Valora wird zum Brezelbäcker

Mit dem Erwerb der Ditsch-Brezelkönig-Gruppe treibt Valora ihren Umbau voran: Weg vom darbenden presselastigen Kioskgeschäft, hin zum profitableren und wachsenden Geschäft mit bequemer Schnellverpflegung für unterwegs.

Thomas Griesser Kym
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Ein Brezelkönig-Verkäufer am Bahnhof Oerlikon bestreicht Salzbrezeln mit Butter. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Ein Brezelkönig-Verkäufer am Bahnhof Oerlikon bestreicht Salzbrezeln mit Butter. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

MUTTENZ/MAINZ. Der Konsumgüterkonzern Valora ist in der Erinnerung als Kioskbetreiber bekannt. 918 dieser Verkaufspunkte zählt der unangefochtene Marktführer in der Schweiz. Aber das Geschäft harzt: Immer mehr Leute lesen Zeitungen und Zeitschriften nicht mehr auf Papier gedruckt, sondern digital. Zudem konkurrenzieren Gratis-Pendlerzeitungen die bezahlte Presse.

Seit 2008 reformiert sich Valora deswegen. An den Kiosken wird das Verpflegungsangebot ausgebaut, und mit der relativ günstigen Eigenmarke ok. lockt Valora zunehmend jüngere Kunden an die Kioske. An diesen wurde auch das Agenturmodell lanciert, wobei die Verkäuferinnen auf eigene Rechnung arbeiten, was bei den Gewerkschaften auf Kritik gestossen ist. Mit den Avec-Läden etwa an Tamoil-Tankstellen oder Bahnhöfen sowie den Kaffeehäusern Caffè Spettacolo holt Valora weitere eilige Konsumenten ab.

Annähernd zehnmal rentabler

Ferner sucht Valora Wachstumschancen im Ausland. Zuletzt verleibte sich das Unternehmen Anfang Jahr die 1300 Filialen der Lekkerland-Tochter Convenience Concept ein, der grössten Kioskkette in Deutschland, die ebenfalls Schnellverpflegung forciert.

Nun folgt der nächste Streich: Von Peter Ditsch (56) übernimmt Valora die deutsche Brezelbäckerei Ditsch GmbH mitsamt deren Schweizer Tochter Brezelkönig. Damit erweitert sich Valora um einen weiteren kleinförmigen Absatzkanal mit 195 Verkaufsstellen in Deutschland und 35 in der Schweiz. 2012 erwartet die Gruppe mit 600 Beschäftigten einen Umsatz von 190 Mio. Fr., wovon 140 Mio. auf Ditsch und 50 Mio. auf Brezelkönig entfallen. Die Betriebsgewinnmarge wird mit über 14% angegeben – womit der Hersteller von Laugenbackwaren viel profitabler ist als der Valora-Konzern, der im 1. Semester 2012 auf schmale 1,6% kam. Der Kaufpreis wird mit dem sieben- bis neunfachen des Betriebsgewinns vor Abschreibung und Amortisation angegeben. Daraus errechnet sich ein Preis von 266 Mio. bis 342 Mio. Franken. Laut Valora wird er eher am oberen Ende der Bandbreite zu liegen kommen.

Für Valora «gut» mit Abstrichen

Verkäufer Peter Ditsch, der den 1919 gegründeten Brezelbäcker in dritter Familiengeneration geleitet hat, kassiert 100 Mio. Fr. in Valora-Aktien, womit er mit 18,5% grösster Valora-Aktionär wird. Zudem stellt er sich zur Wahl in den Verwaltungsrat des Konsumgüterkonzerns, womit sein Wissen der Firma erhalten bleibt. Der Rest des Kaufpreises wird durch einen Syndikatskredit gewährleistet. Valora will künftig Synergien nutzen: So könnte es etwa bald Brezel in Avec-Läden geben. Bis 2017 soll das Brezelkönig-Netz auf 70 Verkaufspunkte verdoppelt werden.

Helvea-Analyst Michael Heider beurteilt die Akquisition als «gut» für Valora. Zum einen ergänze sich der Konzern in seinen Kernmärkten Schweiz und Deutschland um ein neues und deutlich profitableres Verkaufsformat. Das Segment der Verpflegung zum Sofortverzehr (Convenience Food) wächst tüchtig, da die Mobilität der Menschen zunimmt und sie so auch Zeit sparen können. Zum anderen erhalte Valora mit Ditsch einen Ankerinvestor, welcher der Aktie etwas mehr Stabilität verleihen sollte. Auch den Kaufpreis hält Heider für «gerechtfertigt». Leise Kritik übt der Analyst daran, dass Valora wieder in eigene Produktion einsteigt, da Ditsch zwei Fabriken in Deutschland und Brezelkönig ein Werk in Emmenbrücke betreibt. Das binde Kapital und sei «ein Schritt weg von der reinen Detailhandelsstrategie».

Die Unternehmen sehen das natürlich anders: Dass die Brezelgruppe ihre Backwaren nicht nur vertreibt, sondern auch selber fabriziert, wird als Stärke eines vertikal integrierten Geschäftsmodells gepriesen. So kontrolliere man die gesamte Wertschöpfungskette, könne die Produktion flexibel gestalten, schöpfe die ganze Marge ab und schütze das Know-how.

Pressevertrieb vor Umbau

Ditsch stellt zudem tiefgekühlte Backwaren her für Gross- und Detailhändler. Valora selber vertreibt Markenartikel in der Division Handel. Das Geschäft leidet in der Schweiz am Einkaufstourismus und an Parallelimporten aus der EU. Probleme bekundet Valora sodann in der Division Services. Diese beliefert eigene und fremde Verkaufspunkte mit Presseerzeugnissen, und sie bedient den Grosshandel mit Presse und anderen Artikeln. Hier prüft Valora eine «Repositionierung der Division» mit dem Ziel, die Presseabhängigkeit zu reduzieren.