UNTER DRUCK: Dieselskandal droht sich auszuweiten

Die deutsche Autoindustrie soll den Wettbewerb über Jahre hinweg durch gemeinsame Absprachen ausgehebelt haben. Der Dieselskandal sei Folge des Kartellfalls, deckt der «Spiegel» auf.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Daimler, BMW, Audi, Porsche und Volkswagen – diese fünf ­grossen deutschen Automobil­hersteller haben möglicherweise für einen der grössten Kartell-skandale der deutschen In­dustriegeschichte gesorgt. Dies schreibt das Magazin «Der Spiegel» ist seiner neuesten Ausgabe. Dem Bericht zufolge sollen die fünf Fahrzeughersteller seit den 90er-Jahren in mehr als tausend Treffen mehrere wettbewerbsverzerrende Absprache getroffen haben. Dabei soll es um die Technik für Cabriolets ebenso gegangen sein wie um Fragen rund um Bremssysteme und Luftfederungen. Die Ingenieure und Techniker sollen sich in insgesamt 60 Arbeitsgruppen eng ausgetauscht und die Herstellungen gegenseitig abgestimmt und koordiniert haben. Die Arbeitsgruppen trugen Namen wie «Aufbau/Karosserie», «Fahrwerk», «Elektrik/Elektronik» oder «Gesamtfahrzeug». Währenddessen lobten die Autobosse nach aussen hin den angeblich harten Wettbewerb auf dem Industriestandort Deutschland.

«Auf kleine Tanks geeinigt»

Die Absprachen wurden offenbar nicht zu Gunsten der Kunden getroffen. Denn die mutmasslichen Kartellverstösse, so der «Spiegel», seien auch Basis für den Skandal rund um manipulierte Dieselmotoren. «Der Dieselskandal wäre ohne Absprachen der deutschen Autohersteller nicht so und vielleicht gar nicht entstanden», schreibt das Magazin.

2006 hätten die fünf Fahrzeughersteller eine gemeinsame Arbeitsgruppe auf die Beine gestellt, um über Möglichkeiten zur Herstellung umweltfreundlicher Antriebstechnologien zu sprechen. Ausgangslage seien die weltweit lauter gewordene Forderung nach Senkung des CO2-Ausstosses und verschärfte Umweltregelungen in den USA gewesen. Zudem sei der japanische Konkurrent Toyota in Fragen des Umweltschutzes mit neuen Hy­bridmotoren der deutschen Konkurrenz davongeeilt. Die deutsche Automobilbranche setzte weiterhin auf die über 100 Jahre alte Dieseltechnologie. Diesel stösst zwar weniger CO2 als ­Benzinmotoren aus, produziert ­hingegen mehr Stockoxide. In mehreren Sitzungen soll sich die vordergründig im harten Wettbewerb zueinander stehende deutsche Automobilindustrie auf eine Technik zur Abgasreinigung ihrer Dieselmotoren geeinigt haben. Es ging um die Frage, wie gross die in die Fahrzeuge eingebauten Tanks sein sollen für ein Harnstoffgemisch (AdBlue), mit dessen Hilfe Stickoxide in harmlose Bestandteile wie Wasser und Stickstoff aufgespalten werden können. Laut dem Magazin einigte sich die Branche auf möglichst kleine, kostengünstigere und platzsparende Tanks. Weil dadurch aber die Umweltvorgaben nicht mehr erfüllt werden konnten, begannen die Ingenieure, mit einer verbotenen Software die Ausstosswerte zu manipu­lieren.

Die Absprachen zwischen Audi, Porsche, BMW, Volkswagen und Daimler gehen offenbar aus einer Art Selbstanzeige hervor, die der Volkswagen-Konzern laut «Spiegel» bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht hat. Die mutmasslich in den Kartellverstoss involvierten Unternehmen wollten sich gegenüber dem Magazin nicht äussern.

Christoph Reichmuth, Berlin