen oder anderen zum Missbrauch, den wir aber absolut nicht gutheissen. Ich erhoffe mir von der ganzen Geschichte einen positiven Effekt, nämlich eine Abkehr von der unsäglichen Geiz-ist-geil-Mentalität.