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VENEZUELA: Kryptowährung als Heilsbringerin

Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela, will das Land mit einer Kryptowährung vor dem Staatsbankrott retten. Doch das ist mehr Voodoo-Ökonomie als seriöse Geldpolitik, meinen Experten.
Adrian Lobe
Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro vor dem Symbol der neuen Währung Petro. (Bild: Wil Riera/Bloomberg (Caracas, 20. Februar 2018))

Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro vor dem Symbol der neuen Währung Petro. (Bild: Wil Riera/Bloomberg (Caracas, 20. Februar 2018))

Adrian Lobe

In Venezuela zeigt sich die Hybris einer Planwirtschaft. Leer gefegte Supermarktregale, eine Hyperinflation von über 1000 Prozent, lange Schlangen vor den Zapfsäulen. Dem ölreichsten Land der Welt mangelt es an Benzin. Weil das Land kaum funktionstüchtige Raffinerien hat, muss der Staat den Kraftstoff für viel Geld importieren. Doch Devisen sind knapp. Ohne den Dollar geht nichts mehr.

Der staatliche Ölkonzern PDVSA, einst die Cash Cow und Überlebensversicherung des Landes, der mit seinen Exporten bis zu zwei Drittel des Staatshaushalts beisteuerte und mit dessen Einnahmen der ausgreifende Wohlfahrtsstaat finanziert werden konnte, steht vor der Pleite. Die Staatskasse ist leer. Die Wirtschaftskrise wird derweil immer dramatischer. Lebensmittel werden zu Luxusgütern, Medikamente zu Mangelware. Coca-Cola hat 2016 seine Produktion eingestellt, weil es keinen Zucker mehr gibt. Die Menschen haben aufgrund der Mangelernährung im Jahr 2016 im Durchschnitt neun Kilo abgenommen. Das sozialistisch regierte Land nagt am Hungertuch.

Befreiungsschlag geplant

Präsident Nicolás Maduro, ein beinharter Ideologe, der das Erbe des Chavismus fortsetzen will, plant nun einen Befreiungsschlag: Um den drohenden Staatsbankrott zu vermeiden, hat die Regierung eine eigene Kryptowährung ausgegeben. «Petro», wie die virtuelle Währung heisst, soll den durch die US-Sanktionen verschärften Devisenmangel beheben und das Land unabhängiger von der Leitwährung Dollar machen.

Die Kryptowährung soll durch Ölreserven und Goldvorkommen im Orinoco-Gürtel abgesichert werden; der Preis ist an ein Barrel Öl gekoppelt. Präsident Maduro erklärte die Währung zum «rauschenden Erfolg»; «stark wie Superman» sei «el Petro». Laut einem Bericht von Reuters soll die Währung Investoren unter anderem aus der Türkei und Katar anlocken – die international isolierten Staaten halten nach neuen Kapitalmärkten Ausschau. Am ersten Tag des Vorverkaufs hat Venezuela nach eigenen Angaben rund 735 Millionen Dollar eingenommen. Im Rahmen eines Initial Coin Offerings (ICOs) erwerben Anleger sogenannte Token, die einen virtuellen Gegenwert für das real investierte Geld bilden. Diese Token, eine Art Wertpapier oder Vermögensanlage, unterliegen keiner Kapitalmarktregulierung und haben daher auch die Finanzaufsichtsbehörden auf den Plan gerufen.

Unklar ist im Falle des Petro, was die technische Basis der Token ist. In Frage kämen die Verschlüsselungstechnologien Etherum oder Blockchain. Auf letzter basiert die Kryptowährung Bitcoin. Diese Verschlüsselungstechnologien kann man sich wie ein digitales Kassenbuch vorstellen, das sämtliche Transaktionen erfasst und in einer Kette von Datenblöcken speichert.

Virtuelle Währungen liegen im Trend. Befeuert vom Bitcoin-Boom plant Russland einen staatlichen «Krypto-Rubel» aufzulegen. Auch Dubai ist auf den Blockchain-Zug aufgesprungen und will eine eigene Kryptowährung herausgeben. Derweil prüft die israelische Zentralbank die Einführung eines «digitalen Schekels». Die Währungshüter finden dort jedoch ganz andere makroökonomische Rahmenbedingungen als in Venezuela vor. Kann der Petro das Land vor dem Staatsbankrott retten? Experten haben da Zweifel. David L. Yermack, Finanzprofessor an der renommierten New York University Stern School of Business, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: «Die Währung schaut wie ein kompletter Betrug aus. Die Regierung hat nicht erklärt, was sie durch ‹ölbesichert› meint, und sie hat widersprüchliche Angaben darüber gemacht, auf welcher Blockchain der Token liegt.»

Eine Währungsreform setze das Vertrauen der Bevölkerung in die neue Währung voraus. Im Prinzip könnte eine neue Währung mit streng kontrollierter Geldversorgung ein Land in die Lage versetzen, die Konsumentenpreise zu stabilisieren, so Yermack. Währungsreformen hätten dies in der Finanzgeschichte immer wieder versucht. «Der Mangel an politischer Verantwortbarkeit macht einen aber nicht gerade optimistisch, was einen möglichen Erfolg der Währung angeht», sagt der Finanzexperte.

Gekauft wird vor allem Zeit

Auch der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff ist skeptisch, ob sich der Petro als stabiles Zahlungsmittel durchsetzen wird. Auf Anfrage teilt er mit: «Es ist schwer abzusehen, was eine Kryptowährung – oder jeder andere finanztechnische Trick – tun kann, die Zahlungsfähigkeit der bankrotten venezolanischen Regierung wiederherzustellen. Man kann sich vorstellen, dass das Land verzweifelt nach Wegen sucht, das internationale Finanzsystem zu umgehen, sowohl um den unvermeidbaren Staatsbankrott vorzubereiten als auch die Einnahmen aus dem Drogenschmuggel zu erhöhen.» Mit der Ausgabe einer Kryptowährung kauft Maduro vor allem Zeit. Doch die vermeintlichen Wundertoken sind mehr Voodoo-Ökonomie als seriöse Geldpolitik – und dienen nur dazu, die Staatspleite zu verzögern.

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