Unternehmer mit russischer Seele

Walter Oberhänsli hat aus dem Nichts Europas grösste Online-Apotheke aufgebaut. Beharrlich verfolgte er trotz Widerstand der Schweizer Apotheker sein Ziel. Der Thurgauer, der in Steckborn aufgewachsen ist, liebt östliche Literatur und Musik.

Inge Staub
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Walter Oberhänsli gönnt sich eine Tasse Kaffee am Hauptsitz von «Zur Rose» in Frauenfeld. Im Hintergrund ein Handverkaufstisch aus Steckborn. (Bild: Andrea Stalder)

Walter Oberhänsli gönnt sich eine Tasse Kaffee am Hauptsitz von «Zur Rose» in Frauenfeld. Im Hintergrund ein Handverkaufstisch aus Steckborn. (Bild: Andrea Stalder)

FRAUENFELD. Für einen Chef geht er spät aus dem Haus. Walter Oberhänsli fährt mit seinem Auto zwischen 7.45 und 8.15 Uhr aus der Garage. «Ich möchte um 8 Uhr unterwegs sein», sagt der Thurgauer Unternehmer. Denn ab dieser Zeit sendet der Südwestrundfunk sein Morgenjournal mit Kulturtips. «Das ist für mich unverzichtbar. In dieser Sendung werden neue Bücher vorgestellt.» Der CEO der Versandapotheke Zur Rose liebt Literatur. Vor allem russische.

Das Sitzungszimmer am Hauptsitz der Zur Rose-Gruppe in Frauenfeld ist riesig. Ein sechs Meter langer und zwei Meter breiter Tisch dominiert den Raum. An der Wand steht ein alter Handverkaufstisch, dessen Schubladen mit Emailschildern bestückt sind. Er stammt aus Walter Oberhänslis Heimat- und Wohnort Steckborn. Am Untersee wuchs er als Einzelkind auf. Der Vater war Ingenieur, so lag es nahe, dass auch Walter Oberhänsli die Matura machte. «Ich war in Steckborn der einzige meines Jahrgangs, der das Gymnasium besuchte», sagt der 57-Jährige. Unter der Woche wohnte er im Konvikt in Frauenfeld. «Phantastisch, ich habe mit 14 eine neue Welt entdeckt.»

Er entschloss sich, Jurist zu werden, weil er in den diplomatischen Dienst wollte. Doch daraus wurde nichts. Nach dem Studium trat er in eine Kreuzlinger Anwaltskanzlei ein und blieb im Thurgau hängen. An historischer Bausubstanz interessiert, kaufte er Ende der 1980er-Jahre in Steckborn ein barockes Fachwerkhaus mit Namen Zur Rose und suchte hierfür einen Mieter. Er setzte sich in den Kopf, dass eine Apotheke einziehen sollte. Doch beim Apothekergrossisten Galenica und bei diversen Apothekern holte er sich eine Abfuhr.

Ärzte schlossen sich zusammen

Dies spornte ihn erst richtig an. Er besorgte sich beim Kanton eine Ausnahmebewilligung, damit ein Deutscher die Apotheke führen konnte, und schloss sich mit Ärzten zusammen. Die Firma Zur Rose war geboren. Der Aufbau der Versandapotheke war ein steiniger Weg. Viele sagten, seine Idee, Patienten Arzneimittel ins Haus zu liefern, sei unrealistisch. «Stosse ich auf Widerstand, dann motiviert mich das», sagt er.

Zehn Jahre lang baute Oberhänsli neben seiner Tätigkeit als Anwalt in der Kreuzlinger Kanzlei das Unternehmen Zur Rose auf. «Mein Ehrgeiz und mein Unternehmergeist waren früh geweckt. Das Unternehmertum der Familie Gegauf hat mich geprägt.» Denn Walter Oberhänsli war in erster Ehe mit Isabelle Gegauf, der Enkelin von Bernina-Gründer Fritz Gegauf, verheiratet. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor.

Heute sind es 800 Mitarbeiter

Nach acht Jahren als Stadtrat in Steckborn konzentriert sich Oberhänsli heute voll und ganz auf seine Firma. Aus anfänglich sieben Mitarbeitern sind 800 geworden, davon arbeiten 200 in Frauenfeld. Belieferte der Betrieb Zur Rose am Anfang ausschliesslich Ärzte, bestellen inzwischen auch Privatkunden. Über eine halbe Million Rezepte gehen jährlich ein. Walter Oberhänsli ist stolz darauf, dass es ihm gelungen ist, ein Unternehmen mit europäischer Bedeutung zu entwickeln. Auch von Rückschlägen lässt sich der Thurgauer nicht unterkriegen. «Die Kunst ist, trotzdem weiterzumachen.» Dabei geht es ihm auch darum, das bestehende Monopol-System zu verändern, zugunsten der Patienten. «Sie sollen bequem an ihre Arzneimittel kommen.»

Unterstützt wird Oberhänsli von einem jungen Team. «Ich liebe meine Mitarbeiter», sagt er. «Wir sind hier wie eine kleine Familie und begegnen uns auf Augenhöhe.» Aber oft ist er auf Reisen. «Ich sitze selten am Schreibtisch.» Seine Privat-Reisen führen ihn nach Russland oder Georgien. «Der Osten hat es mir angetan», sagt er, der neben der Literatur auch der russischen Oper verfallen ist.

Das Wochenende hält sich Oberhänsli frei. Er verbringt es zu Hause in Steckborn oder auf Ibiza. Bei einem Glas Weisswein, mit Blick auf das Meer oder den Untersee, und einem guten Buch. Derzeit fesselt ihn der Roman «Das achte Leben» der georgischen Autorin Nino Haratischwili. An Lesestoff mangelt es ihm nicht. Noch während im Radio die Kultursendung läuft, bestellt er den aktuellen Buchtip – per Amazon-App.