Unpünktliche Züge und die Coronakrise: Das sind die Baustellen des neuen SBB-Chef

Die SBB erhalten mit Vincent Ducrot mitten in der Krise einen neuen Chef. Gelingt es dem bisher eher unscheinbaren Bähnler, das Personal glücklich zu machen und Probleme wie Mängel bei der Infrastruktur zu lösen?

Stefan Ehrbar
Drucken
Teilen
Vincent Ducrot ist ab Mittwoch neuer SBB-Chef. Auf den 57-Jährigen warten viele Baustellen.

Vincent Ducrot ist ab Mittwoch neuer SBB-Chef. Auf den 57-Jährigen warten viele Baustellen.

Keystone

Als Vincent Ducrots Vorgänger Andreas Meyer vor drei Wochen an der Bilanzmedienkonferenz seinen letzten grossen Auftritt vor den Medien hatte, scherzte er noch über Zugbegleiter, die ihm nach wie vor die Hand schütteln wollen. Mittlerweile ist allen in der Branche das Lachen vergangen. Der öffentliche Verkehr transportiert wegen des Coronavirus nur noch einen Bruchteil der Passagiere und Ducrot ist schon Krisenmanager, bevor er seinen ersten Arbeitstag hinter sich hat.

Am Mittwoch übernimmt der 57-Jährige das Steuer bei den SBB. Ducrot leitete bisher die Verkehrsbetriebe Fribourg - ein Zwerg im Vergleich zu den Bundesbahnen mit ihren 33'000 Mitarbeitern. Der ausgebildete Elektroingenieur leitet nun ein Unternehmen, das 4,4 Milliarden Franken jährlich von der öffentlichen Hand bezieht und die Schweiz verkörpert wie seit dem Grounding der Swissair keine zweite Institution mehr. Diese Baustellen erwarten Ducrot:

1. Die Coronakrise

Um 80 Prozent sind die Passagierzahlen bei den SBB in den letzten Tagen eingebrochen. Dutzende Millionen Franken verlieren die Bundesbahnen jeden Monat während der Coronakrise. Michael Töngi (Grüne), Präsident der Verkehrskommission im Nationalrat, sagt: «Kurzfristig wird die Coronakrise das dominierende Thema für Ducrot sein. Wie kommt die SBB durch die Krise und wie lassen sich die Ausfälle kompensieren?» Langfristig stellt sich die Frage: Werden sich die Passagierzahlen rasch wieder erholen, oder wird eine Rückkehr zur Normalität länger dauern? Walter von Andrian, Chefredaktor der Schweizer Eisenbahn-Revue, sagt, das wisse noch niemand: «Es ist unmöglich, jetzt eine Aussage zur Entwicklung des Verkehrs zu machen.»

2. Das Verhältnis zum Personal

Die Personalmotivation bei der SBB lag im letzten Jahr bei 73 von 100 Punkten. Tiefer war sie zuletzt 2012. Vor allem beim Lokpersonal ist der Ärger gross: Wegen Fehlplanungen, die die SBB selbst zugeben musste, fehlen Lokführer. Ärger gab es auch bei den Zugbegleitern - vor allem, weil die Führung entschied, dass nicht mehr alle Fernverkehrszüge grundsätzlich von zwei Mitarbeitern begleitet werden. Viele Reorganisationen der letzten Jahre sorgen ebenfalls für Unstimmigkeiten. Jürg Hurni, Sekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonal SEV, sagt: «Das Personal macht zum Teil nicht mehr mit. Das hat eine grosse Fluktuation zur Folge, die in der Vergangenheit negiert wurde.» Auch die interne Kommunikation sei schwierig: «Viele Mitarbeiter fühlen sich nicht angesprochen und haben das Gefühl, sie werden nicht wahrgenommen und wertgeschätzt.»

3. Pünktlichkeit

Die Pünktlichkeit war 2019 «nicht zufriedenstellend», steht im Geschäftsbericht der SBB. Auch der Bund übt Kritik: «Die Qualität der Leistungserbringung entsprach nicht den Erwartungen», heisst es im Bericht zur Erreichung der strategischen Ziele. «Die SBB konnten das gewohnte Niveau nicht erreichen.» Bahnjournalist Walter von Andrian sagt: «Die Pünktlichkeit ist eine Herausforderung. Hier stellt sich die Frage: Wie viel Ausbau ist künftig noch möglich, ohne dass das System an seine Grenzen stösst?» In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Züge und damit der nötigen Unterhaltsarbeiten stetig. Bau- und Unterhaltsarbeiten seien denn auch einer der Gründe für zunehmende Unpünktlichkeit, analysiert die Bahn. 

4. Die Infrastruktur

Verkehrspolitiker Töngi sagt, eng mit der Pünktlichkeit verknüpft sei die Frage der Kapazitäten und allfälliger Grenzen, die ein weiterer Ausbau habe. «In den letzten Jahren hatten wir eine sehr dynamische Entwicklung mit einem grossen Wachstum.» Bahnjournalist Walter von Andrian sagt: «Es gibt immer noch einen Rückstand beim Unterhalt, der aufgeholt werden muss. Andererseits nützt sich die Infrastruktur ab, je mehr gefahren wird. Wenn das Angebot also weiter ausgebaut wird, muss auch mehr in den Unterhalt investiert werden.» 

5. Die Preise

«Nicht ganz zu Unrecht hat der Schweizer öV ein Image, das von Komplexität und hohen Preisen geprägt ist», schreiben die SBB auf ihrer Internetseite. Vincent Ducrots Vorgänger Andreas Meyer hatte ein Ziel: Stabile oder sogar sinkende Preise. Tatsächlich nahmen die SBB in den letzten drei Jahren keine generelle Preiserhöhung mehr vor. Der Anteil, den der ÖV am Gesamtverkehr hat, steigt seit einigen Jahren nicht mehr und beträgt laut dem Informationsdienst Litra derzeit etwa 21 Prozent. «Das Thema ist brisant», sagt Grünen-Nationalrat und Kommissionspräsident Michael Töngi. «In den letzten Jahren ist der ÖV im Vergleich zum Auto teurer geworden. Persönlich bin ich der Meinung, dass er auf keinen Fall teurer werden darf.»

Mehr zum Thema