US-Notenbank kommt unter Druck

Die Wirren am Finanzmarkt machen es der US-Notenbank schwer, bald die Zinsen zu erhöhen – so wie sie es angedeutet hatte. Chinas Zentralbank wirft ihr vor, damit den globalen Kurssturz ausgelöst zu haben.

John Dyer
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BOSTON. Noch vor wenigen Wochen schien klar, dass die amerikanische Notenbank Fed an ihrer nächsten Sitzung im September der bisherigen Politik der Zinsen nahe null ein Ende machen würde. Doch der immer stärker werdende Dollar und die von China ausgehenden Börsenturbulenzen, die inzwischen global alle Aktienmärkte erfasst haben, lassen Zweifel aufkommen.

Nun blicken alle Analysten und Banker nach Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming, wo Fed-Vizechef Stanley Fisher beim traditionellen Symposium zur Wirtschaftspolitik an diesem Samstag eine Rede halten wird.

Eingeführt in dunklen Tagen

Die Niedrigstzinsen waren in den dunkelsten Tagen der Finanzkrise im Dezember 2008 eingeführt worden und blieben seither unverändert. Zu Beginn dieses Jahres hatte Fed-Chefin Janet Yellen angedeutet, dass man die Zinssätze leicht anheben könne, schrittweise und abhängig davon, wie sich die Wirtschaft entwickle. Die gesamte Finanzwelt erwartete das für September. Chefökonom Michael Gapen von der britischen Bank Barclays allerdings warnt in seinem Kundenbrief: «Auch wenn wir die Wirtschaftstätigkeit in den USA als solide ansehen, was eine bescheidene Zinsanhebung rechtfertigen würde, so glauben wir, dass die Federal Reserve kaum einen Anhebungszyklus in dieser Umgebung beginnen wird, aus Angst, dass dieser Schritt die Märkte weiter destabilisieren würde.»

Denn die Wall Street ist verunsichert. Im Zentrum steht die Frage, ob die Weltmärkte weiter einbrechen, wenn der Dollar noch stärker gegenüber dem chinesischen Yuan werden sollte, gegenüber dem Euro und anderen Währungen. Dass man sich der Risiken auch in der Fed bewusst ist, zeigen die Protokolle der Juli-Sitzung des Offenmarktausschusses, der über die Zinspolitik entscheidet. Die Zweifel an höheren Zinsen waren dort noch nicht ausgeräumt.

Kritik aus China

Die Zweideutigkeit der Signale aus der US-Zentralbank wird jetzt von China kritisiert. Yao Yudong, der Direktor der Finanzforschung der chinesischen Zentralbank, führte am Dienstag die Einbrüche an den Märkten weltweit auf die Erwartung zurück, dass die Fed die Zinsen anheben werde. Yudong sagte laut der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, die anstehende Erhöhung habe den Ausverkauf durch die Händler ausgelöst. Schon im Januar 2014 hatte der Dollarkurs angezogen, nachdem die Fed-Banker erstmals über ein Ende der Nullzinspolitik nachgedacht hatten. Als die Öl- und Rohstoffpreise vor einem Jahr klar zu sinken begannen, weil die Nachfrage aus China lahmte, ging der Dollarkurs wieder nach oben. Wenn die Fed jetzt bald die Zinsen anhebt, wird der Aufwertungsdruck auf den Dollar zunehmen.

Falls der erwartete Zinsschritt der Fed aber nicht kommen sollte, ist ebenso offen, was geschehen kann. Denn die Finanzwelt hat sich weltweit darauf eingestellt. China hat seine Leitzinsen schon gesenkt, um gegen den erwartet noch stärkeren Dollar gewappnet zu sein und seine Exportfähigkeit zu sichern. Kommt die erwartete Kehrtwende in der US-Politik nicht, dann müssten sich China und andere Länder neue Massnahmen einfallen lassen – welche, ist ungewiss.