«Ungleichheit bremst das Wachstum»

Wer wissen will, wie es einem Land geht, schaut aufs Bruttoinlandprodukt. Mari Kiviniemi, stellvertretende OECD-Generalsekretärin, betont aber, dass weitere Faktoren in der Gesellschaft im Lot sein müssen, damit die Zahlen und das Wohlergehen langfristig stimmen.

Thorsten Fischer
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Mari Kiviniemi, stellvertretende OECD-Generalsekretärin, im Gespräch am St. Gallen Symposium. (Bild: Ralph Ribi)

Mari Kiviniemi, stellvertretende OECD-Generalsekretärin, im Gespräch am St. Gallen Symposium. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Kiviniemi, integratives Wachstum orientiert sich nicht bloss am reinen Bruttoinlandprodukt eines Landes, sondern will Wachstum viel umfassender messen. Aber berücksichtigt das Bruttoinlandprodukt nicht bereits eine Menge an wichtigen Faktoren?

Mari Kiviniemi: Ja, natürlich, und ich halte das Bruttoinlandprodukt auch weiterhin für einen sehr guten Weg, um Wachstum zu messen. Wir, das heisst die OECD, wollen jedoch etwas hinzufügen und mit weiteren Bereichen über das Bruttoinlandprodukt hinausschauen. Das Bruttoinlandprodukt als Wachstumsmassstab bildet nämlich die verschiedenen Dimensionen von Wohlstand nicht ab. Im Besonderen, wenn es ums Wohlergehen der ganzen Gesellschaft geht.

Was heisst das konkret?

Kiviniemi: Die Initiative für integratives Wachstum der OECD betont zwei grundlegende Sichtweisen. Zum einen müssen die Dinge vielschichtig betrachtet werden: Es ist wichtig, nicht nur Einkommen zu berücksichtigen. Eine multidimensionale Sichtweise muss Faktoren wie die Beschäftigungslage oder die Gesundheit von Menschen mit einbeziehen. Zum andern werden die Verteileffekte innerhalb einer Gesellschaft unter die Lupe genommen. Etwa, wie stark die Unterschiede zwischen Menschen mit sehr geringen Einkommen und sehr hohen Einkommen sind. Aber auch wie sich diese Unterschiede entwickelt haben. Generell lässt sich sagen: Ungleichheit bremst auf Dauer Wachstum.

Ein solch breiter Ansatz bedeutet, dass die Gesellschaft letztlich an sehr vielen Ecken und Enden gefordert sein wird.

Kiviniemi: Wachstum integrativer zu gestalten, ist ein umfangreiches und ehrgeiziges Unterfangen. Die OECD ist daran, dieses Feld systematisch zu erforschen und zu erschliessen. Das Wohlergehen der Menschen in einem umfassenden Sinn zu fördern, gehört zu unseren wichtigsten Prioritäten.

Eine Zäsur war zweifellos die Finanzkrise ab 2007. Welche Effekte hatte die Krise aus Ihrer Sicht? Sind tatsächlich neue Ideen gefragt, oder lebt man nicht noch viel kurzfristiger, weil man schlicht nicht weiss, was das Morgen bringt?

Kiviniemi: Es gibt noch immer viele Leute, die an den Folgen der Finanzkrise leiden. Dazu genügt ein Blick auf die Arbeitslosenquote in vielen Ländern. Auch wenn die Finanzkrise nicht alle Länder gleich stark getroffen hat – die Diskussion über neue Ansätze, die über das Bruttoinlandprodukt hinausgehen wie die OECD-Initiative für integratives Wachstum, wird mit steigendem Interesse geführt. Der Wunsch nach langfristigen und nachhaltigen Konzepten nimmt zu.

Wer sollte sich aus Ihrer Sicht primär um diese Anliegen kümmern? Der Staat oder die Wirtschaft?

Kiviniemi: Das kommt auf den Bereich an. Beispielsweise ist Bildung immer ein wichtiger Faktor, der zu einem robusten Arbeitsmarkt beiträgt. Damit sollte in jedem Land möglichst früh, also bereits im Vorschulalter, begonnen werden. Die Voraussetzungen dazu müssen von der Politik geschaffen werden, später im Berufsleben aber auch von den Unternehmen. Lebenslanges Lernen ist eine der entschiedensten Arten, um integratives Wachstum zu fördern. Was die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau im Beruf angeht, sehe ich sowohl Politik als auch Wirtschaft in der Pflicht. Und wenn Firmen in die Bildung ihrer Mitarbeiter investieren, werden die Unternehmen produktiver und steigern die allgemeine Wohlfahrt. Zugleich zählt natürlich auch die Eigenverantwortung jeder Person, ihren Beitrag zu leisten.

Wenn es um Eigenverantwortung geht: Kann man nicht alles dem freien Markt überlassen, der auf Dauer, so die Hoffnung, alles regelt?

Kiviniemi: Das halte ich für eine schöne Theorie. In der Realität lautet die Gegenfrage aber: Ist in freien Märkten der Markt wirklich frei von Zwängen? Es hat sich gezeigt, dass es politische Unterstützung braucht, um Konzepte wie die OECD-Initiative für integratives Wachstum zu fördern.

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich in Finnland gemacht?

Kiviniemi: Bevor ich meinen Posten bei der OECD annahm, habe ich bereits miterlebt, wie integratives Wachstum als Konzept gestaltungspolitisch umgesetzt wurde. Und bei genauerer Betrachtung kam ich zum Schluss: Genau dieses Modell verfolgen Finnland und weitere nordische Länder bereits seit Jahren. Sie setzen auf die Idee, möglichst alle mit an Bord zu nehmen. Das bedeutet natürlich, dass die Steuerlast höher ist. Aber dafür erhalten die Bürgerinnen und Bürger auch viel. Beispielsweise ein umfassendes Sozial- und Gesundheitswesen, ebenso muss niemand Studiengebühren bezahlen. Gleichzeitig ist es den Ländern gelungen, wirtschaftlich weiter zu wachsen.

Sind solche Konzepte letztlich nur etwas für reichere Länder? Was sollen aufstrebende Länder tun?

Kiviniemi: Auch für aufstrebende Länder macht es Sinn, Massnahmen, die integratives Wachstum fördern, möglichst früh zu berücksichtigen. Ich denke hier vor allem daran, in die Ausbildung der Bevölkerung zu investieren, da sich diese Investition auf Dauer auszahlt. Um beim Beispiel Finnland zu bleiben: Finnland war nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls ein relativ armes Land.

Werden sich ganzheitliche Sichtweisen dank der Globalisierung zunehmend durchsetzen?

Kiviniemi: Durch digitale und soziale Medien gewinnen Menschen immer mehr Einblicke, wie Herausforderungen in anderen Ländern angegangen werden. Das hilft Initiativen, die neue Wohlstandsindikatoren und Ansätze entwickeln. Im Idealfall kommen dann weitere Länder zur globalen Wertschöpfungskette dazu.