«Unsere Struktur ist sehr robust»

Der Versicherer Helvetia ist auch in Südeuropa aktiv. Trotz der Schuldendebatte in der EU zeigt sich Helvetia-Chef Stefan Loacker zuversichtlich, was das Engagement in diesen Märkten betrifft. Zugleich sei Helvetia breit abgestützt.

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Herr Loacker, die Helvetia ist stark in Südeuropa engagiert. Macht Ihnen der Meltdown, sozusagen die finanzielle Schmelze, in diesen Ländern keine Sorge?

Stefan Loacker: Es gibt glücklicherweise keinen Meltdown, sondern lediglich eine grosse Unsicherheit. Die Geschäftsstruktur der Helvetia mit stabilem Heimmarkt und gut diversifizierten Auslandmärkten ist sehr robust. Der Heimmarkt Schweiz ist mit über 50 Prozent unserer Prämieneinnahmen klar wichtigster Pfeiler. Aber auch unsere Geschäfte in Deutschland, Österreich, Italien, Spanien und Frankreich sind alle profitabel und bieten langfristig sehr interessante Perspektiven.

Kann die momentane Schuldendebatte einzelner EU-Länder die Solidität der Helvetia-Bilanz wirklich nicht ins Wanken bringen?

Loacker: Definitiv nein.

Mit der Übernahme von Chiara Vita wurde das Engagement in den «Wackelstaaten» aber noch verstärkt. Total stammen jetzt 20 Prozent des Geschäftsvolumens aus Italien und 7 Prozent aus Spanien.

Loacker: Wir sind davon überzeugt, dass die Volkswirtschaften in Italien und Spanien ihre Herausforderungen bewältigen können. Unsere eigenen Ländermarktrisiken als Versicherer haben wir gut unter Kontrolle, weil die Bestände an italienischen und spanischen Staatsanleihen nur knapp drei Prozent des Anlagenbestandes der Helvetia-Gruppe ausmachen.

Und wie sind die Aussichten?

Loacker: Mittel- und längerfristig erwarten wir in Südeuropa weiterhin ein gutes Wachstumspotenzial – gerade weil die staatlichen Sparprogramme den privaten Versicherungsanbietern im Wechselspiel mit geringeren Sozialversicherungsleistungen einen höheren Stellenwert einräumen werden. Durch die Übernahme der angesprochenen Chiara Vita sind wir nun einer der Top-20-Anbieter im italienischen Lebensversicherungsmarkt und werden aus dieser Position heraus unsere Chance nutzen.

Trotzdem: Nicht nur Helvetia, auch Nationale Suisse oder Zurich Financial werden mit ihren Engagements in dieser Region abgestraft. Ist das Misstrauen völlig unbegründet?

Loacker: Die kurzfristigen Reaktionen der Finanzmärkte wurden nicht von einzelnen Unternehmen ausgelöst, sondern vielmehr von den mit der EU-Krise befassten Politikern. Auf den aktuellen Cocktail von mangelnder Transparenz über die Grösse des möglichen Problems dieser Staaten einerseits und nur vagen Lösungsansätzen andererseits reagiert die Börse generell negativ. Das ist ein bekanntes Phänomen. Für uns ist dies jedoch kein Grund, unsere längerfristigen Ziele aus den Augen zu verlieren.

Themenwechsel: Die internationale Vereinigung der Versicherungsbehörden hat ein Papier in die Vernehmlassung geschickt, das eine global einheitliche Beaufsichtigung von Assekuranzkonzernen vorsieht. Was bedeutet dies für die Helvetia?

Loacker: Eine weltweite Harmonisierung der Solvenzvorschriften würden wir sehr begrüssen, weil nur so die Vergleichbarkeit auch auf internationaler Ebene hergestellt werden kann. Leider bewegen sich die zuständigen Behörden auf diesem Weg nur sehr langsam.

Nur: In der EU wird am neuen Aufsichtskonzept Solvenz II gefeilt. Es beruht auf der Marktbewertung von Versicherungsverpflichtungen und -vermögen. Wie stellen Sie sich dazu? Immerhin könnten diese neuen Kapitalvorschriften die Profitabilität der Branche schmälern.

Loacker: Vertrauenswürdigkeit und langfristige Sicherheit für unsere Kunden stehen für die Helvetia zuoberst. Mit mehr als drei Milliarden Franken Eigenkapital verfügen wir über eine doppelt so breite Kapitalbasis, wie gesetzlich erforderlich wäre. Wir sind daher heute schon bestens darauf vorbereitet, künftige Kapitalanforderungen in der Schweiz wie auch in Europa komfortabel zu erfüllen.

Knackpunkt ist offensichtlich nach wie vor die Bewertung von Immobilien. Professor Heinz Zimmermann warnt davor, den Glauben an die marktwirtschaftlichen Werte zu übertreiben. Er rät davon ab, Immobilienbestände durch Staatsanleihen zu ersetzen. Wie hält es die Helvetia künftig?

Loacker: Die Helvetia-Gruppe ist überzeugt, dass Anlagen in hochwertige Immobilien ein wichtiger Pfeiler einer gut strukturierten Versicherungsbilanz sind. Aktuell werfen Immobilien eine deutlich höhere Rendite als Staatsanleihen ab und sind viel weniger volatil als Aktien. Wir werden daher weiterhin in Qualitätsliegenschaften investieren und keine Umschichtungen auf Staatsanleihen vornehmen. Interview:

Mélanie Knüsel-Rietmann