Zugbeschaffung
Ausschreibung: Die Ukraine lädt Stadler ein – und fünf Konkurrenten

Die Ukrainische Staatsbahn will 80 neue Züge im Wert von über einer Milliarde Franken beschaffen. Zum Einreichen eines Angebots ist auch der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer Stadler eingeladen. Und namhafte Mitbewerber aus Ost und West.

Thomas Griesser Kym
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Ein Zug der Ukrainischen Staatsbahn, gebaut von den lokalen Kryukiv-Werken, am Bahnhof der Hauptstadt Kiew.

Ein Zug der Ukrainischen Staatsbahn, gebaut von den lokalen Kryukiv-Werken, am Bahnhof der Hauptstadt Kiew.

Bild: Wolodymyr Krinitsky (21. Januar 2020)

Im Mai 2021 hat Stadler in der Ukraine eine Absichtserklärung unterzeichnet, im August eine weitere. Darin geht es jeweils darum, dass der Ostschweizer Bahnhersteller die Möglichkeit einer Zugproduktion mit lokalem Wertschöpfungsanteil in der Ukraine in Betracht zieht, sofern Stadler eine Ausschreibung der Staatsbahn Ukrzaliznytsia (UZ) gewinnt.

Solche Absichtserklärungen sind ziemlich unverbindlich, werden auch mit anderen Schienenfahrzeugbauern abgeschlossen, und Papier ist geduldig. So dauerte es beispielsweise im Fall des französischen Herstellers Alstom knapp fünf Jahre von der Unterzeichnung einer Absichtserklärung bis zu einem Rahmenabkommen über 130 Güterzugloks.

80 Züge für über eine Milliarde Franken

Betreffend neue Züge soll es nun aber plötzlich schnell gehen. Auf der ukrainischen elektronischen Beschaffungsplattform Prozorro hat die UZ am 1. Oktober 2021 eine Ausschreibung zur Beschaffung von 80 elektrischen Triebzügen publiziert und sechs Hersteller eingeladen, Angebote einzureichen. Es sind dies nebst Stadler auch Alstom, die deutsche Siemens, die polnische Pesa, die tschechische Škoda Transportation und die lokalen Kryukiv-Werke (KVBZ).

Den Angaben zufolge will die UZ je 30 Wechselstrom- und Gleichstromzüge für den S-Bahn-Verkehr der Grossstädte Kiew, Charkiw und Dnipro im Rahmen des Projekts City Express beschaffen sowie 20 Wechselstromzüge für bestehende und für neue Regionalverkehrslinien. Als erwarteten Auftragswert gibt die UZ 31,5 Milliarden Hrywnja an, das entspricht 1,1 Milliarden Franken.

Lieferung ist geplant bis 2026

Über die Ausgestaltung der Kompositionen betreffend Länge, Passagierkapazität usw. macht die UZ keine öffentlichen Angaben. Auch nicht über einen lokalen Fertigungsanteil. Die technischen Anforderungen ans Rollmaterial seien von Fachleuten der UZ zusammen mit solchen potenzieller Hersteller und von der Deutschen Bahn entwickelt worden.

Die UZ will Bewerbungen für die Teilnahme an der Ausschreibung bis 1. November 2021 akzeptieren, und bis Ende Jahr soll die Vergabe unter Dach sein. Laut der UZ ist geplant, die Kooperation mit dem Gewinner des Auftrags für fünf Jahre anzulegen, was bedeute, dass die Züge bis 2026 geliefert werden sollen.

Die Ukraine wäre für Stadler ein neuer geografischer Markt

Die UZ weist darauf hin, dass über 90 Prozent ihres Rollmaterials veraltet seien. Die Erneuerung sei deshalb mit Blick auf die Sicherheit und den Komfort der Fahrgäste von entscheidender Bedeutung. Die Zugflotte der UZ besteht bisher schwergewichtig aus Fahrzeugen aus osteuropäischer Produktion. Eine Ausnahme sind zehn Intercityzüge des südkoreanischen Herstellers Hyundai Rotem.

In die Jahre gekommenes Rollmaterial der Ukrainischen Staatsbahn.

In die Jahre gekommenes Rollmaterial der Ukrainischen Staatsbahn.

Bild: PD

Stadler will sich auf Anfrage nicht über die Ausschreibung der UZ äussern. Firmensprecher Fabian Vettori bleibt beim bisherigen Wording: «Sollte Stadler einen Auftrag erhalten, werden wir einen möglichen lokalen Wertschöpfungsanteil prüfen. Darüber hinaus äussern wir uns nicht weiter zu laufenden Verhandlungen.»

Sollte Stadler zum Zug kommen, würde Peter Spuhlers Unternehmen einen weiteren Markt auf dem Territorium der früheren Sowjetunion erschliessen. Stadler hat dort bereits Aufträge erhalten aus Aserbaidschan, Estland, Georgien, Russland und Weissrussland. Nahe der weissrussischen Hauptstadt Minsk betreibt Stadler ein Produktionswerk.

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