USA: Fernsehanwälte warnen vor Medikamenten

Mit düsteren Voraussagen machen umtriebige amerikanische Anwälte Werbung für Sammelklagen gegen Pharmafirmen. Ein Republikaner behauptet, dass diese Spots die Gesundheit der US-Bevölkerung gefährden.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen

Die Werbefilme sind billig gemacht. Im schrillen Tonfall warnen sie vor Nebenwirkungen verschreibungspflichtiger Medikamente. So erklärt zum Beispiel der Anwalt John Morgan aus ­Orlando, Florida, die Blutver­dünnungsmedikamente Xarelto (Johnson & Johnson) und Pradaxa (Boehringer Ingelheim) seien «leider» verantwortlich dafür, dass «viele» Patienten innere Blutungen erlitten hätten und «sogar» gestorben seien. Diesen Gefahren seien Patienten aber nicht schutzlos ausgeliefert.

Dann erscheint auf dem Bildschirm eine Gratistelefonnummer, über die sich Patienten zusätzliche Informationen «über Ihren Fall» beschaffen können. Passenderweise lautet der Name der Internetseite « www.classacti on.com », der amerikanische Begriff für Sammelklagen. Den Herstellern der betroffenen Medikamente sind diese Werbespots schon lange ein Dorn im Auge, weil sie die Zahl der Rechtsverfahren in die Höhe treiben. Gemäss Johnson & Johnson sind derzeit mindestens 18400 Klagen von Xarelto-Konsumenten anhängig.

Werbefilme sollen Patienten Angst einjagen

Nun bekommen sie Unterstützung von einem einflussreichen Volksvertreter: Bob Goodlatte. Er ist der Vorsitzende des Justizausschusses im Repräsentantenhaus. Der Republikaner stellt sich auf den Standpunkt, dass die Werbefilme «darauf ausgelegt» seien, Patientinnen und Patienten Angst einzujagen. Er verweist auf Werbefilme, in denen Medikamente, die notabene durch die Zulassungsbehörde FDA bewilligt wurden, als «gefährlich» oder «schlecht» bezeichnet wurden. Dies könne «tödliche Folgen» haben, sagt er. Sämtliche Standesorganisationen der American Bar Association (ABA), dem Dachverband der zugelassenen Rechtsanwälte, haben deshalb Post von Goodlatte erhalten. Der Republikaner weist darauf hin, dass der Ärztedachverband kürzlich eine Resolution gegen diese schwarzseherischen Werbesendungen verabschiedet habe, weil Mediziner die Befürchtung hegten, Patienten würden ohne Rücksprache mit ihren Ärzten die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten aussetzen.

Eine wissenschaftliche Studie über Patienten mit Herzkrankheiten sei zum Schluss gekommen, schreibt Goodlatte weiter, dass mindestens zwei Menschen gestorben seien, weil sie auf die Einnahme von Xarelto verzichtet hätten, nachdem sie mit «negativen» Reklamen von Anwälten konfrontiert worden seien. Goodlatte sagt zwar, dass seiner Meinung nach keine neuen gesetzlichen Vorschriften notwendig seien, um «missverständliche» Spots zu stoppen. Jedoch sei er auf die Mitarbeit der Standesorganisationen angewiesen. Umgehend müssten die Anwälte neue Standesregeln verabschieden. Ein Änderungsvorschlag: Werbespots von Anwälten müssten künftig auch die Vorzüge der betroffenen Medikamente erwähnen.

Anwälte wollen weiter werben

Für die American Bar Association (ABA) weist ABA-Präsidentin Linda Klein in einem Antwortschreiben darauf hin, dass «falsche» oder «irreführende» Werbesendungen von Anwälten bereits jetzt verboten seien. So wie es auch Ärzten untersagt sei, mit falschen Argumenten um Kunden zu werben. Ausdrücklich verweist Klein aber auch darauf, dass der Oberste Gerichtshof in Washington es Anwälten im Jahr 1977 erlaubt habe, Werbung für ihre Dienste zu betreiben. Entsprechende Reklamen seien, mit Verweis auf das Grundrecht der freien Meinungsäusserung, verfassungsrechtlich geschützt. Und natürlich hat auch Klein eine Studie zur Hand, um ihre Argumentation zu untermauern. Demnach müssten jährlich 1,9 Millionen Amerikaner ins Spital eingeliefert werden, nachdem sie ein verschreibungspflichtiges Medikament in der korrekten Dosierung eingenommen haben. Diese Menschen, sagt Klein, hätten ein Anrecht darauf, von einem Anwalt vertreten zu werden.

Offen ist, ob Goodlatte nun versuchen wird, den Druck auf diejenigen Rechtsanwälte zu erhöhen, die ihr Geld mit Sammelklagen gegen Pharmakonzerne verdienen. Es gibt zumindest Anzeichen dafür, dass der Parlamentarier in einem nächsten Schritt versuchen wird, spezialisierten Kanzleien das Handwerk zu legen.

Renzo Ruf, Washington