Unternehmen müssen umplanen +++ Krisenpläne wurden aktiviert, denn das Virus wirbelt alles durcheinander

Kundenevents, Raiffeisenabende und Generalversammlungen werden abgesagt. Die Kurzarbeit nimmt zu.

Stefan Borkert
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Kundenevents oder Generalversammlungen werden in diesen Tag vielfach abgesagt.

Kundenevents oder Generalversammlungen werden in diesen Tag vielfach abgesagt.

Bild: Ralph Ribi

Die Börse bebt, Geschäfte leiden und innerhalb der Ostschweizer Unternehmen werden Krisenpläne aus der Schublade gezogen. Social Distancing ist ein Stichwort. Thomas Pfennig von der St.Galler Quickmail und Quickpac erklärt exemplarisch: «Das heisst, wir verzichten auf Händeschütteln, führen Besprechungen wo möglich und sinnvoll per Telefon- oder Videokonferenz durch und beschränken unsere Reisetätigkeiten auf ein Minimum.» Eine fortlaufende Beurteilung der Lage finde mindestens täglich auf Stufe Geschäftsleitung statt.

Anita Schweizer von der Thurgauer Kantonalbank sagt: «Wir bieten Kunden auf deren Wunsch an, Gespräche zu verschieben oder telefonisch zu führen. Im Sinne einer zusätzlichen Vorsichtsmassnahme werden einzelne Abteilungen neu an zwei verschiedenen Orten arbeiten.» Ausserdem könne die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten, also Home-Office, noch ausgeweitet werden.

Neben den üblichen Massnahmen setzt auch die Acrevis Bank auf Home-Office. Michael Steiner, Vorsitzender der Geschäftsleitung, ergänzt: «An unserer Generalversammlung nehmen normalerweise über 2500 Personen teil. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit den Optionen bezüglich Art und Zeitpunkt der Durchführung. Der Verwaltungsrat fällt nächste Woche eine Entscheidung.»

Bereits gefallen sind Entscheidungen bei den lokalen und regionalen Raiffeisengenossenschaften. Die Regio Altnau hat ihre Raiffeisenabende abgesagt. Reto Inauen, neuer Thurgauer Raiffeisenpräsident, verweist auf die abgestimmte Vorgehensweise mit Raiffeisen Schweiz. Auch hier ist Home-Office ein Thema. Er sagt: «Die meisten Raiffeisenbanken haben ihre General- oder Delegiertenversammlung bereits verschoben. Einzelne Entscheide stehen noch aus.» Die Raiffeisenbank Frauenfeld, deren Bankleiter er ist, habe entschieden, die geplante Generalversammlung von Ende März auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Man werde die Genossenschafter in diesen Tagen schriftlich darüber informieren.

Eventfirmen unter Druck

Bei der Helvetia hält man am Datum der Generalversammlung vom 24. April vorderhand fest. «Eine Verschiebung steht nicht im Vordergrund, allerdings ist die Art und Weise der Durchführung offen», sagt Helvetia-Chef Philipp Gmür. Orior mit Biotta und Bell mit Hügli haben ihre Generalversammlungen verschoben. Viele solcher Anlässe werden von Catering-Unternehmen oder Eventfirmen betreut. Dort spitzt sich die Lage zu. Bei den kantonalen Arbeitsämtern im Thurgau und St.Gallen steigen die Anmeldungen für Kurzarbeit.

Karin Jung, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Arbeit St.Gallen, sagt, dass zwei Anmeldungen schon genehmigt wurden. Weitere seien angekündigt. Judith Müller, stellvertretende Leiterin des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit, bestätigt: «Wir hatten und haben laufend Anfragen vor allem aus dem Bereich Messe und Events. In den letzten drei Tagen sind fünf Gesuche eingegangen. Diese Unternehmen sind im Bereich Events tätig.» Reinhard Frei von der Freicom AG erklärt, dass er bei seinen Kunden zunehmend Verunsicherung spüre. Die Rheintaler Autoshow werde reduziert ohne Festwirtschaften und Catering nur an einem Tag durchgeführt. «Eine weitere Veranstaltung, die wir in Zusammenarbeit mit dem FC St.Gallen am 17.3. organisieren wollten, mussten wir absagen, weil die Firma, in der sie durchgeführt werden sollte, keine Fremdveranstaltungen mehr durchführen darf.»

Jérôme Müggler, Direktor der IHK Thurgau, sagt, dass der Thurgauer Technologietag Ende März im Gegensatz zu zwei Messen in Weinfelden noch nicht abgesagt sei. Alessandro Sgro von der IHK St.Gallen-Appenzell macht sich Sorgen: «Es herrscht Angst und Angst ist selten ein guter Ratgeber.» Das sagt auch Fréderic Papp, Finanzexperte bei Comparis: «Eine Zunahme von Kurzarbeit, der Arbeitslosigkeit und von Konkursen ist absehbar. Das Virus verunsichert Investoren. Und Unsicherheit ist Gift für die Börsen.»

Grosse Unternehmen und Konzerne wie Migros Ostschweiz, Bühler oder der SFS haben Kundenevents oder Tagungen gecancelt. SFS-Sprecher Claude Stadler: «Wir klären die Herkunft von externen Besuchern und verzichten wo immer möglich auf Geschäftsreisen sowie die Teilnahme an grösseren Messen.» Ausserdem habe man grössere Kundenevents, welche kurzfristig stattfinden würden, abgesagt.

Kurzfristige Engpässe im Supermarkt

Speziell bei der Migros Ostschweiz kam es punktuell zu Engpässen. Sprecher Andreas Bühler nennt die stark erhöhte Nachfrage nach länger haltbaren Lebensmitteln in den Migros-Supermärkten. «Wir konnten aber den Nachschub sicherstellen.» Nur kurzfristig seien einzelne Produkte nicht verfügbar gewesen. Inzwischen habe sich die Nachfrage weitgehend auf das normale Niveau eingependelt.

Konserven sind bei der Kundschaft gefragt.

Konserven sind bei der Kundschaft gefragt.

Bild: Beat Blaettler

Burkhard Böndel, Sprecher von Bühler, nennt umfassende Massnahmen. Mit Blick auf China wächst bei Bühler die Hoffnung: «Auf Produktionsseite haben wir in China alles unternommen, Lieferantenketten aufrechtzuerhalten, um nach der behördlich angeordneten Schliessung der Werke diese so rasch wie möglich wieder hochzufahren. Das ist inzwischen geschehen und unsere Produktion in China nähert sich schrittweise wieder der Normalität.»